«Das Bahnpersonal muss besser geschult werden»

In letzter Zeit haben sich zahlreiche Zugunfälle ereignet. Für den Bahnexperten Walter von Andrian reagieren die SBB zu passiv: Bei der Sicherheitstechnik und der Ausbildung bestehe Nachholbedarf.

Der jüngste Unfall: In Cossonay VD entgleiste eine Rangierlokomotive und landete im Fluss.

Der jüngste Unfall: In Cossonay VD entgleiste eine Rangierlokomotive und landete im Fluss. Bild: Keystone

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Zehn Unfälle auf dem Schweizer Eisenbahnnetz seit Anfang Jahr: Haben Sie eine Erklärung für diese unrühmliche Serie?
Diese Zwischenfälle haben mit Versäumnissen der letzten anderthalb Jahrzehnte zu tun. Wir spüren jetzt zum Beispiel die Spätfolgen der SBB-Unternehmensreform von 1999, die zu Sparmassnahmen beim Unterhalt von Strecken und Rollmaterial führte. Auch haben die SBB lange zu wenig in die Ausbildung ihres Personals investiert, beispielsweise der Lokomotivführer.

Die SBB-Verantwortlichen haben jetzt öffentlich erklärt, zwischen den einzelnen Vorkommnissen gebe es keinen Zusammenhang.
Auf der technischen Ebene mag das vordergründig stimmen. Aber sehen Sie, in einem hochkomplexen Betrieb wie den SBB passieren so oder so immer wieder Fehler – und wenn die Rahmenbedingungen schlechter werden, dann beginnen sich die Fehler eben zu häufen. Wir hatten schon in der Vergangenheit solche Pannenserien. Das gab es etwa zu Beginn der 70er-Jahre, als die Belastung des Bahnnetzes stark zunahm, oder 1982, als der Taktfahrplan eingeführt wurde.

Die SBB betonen, sie täten viel für die Sicherheit: Man ersetze an den Signalen für 300 Millionen Franken die Zugsicherungssysteme ...
Dieser Ersatz bringt bezüglich Sicherheit gar nichts. Es werden nur alte Geräte gegen neue mit der gleichen Funktion ausgetauscht. Die SBB wollen für weitere 50 Millionen Franken 1700 Signale aufrüsten. Das geht in die richtige Richtung, dauert aber viel zu lange. Zugsicherungssysteme auf dem heutigen Stand der Technik hätten die Unfälle in Neuhausen und in Basel verhindert.

Haben die SBB auf die Unfallserie angemessen reagiert?
Sie müssten mehr tun! Ihr Personal muss besser geschult werden – auch jenes der Partnerbetriebe und der fremden Bahnunternehmen auf dem Netz. Ausserdem besteht Handlungsbedarf bei der Zugsicherung. Es dauert immer einige Jahre, bis Verbesserungsmassnahmen zu wirken beginnen.

Setzt das SBB-Management falsche Prioritäten, oder sind fehlende Mittel das Problem?
Mit dem ganzen Renditedruck ist der finanzielle Spielraum sicher nicht gewaltig. Es geht um Geld, aber nicht nur darum. Es braucht auch wieder etwas mehr Stabilität nach allzu viel Reorganisation.

Was hat es mit der viel zitierten Überlastung der Lokführer auf sich?
Die Belastung hat sicher zugenommen. Aber die Lokomotivführer arbeiten sehr zuverlässig. Dennoch machen sie wie alle Menschen gelegentlich Fehler. Für diese Fälle gibt es die Zugsicherungssysteme, und bei deren Ausbau sind die SBB in Rückstand geraten.

Sie sind Eisenbahnkenner und Medienmann. Was sagen Sie zur Krisenkommunikation der SBB?
Das Unternehmen hatte wohl keine andere Wahl, als jetzt eine Medienkonferenz durchzuführen: Der Druck wäre ansonsten zu gross geworden. Positiv überrascht hat mich, wie offen die Verantwortlichen zu den Fehlern standen. Bedauert habe ich, dass kaum zusätzliche Massnahmen angekündigt wurden.

Müssen wir künftig generell mit mehr Unfällen rechnen?
Unfälle wie in Schwerzenbach, die auf schlechte Gleise zurückzuführen sind, werden eher zurückgehen. Doch die vielen Baustellen für die überfälligen Erneuerungsarbeiten bringen vorübergehend eine zusätzliche Belastung.

Steigen Sie selber heute mit einem mulmigen Gefühl in den Zug ein?
Nein, auf keinen Fall! Die Eisenbahn ist momentan etwas weniger zuverlässig als auch schon. Aber sie ist immer noch viel sicherer als beispielsweise der Luftverkehr – von der Strasse reden wir gar nicht. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.03.2013, 07:13 Uhr)

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Walter von Andrian ist Elektroingenieur und Herausgeber und Chefredaktor der Schweizer Eisenbahn-Revue. (Bild: PD)

SBB nehmen Stellung
zur Unglücksserie

Pannenserie
Bahn sieht keinen Zusammenhang

Die SBB kommen nach einer ersten Analyse zum Schluss, dass es zwischen den zehn Unfällen seit Anfang Jahr keinen Zusammenhang gibt. Die Häufung sei ungewöhnlich, sagte Philippe Gauderon, Leiter der SBB Infrastruktur, gestern vor den Medien in Bern. Es liege aber kein Muster vor, das auf systematische Probleme hindeute. Mit anderen Worten: Die Unfälle haben keinen gemeinsamen Nenner mit Ausnahme von drei Signalzwischenfällen.

Klar scheint den Verantwortlichen, dass die Ursachen nicht in der Überlastung des Netzes zu suchen sind. Die Infrastruktur sei zwar stark belastet, sagte Hans Vogt, Leiter Sicherheit und Qualität, im Anschluss an die Medienkonferenz. Die SBB machten aber alles, damit sie nicht ans Limit kämen.

«Bahnfahren in der Schweiz ist selbstverständlich sicher und wird sogar immer sicherer», sagte Vogt. Zum Beleg präsentierte er Zahlen zu Un- und Zwischenfällen: Zusammenstösse und Entgleisungen werden demnach immer weniger, unterliegen aber statistischen Schwankungen.

Die unmittelbaren Kosten und Folgekosten der Zwischenfälle konnten die SBB gestern noch nicht beziffern. Laut Gauderon liegen sie in Millionenhöhe. Die SBB seien aber für solche Fälle versichert. Der gravierendste der Unfälle war der Zusammenstoss zweier Züge in Neuhausen SH mit 26 Verletzten.

Zu den angeblich sinkenden Passagierzahlen, über welche die Zeitung «Sonntag» vor zwei Tagen berichtete, gaben die SBB-Vertreter keinen Kommentar ab. (SDA/TA)

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