Schweiz

Calmy-Reys Mann für die heiklen Fälle

Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 07.07.2010 8 Kommentare

Kaum ein Beamter des Bundes polarisiert so wie Jacques Pitteloud. Mit seiner Libyen-Mission macht der Ex-Geheimdienstkoordinator und Geiselbefreier erneut Schlagzeilen.

In seinem Büro hing eine Europaflagge: Jacques Pitteloud, einst Geheimdienstkoordinator, bald Botschafter in Kenia.

In seinem Büro hing eine Europaflagge: Jacques Pitteloud, einst Geheimdienstkoordinator, bald Botschafter in Kenia.
Bild: Keystone

Als «Bond, James Bond» Geiseln in Ruanda befreit

1994, als der Völkermord im Gange war, sassen Angehörige einer Westschweizer TV-Präsentatorin in Ruanda fest. Regierungstreue Milizen hielten die Mutter, den Neffen und zwei Geschwister der Journalistin Maggy Corrêa fest. Jacques Pitteloud, damals bereits Schweizer Staatsangestellter, hörte davon und klärte ab – ähnlich wie vermutlich während der Libyen-Krise –, ob ein spezialisiertes Privatunternehmen eine Befreiungsaktion durchführen könne. Offerten erwiesen sich aber als zu teuer.

Da fasste sich Pitteloud ein Herz und fuhr mit dem Segen des Bundes, aber auf eigene Faust, wie er später betonte, in das Bürgerkriegsland. Er organisierte einen Trupp französischer Legionäre und befreite das Quartett eigenhändig aus der Gefangenschaft und brachte es mit einem Transporter in Sicherheit.

Die gefährliche Mission war wenigen Eingeweihten bekannt. Maggy Corrêa beschrieb sie zwar im autobiografischen Buch «Tutsie, etc.», doch Pitteloud verpasste sie dort das Pseudonym «Bond, James Bond». Er wird als «Walliser mit dem Aussehen einer Kämpfernatur» und «Menschenfreund» beschrieben. (tok)

Stichworte

Er ist der Mann, dem Bundesrätin Micheline Calmy-Rey seit Jahren vertraut, wenn Eidgenossen irgendwo auf der Welt an Leib und Leben bedroht sind: Jacques Pitteloud, seit über zwei Jahrzehnten im Staatsdienst, ein Kettenraucher, Kampfsportler und Kommandant von Panzergrenadieren – alles andere als ein Klischeediplomat. Die Aussenministerin schickte den 48-Jährigen los, wenn Landsleute verschleppt wurden. Doch künftig steht ihr der forsche Hüne für heikle Missionen nicht mehr allzeit in Bern bereit.

Pitteloud packt dieser Tage seine Koffer. Er wechselt aus der Zentrale des Aussenministeriums in Kürze auf das, was er seine Traumstelle in seinem geliebten Afrika nennt: auf den Botschafterposten in Nairobi.

Zuerst Walliser, dann Schweizer

Zum Abschied geben ihm seine Dauerkritiker von rechts noch ein paar nette Worte mit auf den Weg. Der Oberstleutnant im Generalstab verkörpert so vieles, was sie nicht wollen: zum Beispiel eine aktive Aussenpolitik mit einer schlanken, schlagkräftigen Armee, die in Krisengebieten rund um den Globus einschreitet, um Frieden zu bringen. Der Zürcher SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli zählt Pitteloud zu den «Kriegsgurgeln um Calmy-Rey, die Schweizer Soldaten als Himmelfahrtskommando nach Somalia schicken wollen oder in die Sahara».

Seine Partei vermutet, der Vollblut-Walliser – «Ich bin zuerst Walliser, dann Schweizer», verriet er seiner Heimatzeitung «Le Nouvelliste» – sei einer der Chefplaner einer vermeintlichen Militäraktion der Schweiz, um die Geiseln aus Tripolis rauszuholen. Der Interventionist und Internationalist, bei dem einst die Europafahne das Berner Büro zierte, geriet unter Beschuss der Isolationisten, als publik wurde, dass er in den heissen ersten Tagen der Libyen-Krise vor Ort gewirkt hatte.

Ein «Filou» oder ein «Rambo»?

Über kaum einen Beamten des Bundes gehen die Meinungen so weit auseinander wie bei ihm. Das Spektrum der Charakterisierungen reicht von «ein engagierter Kämpfer für die Anliegen unseres Landes» und «eine starke Persönlichkeit mit markantem Profil» (das sagt ein ranghoher Kollege im Aussendepartement) oder «jemand, der sehr intelligent und präzise analysiert» (so die Zürcher Sozialdemokratin Barbara Haering) über «ein gnadenloser Selbstdarsteller», «ein Schlitzohr», «ein Charmeur», «ein Filou», bis hin zu «ein Rambotyp, der der Schweiz schadet» (Letzteres findet ein ausrangierter Auslandgeheimdienstler).

