Das «Mini-Mini-Mini-Davos»
Von Erika Burri. Aktualisiert am 09.08.2010 9 Kommentare
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Wie viele Nebenschauplätze es am Filmfestival in Locarno gibt, weiss am ehesten Festivalpräsident Marco Solari. Allein am Freitagabend war er an sieben Anlässen, hielt sieben Ansprachen, schüttelte Hunderten von Menschen die Hände. Dennoch fanden rund ein weiteres halbes Dutzend Veranstaltungen ohne ihn statt. Er tue dies für die Freiheit, sagt er. Die Freiheit, ein künstlerisch unabhängiges Filmfestival zu veranstalten. Solari treibt Geld auf, das der künstlerische Leiter nach seinem Gusto für Filme wieder ausgeben kann.
Die Freiheit muss sich Solari ein Stück weit erkaufen. Der Preis: Während des Festivals gibt es für ihn keinen Champagner, keine Filme, keine Partys. In seinem Büro einen Tag nach dem Empfangsmarathon macht er einen müden Eindruck und sagt: «Je grösser das Festival geworden ist, desto mehr sind wir auf die Mithilfe von Politik und Wirtschaft angewiesen». Vom Bund kommen 1,8 Millionen Franken. Von den Sponsoren nochmals etwa das Doppelte. Und die Geldgeber wollen unterhalten werden. Für sie gibt es, worauf Solari verzichtet. Alkohol und Filme. Und wenn sie spätabends noch wollen: Party.
Vier Bundesräte sind da
Das Filmfestival Locarno, heisst es, sei zunehmend zu einer Netzwerk-Plattform für Wirtschaft und Politik geworden. Vor allem am ersten Wochenende. Für Filmkultur war es das schon immer. Hier treffen sich Käufer und Verkäufer von Filmen, Autoren und Regisseure. Hier wird «genetzwerkt». Pionier war Ringier-Chefpublizist Frank A. Meyer. Vor 35 Jahren hatte er zum ersten Mal einen Bundesrat ins Tessin geholt. Jedes Jahr setzt er seither Prominente auf die Gästeliste seines Privatanlasses, den er im Interesse seines Arbeitgebers Ringier veranstaltet. Dieses Jahr hielt Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder an Meyers «Dîner républicain» eine Rede.
Bis zum Ende des Festivals werden vier Bundesräte in Locarno gewesen sein. Bundespräsidentin Doris Leuthard eröffnete. Moritz Leuenberger sitzt am Freitag auf der Pizza Grande, um seinen Sohn im Film über den Schweizer Radprofi Hugo Koblet zu sehen. Didier Burkhalter kommt als Kulturminister. Und Micheline Calmy-Rey, weil auch ihr Departement mit einer halben Million das Festival unterstützt.
Sie treffen in Locarno auf altbekannte Gesichter aus dem Politbetrieb. So viel Bundeshaus findet sich das ganze Jahr nirgends ausserhalb Berns. Und weil nicht die Politik im Zentrum steht, sind für einmal ausnahmslos alle gut gelaunt. Bundesrat Merz’ Rücktritt war zwar kurz Thema, dann ging man zum Schönen über: zu den Ferien im Tessin, zum Essen, zu den Filmen. Auch die Wirtschaft zeigt sich versöhnlich: Joe Ackermann (Deutsche Bank) kommt an ein Galadiner gut gelaunt im Leinenanzug, und auch Oswald Grübel (UBS) grinst, korrekt in Schwarz.
Geschäftliches ist zweitrangig
Wie stark sich Politik und Wirtschaft in Locarno tatsächlich vernetzen, ist allerdings unklar. Ein konkretes Geschäft, das im Tessin angezettelt wurde, fällt niemandem ein, auch Solari nicht. Zumindest könnten sich die Leute kennen lernen, sagt er.
Auf dem Monte Verità am Freitagnachmittag kennen sich die meisten schon: Seit Jahren kommt der Kulturminister zum Risottoessen auf den Hausberg von Ascona. Dieses Jahr steigt der neue Departementsvorsteher, Didier Burkhalter, aus dem schwarzen Mercedes. Braun gebrannt spaziert er zusammen mit seiner Frau dem Orchester entgegen. Sie setzen sich an Festbänke und warten ziemlich lange aufs Essen.
