Schweiz

Big Brother im Schweinestall

Von Franziska Kohler. Aktualisiert am 17.02.2012 4 Kommentare

Auf einer deutschen Website können Fleischesser die Schweine zuerst persönlich kennenlernen, die später auf ihrem Teller landen. Bei der Schweizer Fleischlobby kommt die Idee gar nicht so schlecht an.

1/7 «Schwein 1 ist jetzt Wurst»: Das erste Tier wurde im November letzten Jahres geschlachtet.
Bild: Meinekleinefarm.org

   

«Massentierhaltung ist politisch»

Dennis Buchmann realisiert Meinekleinefarm.org im Rahmen seines Studiums an der Berliner Humboldt-Viadrina School of Governance (HVSG). Ziel ist es, ein politisches Anliegen praktisch umzusetzen. «Das Projekt ist politisch, weil durch Fleischkonsum sehr viele natürliche Ressourcen verbraucht werden», schreibt Buchmann auf der Website. Ebenfalls politisch sei die ethisch problematische Massentierhaltung als solche. Dabei stellten sich zahlreiche Fragen: Muss die Politik Gesetze erlassen, um den Hersteller zu freundlicheren Methoden zu zwingen? Liegt es in der Verantwortung der Politik, dem Verbraucher transparent zu machen, wie das konventionelle Fleisch im Discounter hergestellt wurde? Oder ist der Verbraucher Schuld, der es eigentlich gar nicht wissen will?

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Dennis Buchmann will der Wurst ein Gesicht geben: Er stellt Bilder und Filme von Schweinen ins Netz und liess Fleischesser online darüber abstimmen, welches Tier als nächstes vom Schlachter zerlegt werden soll. Die tierischen Einzelteile werden dann zu Leberwurst, Schinken und Co. verarbeitet und können im Onlineshop Meinekleinefarm.org bestellt werden. Auf jedem Produkt prangt ein Bild des tapferen Schweins, das für die Delikatesse sein Leben lassen musste.

Was im ersten Augenblick makaber klingt, hat in Tat und Wahrheit einen tierschützerischen Hintergrund: «Ich möchte mit dem Projekt zeigen, dass hinter jedem Fleisch ein Gesicht steckt», sagt Dennis Buchmann. Der Fleischesser solle damit zum Nachdenken angeregt werden. Ausserdem könne er sich live davon überzeugen, dass die Tiere ein glückliches Leben mit viel Auslauf und Freiheit führen. «Mensch, lieber verzichte ich auf das komische Discounter-Fleisch und esse nur ab und zu das gute von Meinekleinefarm.org», denke er sich dann vielleicht.

«Die Vegetarier finden das gut»

Zwei Schweine, Schwein Nummer 1 und 2, haben für das Projekt schon ihr Leben hergegeben. Im Schweine-Shop wird jedes Tier mit Bild und kurzem Steckbrief vorgestellt, inklusive Geburts- und Schlachtungstermin. Nach der Schlachtung des ersten Schweins bestimmten die User per Online-Abstimmung, welches der insgesamt fünf Tiere als nächstes dran glauben muss. Am meisten Voten bekam dann «Das Gefleckte», Schlachttag war der 8. Februar. Sein Fleisch ist bereits restlos ausverkauft, genauso wie jenes von Schwein Nummer 1.

Buchmanns Plan scheint also aufzugehen. Auch die Rückmeldungen auf sein Projekt seien grösstenteils positiv, sagt Buchmann. Sogar Vegetarier hätten sich bei ihm gemeldet, um zur Idee zu gratulieren: «Die Fleischesser müssen der Tatsache ins Gesicht sehen, dass für ihren Genuss Tiere geschlachtet werden – das finden die Vegetarier gut.»

Bestellungen aus der Schweiz sind bei Meinekleinefarm.org zwar noch nicht eingegangen. Laut Buchmann ist es aber denkbar, dass Schweizer Fleischkonsumenten ebenfalls Gefallen am Modell finden. «Wir könnten uns gut vorstellen, das Projekt langfristig im gesamten deutschsprachigen Raum zu etablieren.»

«Schweizer brauchen keine Webcam»

Sabine Lubow von Bio Suisse, dem Schweizer Dachverband für Bioorganisationen, kann der Idee hinter dem Projekt durchaus etwas abgewinnen. «Die Konsumenten bekommen so einen Bezug zum Fleisch. Sie erhalten die Garantie, dass es sich hier um qualitativ hochwertige Tierhaltung handelt – vorausgesetzt, die Bilder aus dem Stall entsprechen der Realität.»

Ob der Schweizer Markt ein solches Angebot aber überhaupt nachfrage, sei unklar. «In der Schweiz sind die Kontrollen jetzt schon sehr streng. Durch die Kennzeichnung von Produkten mit dem Bio-Label hat man bereits die Garantie, dass das Tierwohl berücksichtigt wird», sagt Lubow. Zu einem ähnlichen Urteil kommt Marcel Portmann, Mediensprecher der Branchenorganisation Schweizer Fleisch: «Die Nähe zur Landwirtschaft ist bei uns noch viel stärker gegeben als in Deutschland. Auch ohne Webcam wissen die Konsumenten, dass sie Fleisch aus artgerechter Haltung kaufen.»

Ob Dennis Buchmanns Schweine-Webcam in der Schweiz Fuss fassen wird oder nicht – Schwein 3 wird davon nichts mehr mitbekommen. Sein Schlachttermin steht unmittelbar bevor: Geboren im April 2011, zu schlachten am 24. Februar 2012. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.02.2012, 16:53 Uhr

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4 Kommentare

Felix Furrer

17.02.2012, 18:19 Uhr
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Wir haben schon vom Kalb, vom Rind und vom Schwein direkt ab Hof gekauft.
Und haben die Tiere lebend gesehen, auf der Weide oder in der Suhle.
Ehrlicherweise:
Wenn ich denn schon Fleisch esse, ist mir DAS denn schon so viel lieber als so ein "keimfrei abgepacktes Stück Tier", wo ich eigentlich lieber schon gar nicht wissen möchte, was das für ein "LEBEN?" gehabt hat.
Antworten


Patricia Galli

17.02.2012, 18:27 Uhr
Melden 3 Empfehlung 0

Hoffentlich ist im Schlachthof dann auch noch eine Webcam installiert, damit man seinem Schwein auch im schwersten Moment seines kurzen Lebens noch beistehen kann. Antworten



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