«Denkbar wäre ein Pikett-WK»
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Der 54-jährige André Blattmann ist seit einem Jahr Chef der Armee. Nach einer kaufmännischen Lehre bildete er sich zum Betriebsökonom HWV weiter. In der Armee begann er als Instruktor in Rekrutenschulen der Fliegerabwehr, später war er Kommandant der Zentralschule (höhere Kaderausbildung).
Herr Blattmann, wie schlimm steht es um die Armee? Stürzt bald eine Kaserne ein, oder bleiben Fahrzeuge stehen?
Zugegeben, man kann den Eindruck gewinnen, dass wir überzeichnen. Aber das stimmt nicht. Die Armee hat ein Immobilienportefeuille im Wert von 25 Milliarden Franken. Für den Unterhalt geben wir aber weniger als die Hälfte dessen aus, was zivile Immobilienspezialisten empfehlen. Wir haben etwa in den Küchen teilweise Zustände, die man zu Hause nie akzeptieren würde. Da geht es um die Gesundheit der Soldaten. Wir brauchen mehr Geld, damit die Immobilien nicht verlottern.
25 Milliarden Franken in Immobilien – das ist enorm. Warum verkaufen Sie nicht einen Teil?
Wir haben schon viel verkauft und sind immer noch daran. Aber wir können nicht beliebig Immobilien abstossen. Zum Schiessen mit Fliegerabwehr-Kanonen braucht es zum Beispiel genug Gebirgsplätze.
Mit Ihrem öffentlichen Gejammer machen Sie die Armee zur internationalen Lachnummer. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hat getitelt: «Letztes Gefecht – die Armee der Schweiz ist bankrott».
Die Zeitung hat nicht verstanden, worum es geht. Das Parlament hat in den letzten Jahren Rüstungskäufe beschlossen – aber dann kürzte es das Militärbudget. Dadurch sind nun die Zahlungskredite zu klein, um die bestellte Ware zu zahlen. Das ist eine Tatsache.
Und was machen Sie jetzt?
Ich kann mit den Herstellern über eine längere Zahlungsfrist verhandeln oder über eine längere Auslieferungszeitspanne. Oder wir reduzieren die bestellte Stückzahl. Das Grundproblem bleibt dasselbe: Die Armee – so wie sie die Politik beschlossen hat – bekommt nicht das Geld, das sie braucht. Jetzt müssen die Politiker entweder mehr Geld bewilligen oder mir sagen, wo ich Lücken in Kauf nehmen soll.
Das Prestige der Armee ist verblasst. Eine Militärlaufbahn ist für viele nicht mehr erstrebenswert.
Die entscheidende Frage lautet: Ist uns der Wert der Sicherheit bewusst, nachdem unser Land über 160 Jahre in keinen Krieg verwickelt war? Gerade bei Firmenchefs stelle ich fest, dass der Wert der Armee und der militärischen Kaderausbildung wieder erkannt wird.
Vor welchen Feinden schützt uns denn die Armee?
Man kann die Armee rufen, wenn in Lausanne das Archiv von 150 Firmen brennt und die Berufsfeuerwehr Hilfe braucht. Die Landesverteidigung dagegen hat an Bedeutung verloren. Aber es gibt nach wie vor ein Potenzial an herkömmlicher Bedrohung. Auch in Friedenszeiten ist die Schweiz verletzbar: Wenn Terroristen einen Anschlag auf das Stromverteilzentrum verüben, haben wir ein Problem.
Um solche Anschläge zu verhindern, brauchen wir vor allem einen guten Geheimdienst und Polizisten.
Es sind durchaus Situationen vorstellbar, in denen die Armee unsere Infrastruktur schützen muss. Auch grosse Migrationsströme könnten einen Einsatz nötig machen. Denken Sie nur an die wirtschaftliche Situation in Griechenland: Plötzlich steht in einem EU-Land der Staat vor dem Bankrott!
Ein Armee-Einsatz wegen Flüchtlingsströmen aus Griechenland wirkt ziemlich konstruiert.
Nicht die Migration selber oder die Wirtschaftskrise sind Bedrohungen – aber wegen möglicher Entwicklungen aufgrund der genannten Gefahren kann die Gefährdung steigen. Auch in Europa können Situationen entstehen, die wir uns heute gar nicht vorstellen können. Dann braucht man eine Institution wie die Armee, die helfen kann, Sicherheit zu gewähren. Wir werden im neuen Sicherheitspolitischen Bericht auf solche Szenarien eingehen. Und wir werden parallel dazu in einem Armeebericht aufzeigen, was für Dienstmodelle künftig vorstellbar sind.
Wie sehen diese Modelle aus?
Man könnte die Dauer der Rekrutenschulen und Wiederholungskurse ändern – etwa längere RS und kürzere WK. Oder man könnte die RS modular aufbauen, sodass die Rekruten jeweils für kurze Ausbildungseinheiten einrücken. Denkbar wäre auch, dass man statt herkömmlicher WK einen Pikett-WK macht. Der Soldat müsste bei seinem Arbeitgeber sicherstellen, dass er während dreier bestimmter Wochen pro Jahr in den Dienst abberufen werden kann – wenn etwa die Sicherheitslage seinen Einsatz nötig macht.
Wie stellt man den Ausbildungsstand bei Soldaten sicher, die jahrelang nur auf Pikett sind?
