Schweiz
Das kleine Teufelchen
Von Ueli Kägi. Aktualisiert am 27.04.2012 50 Kommentare
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Super League
33. Runde
| 16.05. | Basel - Lausanne | 2 : 0 |
| 16.05. | Sion - Grasshoppers | 0 : 4 |
| 17.05. | Thun - St.Gallen | 3 : 0 |
| 18.05. | Servette - Young Boys | - : - |
| 18.05. | FC Zürich - Luzern | - : - |
Rangliste
| Name | Sp | S | U | N | G:E | P | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | Basel | 33 | 19 | 9 | 5 | 59:30 | 66 |
| 2. | Grasshoppers | 33 | 17 | 9 | 7 | 41:30 | 60 |
| 3. | St.Gallen | 33 | 16 | 8 | 9 | 49:32 | 56 |
| 4. | FC Zürich | 32 | 13 | 7 | 12 | 50:41 | 46 |
| 5. | Sion | 32 | 12 | 9 | 11 | 36:45 | 45 |
| 6. | Thun | 33 | 12 | 8 | 13 | 41:42 | 44 |
| 7. | Young Boys | 32 | 10 | 9 | 13 | 43:43 | 39 |
| 8. | Luzern | 32 | 8 | 12 | 12 | 34:42 | 36 |
| 9. | Lausanne | 33 | 6 | 9 | 18 | 25:47 | 27 |
| 10. | Servette | 31 | 5 | 8 | 18 | 24:50 | 23 |
34. Runde
| 25.05. | Lausanne - Luzern | - : - |
| 25.05. | Sion - Thun | - : - |
| 26.05. | St.Gallen - Servette | - : - |
| 26.05. | Young Boys - FC Zürich | - : - |
| 26.05. | Grasshoppers - Basel | - : - |
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Er drückte Hände, er lächelte für Fotos, er unterschrieb Autogramme. Und irgendwann hielt Xherdan Shaqiri dann den Preis in den Händen. Der Fussballer wurde gestern vom Schweizer Botschafter der Republik Kosovo mit dem «Prix Diaspora» ausgezeichnet. Der Schweizer Nationalspieler, dessen Name eigentlich Schatschiri ausgesprochen wird, sei gerade für die Generation der jungen, ambitionierten und integrierten Kosovo-Albaner in der Schweiz ein Fahnenträger und habe einen festen Platz im Innern der Schweizer Gesellschaft, urteilte Botschafter Naim Malaj.
Shaqiri strahlte. Und wenn er auf seinen Weg zurückblickt, sagt er: «Ich kann stolz auf mich sein.» Er glaubt nicht erst seit der Preisverleihung, ein gutes Beispiel für eine gelungene Integration zu sein. Einmal reiste ein französischer Journalist für ein Porträt der multikulturellen Schweizer Nationalmannschaft an. Ob er ein Vorbild für die Kosovaren sei, die ja im Land keinen besonders guten Ruf hätten, wollte er von Shaqiri wissen. Und dieser antwortete, unbeschwert, wie er ist, dass er vielleicht etwas bewegen könne «bei denen, die Seich machen».
Zu Hause, wenn die Shaqiris albanisch kochen und russischen Tee trinken, wenn sie in der Sprache der Eltern schwatzen, dann fühlt sich Xherdan noch immer sehr kosovarisch. Doch sobald er seine Füsse vor die Tür setzt, lebe er wie ein Schweizer. Er fühlt sich geehrt, die Auszeichnung erhalten zu haben und Nachfolger von Micheline Calmy-Rey zu sein. Die Bundesrätin war für ihr Engagement zur internationalen Integration des Kosovo ausgezeichnet worden.
Die Eltern als Vorbilder
Ein politischer Mensch möchte Shaqiri, geboren am 10. Oktober 1991 in der damals jugoslawischen Stadt Gjilan, gleichwohl nicht sein. Ein gutes Vorbild aber, das wäre er gerne. Und nichts ist ihm dabei wichtiger, als auch im Erfolg so zu bleiben, wie er immer war. Was macht Sie denn aus, Xherdan Shaqiri? «Sport und Menschlichkeit», sagt er. Anderen gegenüber Respekt zu zeigen und offen zu sein, das haben ihm die Eltern mitgegeben. Und wenn er irgendwann einmal selbst Kinder hat, wie er sich das wünscht, dann soll es auch für sie wichtig sein, mit den anderen korrekt umzugehen. Dann soll es auch für sie wichtig sein, zu wissen, was sie haben und was sie können. Woher sie kommen und wohin sie wollen.