Die Atmosphäre wird mit fortschreitendem Abend besser. Am Galadiner des Club Leopard gegen 19 Uhr darf die Presse nur zum Apéro dabei sein. Es kommt hochkarätiges Personal aus der Finanzwirtschaft: Nebst Ackermann und Grübel ist auch CS-Vize Urs Rohner aufgetaucht. Unangemeldet, was die Organisatoren kurz ins Schwitzen bringt. Am Tisch von Gastgeber Rolando Benedick, Ex-Manor-Chef und Valora-Präsident, muss für Rohner Platz geschaffen werden. Wer von den Anwesenden aus der Chefetage von SBB, Migros oder Swisscom seinen Stuhl räumen muss, erfährt man nicht. Sie alle haben als Clubmitglieder 5000 oder 10 000 Franken Gönnerbeitrag bezahlt. Mit dem Geld werden Defizite des Festivals gedeckt.
Grosses wird nicht geplant
Und worüber sprechen nun die Eliten? «Nicht übers Geschäft», sagt Grübel. Er kenne die Leute hier und könne auch zum Telefon greifen, wenn er von irgendjemandem etwas brauche. «Nein, nichts Geschäftliches», sagt auch Ackermann und greift zum Cüpli.
Anton Scherrer, Ex-Migros-Konzernchef und heute Swisscom-Präsident, schliesst zumindest nicht aus, dass am Galadiner im Eden Roc in Ascona mit anschliessender Filmvorführung auch ein bisschen übers Geschäft gesprochen werde. Für Marc Walder, Geschäftsführer von Ringier Schweiz, ist das Filmfestival höchstens ein «Mini-Mini-Mini-Davos». Grosses werde hier nicht geplant.
Jedes Jahr mehr Anmeldungen
Anwesend ist auch Nicolas Bideau, scheidender Chef der Sektion Film im Bundesamt für Kultur. Nun wird er ins Aussendepartement versetzt – zur Freude vieler Kulturschaffenden, die sich am «Dîner politique» der Schweizer Filmproduzentin Ruth Waldburger treffen. Die Mittfünfzigerin in weisser Bluse und Jeans hat Brad Pitt entdeckt. Und ist trotz internationaler Erfolge im Filmbusiness auf dem Boden geblieben. Zum zehnten Mal lädt sie Politiker und Kulturschaffende an ein Abendessen im Zelt ein.
Es sind längst nicht nur Kulturfreunde aus SP-Kreisen da. Für FDP-Ständerat Felix Gutzwiller ist das lockere Beisammensein mit Schauspielern wie Gilles Tschudi und dem Komikerduo Giacobbo/Müller jeweils ein «politisches Highlight». Jedes Jahr melden sich mehr an, auch SVP-Politiker, die grundsätzlich lieber Geld in die Verteidigung als in die Kultur stecken.
Regisseure reden auf Politiker ein
Zum ersten Mal an diesem Abend sieht man richtiges Networking und Engagement. Vor allem seitens der Filmemacher und Regisseure. Sie reden auf die Politiker ein, sagen, dass die Kultur rund 20 Millionen Franken zusätzlich bräuchte. Kultur sei schliesslich ein Teil unserer Gesellschaft.
Die Politiker hören zu und fragen: Hätte der Film «Hugo Koblet – pédaleur de charme», der am Freitag auf der Piazza Weltpremiere feierte, keine Subventionen erhalten sollen? Darauf dann eine einsilbige Antwort. So weit aus dem Fenster lehnen will sich kein Kulturschaffender. Denn das nächste Projekt, über das entschieden wird, könnte seins sein. Deshalb wird rasch das Thema gewechselt, bevor alle zusammen auf die Piazza Grande marschieren. Spätestens, wenn der Vorspann läuft, verstummen die Gespräche.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.08.2010, 22:37 Uhr
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9 Kommentare
Viele eher verschwiegene und zurückgezogene Gestalten wie Grübel, treffen sich bloss zum Cüpli trinken? Time ist money, das wissen die ganz grossen Tiere genau. Man trift sich nie einfach so aus Spass in der Oeffentlichket. Da gibt es gemütlichere Alternativen zur Freizeitgestaltung. Kudelski und Ackermann sind ganz grosse Drahtzieher! Antworten
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