Man müsste die Grundausbildung verlängern. Und die Wehrmänner müssten hie und da zu einer Übung aufgeboten werden. Denkbar ist auch, nach Truppengattung zu unterscheiden: Infanterie und Rettungstruppen leisten weiterhin normale WK, weil sie eher mit Einsätzen rechnen müssen. Artilleristen machen hingegen eine lange Grundausbildung – und bleiben dann auf Pikett.
Wie stehen die Chancen für dieses völlig neue Dienstmodell?
Wir zeigen die Vor- und Nachteile aller Modelle auf – und deren Kosten. Die Politik muss dann entscheiden, wie viel Geld ihr die Armee wert ist. Bereits heute haben wir nicht die Mittel, um die ganze Armee auszurüsten. Nur schon darum müssen wir über neue Dienstmodelle nachdenken.
Das hört sich an, als ob die Armee nur schon aus Kostengründen stärker international kooperieren muss.
Theoretisch stehen drei Möglichkeiten offen: Wir machen alles alleine – sozusagen als Igel-Armee. Das ist zwar sehr unabhängig, aber sehr teuer. Eine zweite Möglichkeit wäre der Beitritt zu einer Verteidigungsallianz, eine dritte die Kooperation mit unseren Nachbarn. Mit mir kann man über alles diskutieren.
Mit Ihrem Chef, Verteidigungsminister Ueli Maurer, hingegen weniger. Er favorisiert die Igel-Armee.
Ich stelle die verschiedenen Varianten aus Sicht der Armee dar. Ueli Maurer und ich müssen nicht zum vorneherein zwingend dieselbe Idee haben. Am Schluss entscheidet das Parlament.
Bisher war der Sicherheitspolitische Bericht geprägt vom Gedanken «Sicherheit durch Kooperation». Wird das auch in Zukunft so sein?
Die Aussage ist weiterhin richtig, auch wenn der neue Bericht unter einem neuen Leitgedanken stehen wird. Primär geht es um die Kooperation im Inland. Ich bin aber fest überzeugt davon, dass wir besonders bei der Ausbildung mit anderen Streitkräften kooperieren müssen. Ansonsten fehlen uns die Grundlagen, die Armee auf die modernen Bedürfnisse auszurichten. Wir müssen die Zusammenarbeit mit Ländern pflegen, die Einsatzerfahrung besitzen. Zudem müssen wir im technischen Bereich zusammenarbeiten. Wenn wir etwas nur für unsere Armee entwickeln lassen, ist es garantiert teurer, als wenn das in einer internationalen Kooperation geschieht.
Wäre es nicht sinnvoll, einem europäischen Verteidigungsbündnis beizutreten?
Was in Europa bündnismässig funktioniert, ist die Nato. Da steht ein Beitritt nicht zur Debatte. Das geplante europäische Verteidigungsbündnis hingegen kommt nicht vom Fleck. Es gibt wohl bilaterale Kooperationen – etwa in den nordischen Ländern oder zwischen Deutschland und Frankreich –, die eine gemeinsame Brigade stellen. Aber von einer gemeinsamen europäischen Verteidigungspolitik, an der sich auch die Schweiz beteiligen könnte, kann nicht die Rede sein.
Sehr bescheiden sind die Beiträge der Schweiz zur Friedensförderung – obwohl das einer der drei Aufträge der Armee ist.
Eine Milizarmee ist für friedensfördernde Einsätze, die mehrere Jahre dauern können, nicht geeignet. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Armee mit Spezialisten hilft, wenn im Ausland Not am Mann ist. Bei einem Erdbeben in Europa könnten wir Helikopter, Rettungstruppen, Sanitäter sowie als Schutzeinheit das Aufklärungsdetachement AAD 10 schicken.
Das hat nichts mit Friedensförderung zu tun.
Wir haben immer wieder Anfragen nach Truppen für internationale Missionen. Doch erst kürzlich hat das Parlament den Anti-Piraten-Einsatz Atalanta abgelehnt. Es stellt sich eben immer die Frage, was ist der Bezug zur Sicherheit der Schweiz. Bei Atalanta sah das Parlament diesen Bezug nicht. Derzeit ist keine andere Anfrage offen.
Was geschieht mit der Swisscoy nach 2011? Die Nato zieht sich aus Kosovo zurück.
Die Nato reduziert ihre Truppen, bleibt aber weiterhin in Kosovo präsent. Ich erachte das als dringend nötig und gehe davon aus, dass auch die Schweiz über 2011 hinaus einen Beitrag an die internationale Präsenz leisten wird.
Sie sagen, die Armee könne sich derzeit keine neuen Flugzeuge leisten. Wäre es nicht intelligenter, die Flugzeuge zu kaufen und dafür auf die Artillerie zu verzichten?
Ich möchte auf die neuen Flugzeuge nicht verzichten. Ich sage einfach, dass wir uns derzeit mit dem der Armee zur Verfügung gestellten finanziellen Rahmen den Betrieb der Flugzeuge nicht leisten können.
Wieso kauft man nicht einfach weniger neue Flugzeuge als geplant?
Das wäre natürlich eine Variante, doch sie ist teuer. Auch für eine kleine Stückzahl müsste man das ganze Wartungsequipment beschaffen. Die Betriebskosten sind sehr hoch. Ideal wäre eine Flotte, die aus einem einzigen Flugzeugtyp besteht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.03.2010, 12:51 Uhr
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