Trotz allem bleibt in der Familie Shaqiri der Vater der Chef.
Vor knapp 30 Jahren kam Xherdans Vater Isen in die Schweiz. Mit seinem Handlangerlohn unterstützte er nicht nur seine eigene in der Heimat zurückgebliebene Familie, sondern auch die Eltern und vier Geschwister. Seine Frau Fatmire und die drei Buben Arianit (heute 23), Erdin (21) und Xherdan folgten ihm kurz nach Xherdans Geburt. Zusammen lebten sie zuerst in einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung und später auch mit der kleineren Schwester Medina (12) in Augst in einem alten Bauernhaus mit Holzheizung. Xherdan und Erdin teilten sich ein Zimmer und manchmal, im Winter, konnte es in den Schlafzimmern kalt sein – «aber schon nicht wie am Nordpol», sagt Xherdan, schmunzelt und beendet damit auch die Legende der frierenden Shaqiris, wie sie auch schon erzählt worden ist.
Die Shaqiris hatten nie viel, aber immer genug, auch in den ganz harten Zeiten, als der Vater seine Stelle verlor, die Mutter als Putzfrau arbeitete und die drei Brüder mit ihren Lehrlingslöhnen aushalfen, damit die Familie nicht das Sozialamt um Hilfe bemühen musste. Und jetzt ist Xherdan da, der ab diesem Sommer beim FC Bayern München in einem Jahr so viel verdient wie die Eltern in ihrem ganzen Leben nicht.
Wider Willen zum FCB
Der Fussball ist sein Leben. Michael Meier war Shaqiris erster Trainer beim SV Augst. Und Meier erzählt, wie der achtjährige Xherdan neben dem Rasen anständig und unauffällig, auf dem Rasen aber ständig unterfordert war. Wenn die anderen den Flachpass übten, wählte er den Hochpass. Den gegnerischen Goalies lupfte er den Ball am liebsten unter die Latte. Den Ball spielte er nur jenen, von denen er wusste, dass er ihn schnell wiederbekam. Und ja: Wenn Xherdan verlor, dann war er ein kleines Teufelchen. Shaqiri lacht, als er das mit dem Teufelchen hört. Er streitet es nicht ab.
Mit 10 wechselte er zum FC Basel. Es brauchte dafür die Überzeugungsarbeit des Vaters, weil Xherdan von sich aus nicht gegangen wäre, zu wohl hatte er sich bei Augst gefühlt. Diesen Wesenszug hat er behalten. Er ändert am liebsten nichts an seinem Leben, solange er sich wohlfühlt – es sei denn, es geht um grosse Weichenstellungen. Wie im Januar 2010, als er nur noch Fussballer sein wollte und seine Verkäuferlehre im Herren Globus abbrach, weil ihm der FCB einen gut dotierten Vertrag anbot.
In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat er mit Grundlohn und Erfolgsprämien monatlich geschätzte 60'000 Franken verdient. Er hat in Kaiseraugst zwei Neubau-Wohnungen auf einem Stockwerk gekauft. Dort leben die Shaqiris nun in zwei Fraktionen: die Brüder Arianit, Erdin und Xherdan auf der einen Seite; die Eltern mit der Tochter Medina auf der anderen. Dass sich Xherdan finanziell verantwortlich fühlt für die Familie und die Eltern nicht mehr zu arbeiten brauchen, ist für ihn selbstverständlich. Dass sein beruflicher und finanzieller Erfolg nichts ändert an der Rollenverteilung auch: Der Vater bleibt der Chef. Auf die Ratschläge seiner Brüder hört er nach wie vor.
