Schweiz

«Der Ankläger kommt oft nicht als glorreicher Sieger davon»

Interview: Simon Schmid. Aktualisiert am 13.01.2012 70 Kommentare

Rekordhohe Beteiligung, überraschende Resultate: Politberater Louis Perron diskutiert die grosse Umfrage von DerBund.ch/Newsnet zur Hildebrand-Affäre.

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Louis Perron

Louis Perron ist Politologe und politscher Berater mit Kunden im In- und Ausland. Neben zahlreichen Firmen, Verbänden und Interessengruppen gehören auch zwei Präsidenten, ein Vizepräsident und zahlreiche Minister zu seinen Kunden.

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Die Chronologie der Affäre Hildebrand

Die Chronologie der Affäre Hildebrand
Der Fall Hildebrand: Wie es dazu kam – und welche Personen darin verwickelt sind.

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Beinahe drei Viertel unserer Leser denken, die Affäre Hildebrand hätte nicht mit einem Rücktritt enden müssen. Ein überraschendes Ergebnis?
Das Ergebnis ist nicht überraschend. Wenn sich jemand selbst aus der Schusslinie nimmt, so ist das Publikum oft sehr verzeihend.

Die Leute haben Hildebrand verziehen, weil er seine Fehler im Laufe der Affäre zugegeben und bereut hat?
Nein, gar nicht. Entgegen vielen Kommunikationsberatern fand ich Philipp Hildebrands Entschuldigung an der Pressekonferenz vor einer Woche halbherzig und seine Argumentation wenig überzeugend. Hildebrand wollte damals mit dem E-Mail seiner Frau seine Unschuld beweisen. Wie sich dann am Sonntag herausgestellt hat, ist ihm das aber nicht geglückt.

Wodurch hat sich Philipp Hildebrand denn aus der Schusslinie genommen?
Durch seinen Rücktritt, natürlich. Nach solchen Ereignissen ändern die Leute ihre Meinung oft schlagartig – ganz nach dem Motto: «So haben wir es dann auch wieder nicht gemeint.» Das bedeutet aber überhaupt nicht, dass sich Hildebrand als Präsident hätte halten können.

Die Menschen wollen über die Gefallenen nicht lästern.
Die Dynamik der öffentlichen Meinung ändert sich. Als beispielsweise Bettino Craxi im tunesischen Exil starb, gab es in Italien eine grosse Trauer – obwohl er zuvor mit Schimpf und Schande als Premier aus dem Land verjagt worden war.

Viele Leser halten den Schaden für den Finanzplatz Schweiz für gross. Wie denken Sie persönlich über diese Frage?
Dies lässt sich gegenwärtig noch nicht abschätzen. Klar ist, dass die Affäre in ausländischen Medien thematisiert wurde. Und der Schweizer Bankenplatz ist in Bedrängnis, denken Sie an die Vorgänge bei Credit Suisse, bei Wegelin und der ZKB. Positiv ist die Affäre Hildebrand garantiert nicht.

Sind die Medienkonsumenten nicht vergesslich, was Vorgänge in der Schweiz anbelangt?
Dieser Fall bestätigt die vielerorts vorherrschende Meinung, dass der Schweizer Bankenplatz nicht sehr transparent ist. Wenn das in den Medien immer und immer wieder gesagt wird, so resultiert dies über die Zeit in einem negativen Bild. Zwar ist die vermeintliche Intransparenz der Schweizer Banken für ausländische Kunden nicht so tragisch – umso stärker reagieren jedoch die ausländische Politik und Justiz.

Erklärt die Furcht um den Ruf des Bankenplatzes auch, dass die Leser in der Causa Hildebrand die Bankgeheimnisverletzung für ungerechtfertigt halten?
Die Menschen haben häufig widersprüchliche Meinungen. Die meisten Leute dürften froh darüber sein, dass die ganze Sache ans Licht gekommen ist. Mit den Auswirkungen – auch mit den Umständen – sind viele dann aber wieder nicht zufrieden.

Blocher und die SVP können sich offenbar auch nicht ohne Reputationsschaden aus der Affäre ziehen. Erstaunt Sie das?
Nein, diese Dynamik beobachtet man häufig bei Skandalen: Oft kommt auch der Ankläger nicht als glorreicher Sieger davon. Hinzu kommt, dass sich die an der Aufdeckung beteiligten Personen auch in Widersprüche verstrickt haben. Man weiss bis heute nicht so recht, wer wem welche Dokumente gezeigt hat. Und der Whistleblower befindet sich nun offenbar in psychologischer Behandlung. All dies hinterlässt einen merkwürdigen Nachgeschmack.

Kann sich Blochers Reputation auch schnell wieder ändern?
Christoph Blocher war schon immer eine polarisierende Figur. In letzter Zeit hat er aber bei allen möglichen Umfragen erdrückende Mehrheiten gegen sich. Durch die missratene Ständeratskandidatur, durch den Deal mit der Basler Zeitung und jetzt auch durch die Affäre Hildebrand hat er sich tatsächlich in eine unglückliche Position manövriert. Die allermeisten Menschen haben sich ihre Meinung über Christoph Blocher gemacht. Es bräuchte in der kommenden Legislaturperiode tatsächlich einen «Gamechanger» – zum Beispiel eine europapolitische Abstimmung, einen Notstand im Asylwesen oder etwas Ähnliches – damit er in der Gunst der Mehrheit wieder substantiell Boden gut machen könnte.

Gemäss unseren Lesern hat Evelyne Widmer-Schlumpf bei der Bewältigung der Affäre überzeugt. Wie beurteilen Sie das?
Die Zustimmung ist mit etwa 60 Prozent nicht so überwältigend, wie sie sein könnte. So wie es für mich aussieht, wusste Widmer-Schlumpf vom berühmten E-Mail, hielt aber an Hildebrand fest und verteidigte ihn letzte Woche in der Arena. Mit dieser Strategie holt man sich natürlich nicht 90 Prozent Zustimmung. Aber das braucht man ja auch nicht.

Wird sich dieser Start negativ auf ihr Präsidialjahr 2012 auswirken?
Nein, dafür ist das Ereignis auf ihre Person bezogen zu wenig zentral. Wenn das Schweizer Fernsehen am 27. Dezember 2012 einen Jahresrückblick über ihr Präsidialjahr senden wird, dann wird die Affäre Hildebrand wohl eine Zehn-Sekunden-Sequenz in einem zweiminütigen Beitrag sein, aber nicht mehr. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.01.2012, 19:18 Uhr

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70 Kommentare

Markus Weilenmann

13.01.2012, 20:28 Uhr
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Die Affaire Hildebrand wird von mind. 4 Skanadalen geprägt: 1) dem Bankdatendiebstahl + der Weitergabe der Daten an Dritte, 2) der Publizierung dieser Daten durch div Medien (Verletzung des Daten- + Quellenschutzes, Datendiebstahl-Hehlerei), 3) der Beweislastumkehr und 4) der Anschuldigung für sog. Vergehen, die er potentiell hätte begehen können. Nirgends bleibt die Verhältnismässigkeit gewahrt. Antworten


Micha Tobler

13.01.2012, 22:22 Uhr
Melden 60 Empfehlung

Die Mehrheit würde auch hinter Hildebrand stehen, wenn er nicht zurückgetreten wäre. Denn der Durchschnittsschweizer solidarisiert sich instinktiv mit dem Angegriffenen. Vor allem, wenn das Vergehen klein und die Vorwürfe masslos übertrieben scheinen.
Das zeigen auch die hohen Sympathiewerte für Widmer-Schlumpf und Keller-Sutter.
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