Das hinterste Glarnerland wird zur Spitzenstromzentrale der Schweiz
Von Erwin Haas, Linthal. Aktualisiert am 07.01.2011 12 Kommentare
Es kracht und rumpelt im Tierfehd bei Linthal am Fusse des Tödi. Immer wieder fallen Steine ins Tal. Die Arbeiter auf dem riesigen Bauplatz im Talkessel haben sich daran gewöhnt. Das Wesentliche spielt sich im Berginnern ab. Eine 160 Meter lange Bohrmaschine mit 8 Metern Durchmesser frisst sich dort ins Gestein – 20 Meter pro Tag, bei einer Steigung von 24 Prozent.
Das ist fast 10 Prozent mehr, als die Radprofis an der Tour de France auf die Alpe d’Huez zu bewältigen haben. Die steile Bohrung ist ein Weltrekord. Das fast vier Kilometer lange Loch, das von 800 auf 1700 Meter über Meer führen wird, soll mit einer 200-Tonnen-Standseilbahn ab 2013 als Transportstollen zur grössten Kraftwerkskaverne der Schweiz dienen.
Wasser wird wiederverwertet
Nahezu unbeachtet baggern 400 Tunnelbauer am neuen Pumpspeicherwerk am Limmernsee, das mit 2,1 Milliarden Franken fast so viel kostet wie das Dock Midfield des Flughafens Zürich. Nutzniesser des Projekts sind drei Millionen Axpo-Kunden in der Nordostschweiz und vor allem der Standortkanton Glarus (siehe Box).
«Linthal 2015» nennt die Kraftwerke Linth-Limmern AG (KLL) ihr 1000-Megawatt-Projekt. In fünf Jahren soll es betriebsbereit sein und den steigenden Spitzenstrombedarf decken. 600 Meter tief im Berg höhlen die Arbeiter eine Kaverne für ein neues Kraftwerk aus. Vier Turbinen, vom 630 Meter höher gelegenen Muttsee gespeist, werden dort nachts und an Wochenenden, wenn der Strombedarf sinkt, zu Pumpen. Mit roher Kraft befördern sie das bereits genutzte Wasser aus dem Limmern- in den Muttsee zurück. Dessen Wasserspiegel wird mit einer zusätzlichen Staumauer um 30 Meter angehoben, was sein Fassungsvermögen von 9 auf 24 Millionen Kubikmeter erhöht. So wird das Wasser zum mehrfach verwendbaren Energievorrat.
Hightech im Hochgebirge
Der Bau setzt neue Massstäbe im Ingenieurwesen: «Das ist Hightech im Hochgebirge», sagt Projektleiter Andreas Kälin. Die Baustellen liegen auf 1800 und 2400 Meter über Meer. Dass mächtige 50-Tonnen-Kipper die Muttseehütte des SAC umkurven und dass ein ganzes Kieswerk vor der Bergkulisse in den Himmel wächst, macht die Herausforderung augenfällig. Den Arbeitstakt bestimmt oft nicht der Bauherr, sondern das Wetter und die Lawinengefahr. Denn erstmals steht der Belegschaft, die rund um die Uhr baggert, bohrt und schaufelt, ein Winter bevor.
Die KLL, die zu 85 Prozent dem Stromgiganten Axpo (AXP10 105.3 -0.05%) und zu 15 Prozent dem Kanton Glarus gehört, erhöht ihre Leistung mit dem Projekt auf einen Schlag von 480 auf 1480 Megawatt – das entspricht der Leistung des Wasserkraftwerks Cleuson-Dixence oder des Atomkraftwerks Leibstadt. Wobei ein AKW diese Leistung übers ganze Jahr erbringen kann, ein Pumpspeicherwerk aber nur während einer begrenzten Anzahl Stunden. Das Pumpen erfordert zwar mehr Energie, als gewonnen werden kann: Um 1500 Gigawattstunden Strom zu produzieren, brauchen die Pumpen rund 2000 Gigawattstunden. «Doch der Wirkungsgrad ist mit 75 bis 80 Prozent sehr hoch», sagt Axpo-Chef Heinz Karrer. Kohle-, Gas- und Gas-Kombikraftwerke kämen höchstens auf 60 Prozent.
Kritiker bezichtigen Axpo der «Stromwäscherei»
Für die Axpo lohnt sich die Rieseninvestition wegen des Strompreisgefälles. Wenn die Maschinen als Pumpen arbeiten, laufen sie mit billigem Nacht- und Wochenendstrom aus Schweizer AKW und Flusskraftwerken sowie aus deutschen Kohle-, Gas- und Windkraftwerken. Bei hoher Stromnachfrage schalten sie innert Sekunden auf Turbinenbetrieb um und produzieren teuren Spitzenstrom. «Wir gehen davon aus, dass sich das Pumpspeicherwerk über die Konzessionsdauer von 80 Jahren rentabel betreiben lässt. Der Bedarf an Spitzen- und Regelenergie wird weiter steigen», sagt Axpo-Chef Karrer.
Förderer alternativer Energien wie die Schweizerische Energiestiftung kritisieren die Axpo und bezichtigen sie der «Stromwäscherei», weil sie «dreckige Energie» aus AKW und deutschen Kohlekraftwerken importiert. Karrer hält das Projekt aber für nötig: «Die Frequenz von 50 Hertz im Stromnetz muss immer gewährleistet sein. Das bedeutet, dass stets so viel Strom ins Netz eingespeist werden muss, wie gerade verbraucht wird.» Dafür seien Pumpspeicherwerke, die innert Sekunden zuschaltbar sind, das richtige Instrument. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.01.2011, 22:30 Uhr
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12 Kommentare
Bei Linthal 2015 war zuerst von 1,1 Mia. die Rede, dann verhalfen WWF und Pro Natura zu Bundessubventionen, indem sie dem Projekt einige marginale Umwelt-Zugeständnisse abverlangten, und von da an wurde das Projekt um eine satte Milliarde teurer. In der Meinung: Wenn der Bund schon zahlt, dann aber richtig. Das Projekt ist ein für Natur und Wirtschaft absurdes und verlustreiches Nullsummenspiel. Antworten
Bei einem Pumpspeicherkraftwerk wie Lintthal 2015 handelt es nicht um eine Stromproduktions-, sondern um eine Stromvernichtungsmaschine. In das System eines Pumpspeicherkraftwerkes fliesst nämlich mehr Strom (meist dreckiger Strom aus deutschen Kohlenkraftwerken) hinein, als anschliessend produziert wird. Hier von Stromproduktion zu sprechen halte ich durchaus für ziemlich heuchlerisch. Antworten
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