«Es braucht die Familie. Für mich wäre es nicht normal, wenn es nicht so wäre», sagt er. Niemand ist ihm wichtiger als Erdin, der eine Detailhandels-Lehre bei Coop machte und nicht nur Bruder, sondern auch Freund, Ratgeber, Organisator und Sprecher ist. Xherdan überlässt Erdin gerne das Reden, wenn sie zusammen mit fremden Leuten am Tisch sitzen.
Fussball soll auch Zirkus sein
Xherdan Shaqiri, 1,69 m gross, unechte Brillanten in jedem Ohr, drückt sich lieber auf dem Rasen aus. Er sieht sich als «Instinktfussballer», der seine Ideen einbringen und ein Spiel mit zwei, drei, vier Aktionen entscheidend prägen will. Dass er seine eigenen Ideen hat, finden nicht immer alle lustig in einem Fussballteam, das immer auch den Konzepten des Trainers und den Anweisungen der Führungsspieler folgen soll. Shaqiri ist in Basel kein Führungsspieler, das sind die Routiniers Huggel, Frei und Streller. Er ist ein Leistungsträger. Einer ohne Furcht. Einer, der das Spiel auch als Zirkus versteht. Und einer, der sagt: «Ich lasse mich nicht einfach zähmen.» Er weiss, dass ihn das Ausserordentliche zum Besonderen macht.
Shaqiri habe aufgrund seiner Spielweise noch von jedem Trainer eines auf den Deckel erhalten, sagt FCB-Sportdirektor Georg Heitz. Es gehört zu Shaqiris Naturell, deshalb nicht beleidigt zu sein. Und er sorgt mit seinem Naturell dafür, dass ihm niemand lange böse sein kann.
Nett, fröhlich, unglaublich unbeschwert, witzig, bescheiden, beliebt, nie nachtragend, echt, professionell, ehrlich, toll im Umgang mit den Fans, herzlich, mit einer gesunden Portion Frechheit ausgestattet, offen, nie abweisend – so lautet das Sammelsurium an Kommentaren zu Shaqiri, zusammengetragen bei Freunden, Begleitern und Beobachtern. Kein schlechtes, kein kritisches Wort, von niemandem, weil es offensichtlich niemanden gibt, der ihn nicht mag. Es sei wirklich schwierig, mit Xherdan nicht gut auszukommen, sagt Bruder Erdin, «da müssen die Standpunkte schon sehr weit auseinanderliegen».
Xherdan Shaqiri hat es neben dem Rasen gerne lustig und sagt: «Wenn es ums Lachen geht, bin ich dabei.» Auf dem Rasen ist und bleibt er unbeschwert. Mit dem FC Basel hat er im Champions-League-Achtelfinal das Hinspiel gegen die Bayern 1:0 gewonnen, das Rückspiel aber 0:7 verloren. Anderen wäre es schwindlig geworden beim Anblick der überragenden Robben und Ribéry, die wie Shaqiri auf der Aussenbahn zu Hause sind. Er aber behauptet, nach diesem Abend nie einen Gedanken daran verloren zu haben, ob er in München überhaupt am richtigen Ort sei. Die Angst vor der sportlichen Herausforderung ist ihm fremd.
Mit Xherdan nicht auszukommen, sei schwierig, sagt sein Bruder Erdin.
Geschätzte 2 Millionen Euro Grundgehalt wird Shaqiri in München verdienen. Er ist ein Uhren-Fan und schenkt sich manchmal ein neues Modell, wenn er den Titel gewonnen hat, den er sich zum Ziel gesetzt hat. Er leistet sich auch teure Kleider und ein schönes Auto. Das Salär kann aber nicht höchste Priorität gehabt haben beim Auslandentscheid. Wenn das so wäre, hätte er bei den Oligarchen im wilden Osten unterschrieben. Die Bayern hingegen stehen für Prestige, sie bieten ihm herausragende sportliche Perspektiven und die Chance auf Ruhm und Ehre. Shaqiri hatte die Nerven, nicht gleich die erstbeste Möglichkeit für einen Auslandtransfer zu nutzen. Er hat gewartet, bis sich der grosse Club meldete, den er wollte.
