Schweiz

Thomas Ley
Stv. Ressortleiter Reporter


«Das sind keine ‹Reisli›, das ist harte Arbeit»

Aktualisiert am 09.07.2012

Was sagen? Was essen? Was machen? Für Bundesrat Schneider-Ammann ist es anstrengend in China. Das weiss Hans Klaus, der als Sprecher der damaligen Bundesrätin Ruth Metzler solche Arbeitsbesuche mitmachte.

1/5 Details müssen noch geklärt werden: Johann Schneider-Ammann und der chinesische Handelsminister Chen Deming mit der Absichtserklärung. (9. Juli 2012)
Bild: Keystone

   

«Monatelange Vorarbeit»: Hans Klaus war Sprecher von Bundesrätin Ruth Metzler (1999 bis 2003) und arbeitet heute als Kommunikationsberater.

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Herr Klaus, von aussen hat man jeweils den Eindruck, als seien Reisen wie jene von Bundesrat Schneider-Ammann nach China bis ins letzte Detail geplant.
Generell stimmt das auch. Wenn auch nicht bis ins letzte Detail. Aber solche Besuche werden oft Monate, manche gar ein Jahr im Voraus geplant. Es werden Punkte wieder aufgenommen, die in Vorbesuchen bereits besprochen oder in Arbeitsbesuchen vorgespurt worden sind.

Noch so ein Begriff aus der diplomatischen Welt: Arbeitsbesuch. Wo ist eigentlich die Grenze zwischen offiziellem Besuch und Arbeitsbesuch?
Diese Grenze ist fliessend. Es kommt darauf an, welche Bedeutung einer Reise im Vorfeld gegeben wird. In der Regel treiben mehrere Arbeitsbesuche ein Dossier voran bis zum Abschluss an einem offiziellen Besuch mit einer allfälligen Vertragsunterzeichnung.

Das könnten doch auch die Staatssekretäre machen. Und die Minister beschränken sich auf Telefongespräche.
Eben nicht. Das persönliche Gespräch zwischen Ministern ist sehr wichtig. Die gegenseitigen Positionen kennt man bereits aus der diplomatischen Vorarbeit. Oft jedoch können im persönlichen Gespräch letzte Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.

Und das in Zeiten der Videokonferenz. Dass Gespräche unter vier Augen noch so wichtig sind, hat doch eigentlich etwas Nostalgisches.
Das ist doch nicht nur zwischen Staaten so. Das ist in der Wirtschaft genau gleich. Gespräche sind nun einmal wichtig für eine erfolgreiche Verständigung.

Sie sind aber auch riskant. Je nachdem, ob sich Minister verstehen oder nicht, kann das die Dynamik eines Treffens völlig verändern.
Allerdings. Ministerbesuche haben ja ein strenges Protokoll und ein straffes Programm. Praktisch die einzige Möglichkeit für Überraschungen liegt in den bilateralen Ministergesprächen. Ich erinnere mich an den Besuch des damaligen US-Justizministers John Ashcroft bei Bundesrätin Ruth Metzler 2002. Während eines Gesprächs der beiden, nur mit ihren Dolmetschern, über die Anschläge vom 11. September, machte Minister Ashcroft plötzlich den Vorschlag, man könne doch zusammen durch Bern spazieren. Das warf das ganze Programm durcheinander – hat aber die Stimmung sehr positiv geprägt und die Dossiers danach enorm vorwärtsgebracht.

Auf so etwas muss man sich doch vorbereiten. Wurde Bundesrat Schneider-Ammann im Flugzeug noch kurz über Sitten und Gebräuche in China informiert?
Im Flugzeug? Eher nein. Lange vorher. Im Flugzeug ging er wohl noch einmal mit seinem Team die Dossiers durch. Aber die Briefings über Sitten und Gebräuche, wie man sich verhält, wie man sich begrüsst, was man wie isst, finden Monate im Voraus statt. Zuständig dafür ist in der Regel ein Mitarbeiter des Diplomatischen Dienstes, der die Verbindung zum Aussendepartement und zur Schweizer Botschaft im Besuchsland hält. Dieser Mitarbeiter informiert auch über Lebenslauf, Eigenheiten und Vorlieben der Gesprächspartner des Bundesrats.

Klingt alles sehr anstrengend.
Ist es auch. Das sind keine «Reisli», das ist harte Arbeit. Rund um die Uhr. Das Programm ist dicht gedrängt, da gibt es kaum Spielraum für Spontanes.

Und das Protokoll ist immer strikt?
Oft. Vor allem bei Monarchen. Aber bisweilen auch bei Ministern. Natürlich gibt es Unterschiede. Vor ein paar Jahren konnte ich Fifa-Chef Sepp Blatter bei einem Besuch bei US-Präsident Barack Obama im Weissen Haus begleiten. Das war dann schon etwas lockerer und weniger staatsmännisch.

Bundesrat Schneider-Ammann reist ja nicht allein. Er hat eine ganze Wirtschaftsdelegation dabei.
Genau. Und die muss auch sehr sorgfältig gebrieft werden. Das gute Gelingen einer solchen Reise hängt wesentlich von der soliden Vorbereitung aller Delegationsmitglieder ab. Mit diesen Wirtschaftsvertretern – bei uns damals im Justizdepartement reisten oft Regierungsräte mit – werden Vorbereitungsgespräche im Bundeshaus geführt. Je grösser die Delegation, desto grösser der Aufwand.

Kam es damals vor, dass Sie mit in ein interessantes, womöglich exotisches Land reisten, sich zu Hause aber sagen mussten: Ich habe gar nichts vom Land gesehen?
Ständig. Das ist leider immer so. Und die Hotelzimmer sehen auch auf der ganzen Welt zum Verwechseln ähnlich aus.

Ach was.
Doch, tatsächlich. Es sei denn, der Gastgeber organisiert einen bewussten Programmpunkt abseits der Meetings. Als wir 2002 New Yorks Bürgermeister Rudi Giuliani besuchten, führte er uns hautnah vor, wie die New Yorker Polizei und Feuerwehr zusammenarbeiten. Wir waren damals mit Bundesrätin Metzler-Arnold quasi auf Streife in der Bronx. Das war eine aufregende Änderung im sonst engen Programm.

Da denkt man immer: Als Bundesrat sieht man die Welt. Und Sie sagen: Man sieht bloss Hotelzimmer, Büros oder Konferenzsäle.
Tja, wenn Sie die Welt sehen wollen, dann sollten Sie nicht Bundesrat werden, sondern Fifa-Präsident. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.07.2012, 13:52 Uhr

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