Und was sagt Pitteloud dazu? Zurzeit kein Wort. Der sonst überhaupt nicht Medienscheue ist für Journalisten nicht zu sprechen. Über seine künftige Tätigkeit in Kenia könne er noch nichts sagen, lässt der frühere Geheimdienstler einen Sprecher des Aussendepartements ausrichten. Über seinen Einsatz in Libyen dürfe er nicht reden; der Bund hat eine Informationssperre über die umstrittenen Aktionen verhängt. Kurz davor hatte Pitteloud gegenüber dem «Tages-Anzeiger» noch zugegeben, er sei im Sommer 2008 «einige Wochen in Libyen» gewesen, um «in jener schwierigen Phase» die Botschaft in Tripolis «in verschiedenen Bereichen zu unterstützen».

Der Ex-Koordinator des Schweizer Nachrichtendienstes verhandelte hochoffiziell mit libyschen Regierungsvertretern über den Rückzug der Misshandlungsklage gegen den Herrschersohn Hannibal al-Ghadhafi in Genf (was bald erfolgte), er verhandelte über die Repressalien gegen Schweizer Unternehmen in Libyen (die nie rückgängig gemacht wurden) und über freies Geleit für die schweizerischen Staatsangehörigen, die in Libyen festsassen. Max Göldi und Rachid Hamdani kamen erst knapp zwei Jahre später frei.

Nach Fluchtrouten gesucht

Wie der «Tages-Anzeiger» aus einer mit den Vorgängen vertrauten Quelle erfuhr, beschränkten sich Pittelouds Aktivitäten in Nordafrika keineswegs auf diese diplomatischen Treffen: Auf dem Botschaftsdach in Tripolis installierte der Mann mit dem Bürstenschnitt auch eine abhörsichere Telefonanlage und hielt mit den nachrichtendienstlich geschulten Augen nach Fluchtrouten und Spitzeln Ausschau.

Ernsthafte Pläne für eine Exfiltration der Schweizer Geiseln in den Händen des Ghadhafi-Clans schmiedete ein kleiner Kreis aber erst einige Monate nach Pittelouds Rückkehr nach Bern. Welche Rolle der Unterwalliser beim Aushecken der Fluchtvarianten über Wasser, Wüste und Luft spielte, ist unklar. Recherchen zeigen aber, dass Pitteloud über so breite Erfahrung in Befreiung Festgehaltener oder Entführter verfügt wie kaum ein anderer beim Bund. So soll er zuletzt – meist vom seinem Büro aus – in die Bemühungen involviert gewesen sein, Schweizer Geiseln in der Sahara oder in Mali freizubekommen.

Pitteloud ist aber nicht nur ein Befreiungshelfer vom Schreibtisch aus. Vielmehr riskierte er auch schon sein Leben, um Angehörige von Schweizern zu retten (siehe unten). Als Tourist hatte Pitteloud «zufällig», wie er später sagte, in Ruanda den Anfang des grössten Völkermords der vergangenen Jahrzehnte erlebt. «Ich sah Menschen, die schreiend davonliefen, gejagt wie Tiere. Ich sah, wie Kinder lebendig verbrannten», erzählte er kürzlich dem «Nouvelliste». «Ich traf das absolut Böse, den Teufel.» Das Erlebte prägt seither sein Leben.

Privat Kriegsverbrecher gejagt

In seiner Freizeit jagte Pitteloud fortan mit dem Segen des Bundes ruandische Kriegsverbrecher. Vorbild war die Organisation Simon Wiesenthals, die nationalsozialistische Täter aufspürte. Pittelouds Bilanz gemäss eigenen früheren Angaben: fünf Verurteilungen von Völkermördern durch die Schweizer Militärjustiz oder durch den Gerichtshof der Vereinten Nationen für Ruanda.

Die private Massenmörderjagd musste der Doktor der Jurisprudenz aufgeben, weil er schnell Karriere machte. Sie war unvereinbar mit der neuen exponierten Position. Im Jahr 2000 hatte der Bundesrat den erst 38-Jährigen zu seinem Koordinator der rivalisierenden Inland- und Auslandgeheimdienste ernannt.