Kreischende Mädchen
Zwischendurch war der Transferrummel mit manchmal täglichen neuen Gerüchten von Neapel bis Newcastle riesig. Zwischendurch nahm ihn die Führung des FCB deshalb aus dem Rampenlicht, strich Interviews und Termine. Nicht, weil sie befürchtete, dass dieser 18-, 19-Jährige, der aus dem Nichts nach oben geschossen war, den Boden unter den Füssen verlieren könnte. Aber doch, um ihn zu schützen, weil sie glaubte, die Leistung auf dem Rasen leide zwangsläufig unter dem Wirbel.
Shaqiri muss sorgenfrei sein, damit er frisch Fussball spielen kann. Und sorgenfrei ist er fast immer, wenn er Familie und Freunde um sich hat. Beim FC Basel gibt es zwei Kabinen, eine grosse für fast alle und eine kleine für die fünf, sechs Jungen im Kader. Shaqiri hätte schon ein paar Mal umziehen sollen in die grosse, aber er wollte nicht, ihm gefällt es bei den Jungen.
Der ehemalige Juniorentrainer Michael Meier sieht Shaqiri manchmal auf der Strasse. Dann braucht er nicht zu ihm hinzugehen, Shaqiri kommt zu ihm. Wenn beim St.-Jakob-Park ein Kellner aus dem nahen Restaurant an ihm vorbeigeht, ruft er ihm hinterher. Wenn ihm ein paar freie Minuten bleiben, schaut er kurz im Herren Globus vorbei. Und wenn zwei Mädchen aus der Distanz schauen und tuscheln, dann geht er zu ihnen hin und steckt ihnen zwei Autogrammkarten zu.
Gerade bei den Jungen steht er hoch im Kurs, nicht nur in Basel, in der ganzen Schweiz. Steigt Shaqiri in Luzern aus dem FCB-Bus, wird gekreischt. Geht Shaqiri in Winterthur durch den Spielertunnel in die Kabine, wird gekreischt. Eröffnet Shaqiri irgendwo einen Sport-Shop, wird gekreischt. Heitz sagt: «Was rund um Shaqiri abgeht, ist für Schweizer Verhältnisse schon extrem.»
Freundschaft mit Mehmedi
Admir Mehmedi spielte beim FC Zürich und wohnte in Winterthur, bevor er im vergangenen Winter in die Ukraine zu Dynamo Kiew wechselte. Ihn verbindet mit Shaqiri eine enge Freundschaft. Wobei: Ein FCZ-ler und ein FCB-ler, das geht eigentlich gar nicht. Ein FCZ-ler und Shaqiri aber, das geht doch, selbst in Winterthur und Zürich, wo sich die beiden oft zusammen bewegten.
Shaqiri sei einer, der für seine Freunde alles tun würde, so erzählt es Mehmedi. Er hat erlebt, wie Shaqiri Kollegen in Geldnot Hunderternoten zusteckte. Er hat erlebt, wie Shaqiri früher kurz für ein Mittagessen nach Winterthur fuhr und wie er jüngst an einem freien Tag schnell nach Kiew fliegen wollte. Solche Dinge zu tun, Vertrauen zu spüren und Vertrauen zu geben, das ist ihm wichtig. Deshalb wird er wohl nächstens nach Kiew fliegen. Für einen Tag. Einfach so aus Spass. Und für die Freundschaft.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.04.2012, 23:49 Uhr
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50 Kommentare
Am Beispiel Shaqiri sieht man, dass auch Ausländer eine Bereicherung für unser Land sein können, sofern man sie entfalten lässt. Ginge es allein nach der SVP, würde der Schweiz nicht nur kulturelles und sportliches verlorengehen, sondern auch ein grosses Stück Menschlichkeit.
Die Schweiz ist nicht der Nabel der Welt, auch wir können von Ausländern lernen!
Antworten
Der Botschafter sollte nach Regensdorf gehen, wo Dutzenden Faelle, dh Kosovaren, die gemordet,gestohlen und geraubt haben, in ihren einsamen Zellen sind. Chapeau fuer diesen Fussballer, der hat gezeigt wie man sich in einem Gastland auffuehrt, alle andere Kriminellen haben den Rank nicht gefunden und werden ihn nie finden. Antworten
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