Postwendend katapultierte sich Jacques Pitteloud beinahe selber aus dem neuen Amt. Er beging, wie er öffentlich eingestehen musste, «einen riesigen Fehler». Bei Bananenbier heiratete er in Kigali seine Angélique, eine Ruanderin, die sich vor den Mördern in die Schweiz hatte retten können. Der Fehler war, dass Pitteloud die Regenbogenpresse aus der Schweiz zur ausgelassenen Vermählung in der ruandischen Kapitale geladen hatte. Im Bundeshaus kamen die Bilder nicht gut an. Sie zeigten, wie der helvetische Nachrichten-Koordinator eine Kuh als eine Art Mitgift für seine neue afrikanische Verwandtschaft auswählte.

Blocher organisierte ihn weg

Fast zum Verhängnis wurden ihm Schlagzeilen über einen obskuren Hochzeitsgast: ein «Prinz» aus dem Kongo hatte dem Brautpaar vor der Festgemeinde 500 Hektaren Land versprochen. Pitteloud versicherte seither immer wieder, dass er nie etwas von der über 700 Fussballfelder grossen Fläche in einem umkämpften Gebiet gesehen habe. Schon gar keinen Grundstückeintrag auf seinen Namen. Doch die Glaubwürdigkeit des Obergeheimdienstlers hatte gelitten. Noch heute bezeichnen politische Gegner aus der SVP den Spross einer christlichdemokratischen Dynastie (Grossvater Nationalrat und Walliser Staatsrat, der Vater CSP-Grossvater, er normales CVP-Mitglied) als «afrikanischen Grossgrundbesitzer».

Einer von ihnen, Christoph Blocher, setzte im Bundesrat 2005 durch, dass Pitteloud abgesetzt wurde. Sein Posten fiel einer Reorganisation der Geheimdienste zum Opfer.

Solidarität unter Wallisern

Die gebürtige Walliserin Micheline Calmy-Rey jedoch wollte nicht auf ihren Compatriote verzichten und machte ihn bei erstbester Gelegenheit zum Botschafter für Spezialmissionen. Pitteloud weibelte bald für Schengen, er weibelte für eine Teilnahme der Schweizer Armee an Atalanta, der Anti-Piraten-Mission der EU vor der Küste Ostafrikas. Als temperamentvoller bis penetranter Lobbyist in der Wandelhalle ging er allerdings selbst vielen jener auf die Nerven, die wie er der Meinung sind, die Schweiz müsste sich in Krisenherden weltweit stärker engagieren. Führende Sozialdemokraten behaupten sogar, Pitteloud habe durch «Friendly Fire» entscheidend mitgeholfen, dass das Parlament die Vorlage schliesslich versenkte. «Atalanta hätte einen taktischeren Verkäufer verdient», sagt Alt-Nationalrätin Barbara Haering von der SP.

So wird Pitteloud keine Schweizer Soldaten antreffen, wenn er in wenigen Tagen seine Residenz in Nairobi bezieht. Trotzdem wittert Christoph Mörgeli die Gefahr eine Neutralitätsverletzung durch den neuen Ambassadeur. Pitteloud vertritt von Kenia aus auch Schweizer Interessen in jenem Land, aus dem seine Frau stammt: Ruanda. Damit sei der Botschafter Partei, findet Mörgeli, zumal dessen Gemahlin eine Tutsi sei, wie der autoritäre ruandische Staatspräsident.

Woher er diese Zuordnung nach Rasse hat, kann Mörgeli nicht genau sagen. Die Sache ist denn auch nicht so einfach: Familienmitglieder der Gattin des Botschafters wurden gemäss einem Ruander in der Schweiz sowohl von den Völkermördern aus den Reihen der Hutu als auch der Tutsi umgebracht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2010, 21:06 Uhr

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8 Kommentare

Lisa Müller

07.07.2010, 13:22 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Offensichtlich entzieht es sich der Kenntnis von Herrn Mörgeli, dass Frau Pitteloud einer gemischten Familie entstammt: ihr Vater war Hutu, ihre Mutter ist Tutsi. Man kann sich keine bessere Neutralitätsgarantie vorstellen, sollte eine vonnöten sein. Solche polemische und nicht fundierte Aussagen lassen erahnen, warum Herrn Mörgeli die Anerkennung als Historiker verweigert wurde. Antworten


Werner Sugi

07.07.2010, 11:25 Uhr
Melden

Anscheinend braucht es heutzutage nicht mehr viel, um als Diplomat eingesetzt zu werden. Gestern ein Touristiker, heute dieser Liebling und Morgen (?) , weitere Entwicklungshelfer. Eines ist klar, das Niveau dieser Berufsgruppe ist gewaltig am sinken - dank wem? Antworten




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