Bevor etwas passiert

Wie geht man bei einer Trennung mit Aggressionen um? Ein Mann erzählt, wie er nach einem Streit mit seiner Partnerin im Gefängnis landete – und was danach geschah.

Probleme in Beziehungen schaukeln sich oft über eine längere Zeit auf – und irgendwann eskaliert die Situation. Foto: arthurvd (Flickr)

Probleme in Beziehungen schaukeln sich oft über eine längere Zeit auf – und irgendwann eskaliert die Situation. Foto: arthurvd (Flickr)

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«Hey Joe, where you goin’ with that gun in your hand?»
Jimi Hendrix


Das letzte Mal geschah es in Wilderswil, am 3. November 2014. Ein portugiesischer Gastarbeiter erschoss seine Ex-Freundin, tötete ihren neuen Mann und dann sich selber. Er konnte sich nicht damit abfinden, dass seine Partnerin sich von ihm getrennt hatte.

Mord aus Eifersucht, Mord aus narzisstischer Kränkung: Jedes Jahr werden in der Schweiz im Durchschnitt 22 Frauen und 4 Männer vom aktuellen oder ehemaligen Partner getötet – mehrheitlich in der Trennungsphase. «Für eine Frau zwischen 25 und 45 ist eine Trennung eines der grösseren Gesundheitsrisiken», sagt Männerberater Martin Bachmann. Er tut in seinem Berufsleben alles, damit es nicht zu mehr solchen Schlagzeilen kommt.

Die Morde sorgen für Aufsehen. Viel öfter ist es jedoch so, dass Eskalationen verhindert werden. Dass sich die Gemüter kühlen – nicht zuletzt, weil der Staat manchmal drastisch einschreitet.

Andreas Egger * ist gerade über das Gröbste hinweg. Die Scheidung ist eingereicht, Sorge und Obhut des Kindes sind geregelt, er hofft, dass er bald wieder normal mit seiner Ex-Frau sprechen kann. Wir unterhalten uns in einer leeren, halbdunklen Kantine. Der Mann hat Angst, dass ihn jemand hören könnte, und möchte auf keinen Fall erkannt werden. «Die Situation beruhigt sich gerade erst wieder», sagt der 40-jährige kaufmännische Angestellte.


«I’m goin’ down to shoot my old lady.»


Der Konflikt des Ehepaars Egger schwelte schon lange. Sie hatte sich in einen anderen Mann verliebt und wusste nicht, ob sie die Familie für die neue Beziehung verlassen sollte. Er fühlte sich betrogen, war enttäuscht, die beiden stritten viel und beleidigten sich gegenseitig. Oft wurde es laut. Zugeschlagen habe er nie, sagt Egger. Aber die Situation wurde für beide unerträglich. Der Konflikt nagte und nagte. «Ich hatte Angst. Was passiert hier mit uns? Wie weit muss es noch kommen, bis alles wieder besser wird?»

Die Eskalation habe schliesslich das Lied «Hey Joe» von Jimi Hendrix ausgelöst. Das Paar diskutierte über Selbst­tötungen und erweiterte Suizide. Dann sagte Egger: «Ich weiss nicht, was es noch braucht, dass auch ich imstand wäre, die ganze Familie umzubringen.» Er habe nur sagen wollen, was in ihm vorgeht, meint er heute. «In den Medien sieht man doch, wozu Männer in solchen Situationen fähig sind. Ich hatte einfach Angst, dass das mit uns auch passieren könnte.»

Diese Worte waren nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Seine Partnerin fühlte sich bedroht. Sie hatte plötzlich Angst, er könnte dem Kind etwas antun. Er versuchte mehrmals, sie zu beruhigen. Doch ein paar Tage später zeigte sie ihn wegen Drohungen an. Er wurde ­verhaftet.


«You know I caught her messin’ ’round with another man. And that ain’t too cool.»


Gewaltverbrechen in Beziehungen schaukelten sich meist über eine längere Zeit auf, sagt der Psychiater und Forensiker Marc Graf. «Wenn man sieht, dass das Problem eine Eigendynamik annimmt, dass es nicht mehr um die Sache geht, sollte man professionelle Hilfe holen.» Wer sich bedroht fühle, solle die Polizei rufen – auch bei impliziten Drohungen wie im Fall von Herrn Egger. Bei einer Anzeige klären die Polizisten die Situation vor Ort ab und versuchen einzuschätzen, ob jemand tatsächlich gefährlich werden könnte.

Im Fall der Familie Egger wurden die Drohungen von der Polizei sehr ernst genommen. Der Familienvater verbrachte zwei Tage im Gefängnis. Nach der Entlassung wurden verschiedene Massnahmen angeordnet: Egger durfte die gemeinsame Wohnung nicht mehr betreten und keinen Kontakt mit seiner Frau und seinem Kind aufnehmen. «Ich erhielt von der Polizei ein Kärtchen der Gemeinde, auf dem eingezeichnet war, welche Gebiete ich nicht mehr betreten durfte», erzählt Egger. Ein Teil des Wohnorts war tabu, dort, wo sich der Arbeitsplatz der Ehefrau und die Schule des Kindes befand.


«Hey Joe, hey Joe, I heard you shot your woman down.»


Allein im Kanton Zürich werden rund 1000-mal pro Jahr Gewaltschutzmassnahmen wie Kontaktverbote, Rayonverbote oder Wegweisungen aus der gemeinsamen Wohnung angeordnet. Den Kontakt zur Partnerin oder zum Partner zu unterbrechen, ist die härteste Massnahme zur Lebensrettung, obwohl die Polizei gar nicht die Mittel hat, um zu kontrollieren, ob die Verbote eingehalten werden. «Wenn ich gewollt hätte, hätte ich einfach zu meiner Frau gehen und sie umbringen können», sagt Egger.

Trotzdem sagen Experten, dass der Mechanismus in den meisten Fälle wirke: Weil die Dynamik eines Konfliktes unterbrochen wird und das Paar Hilfe erhält. Im Kanton Zürich ist es so geregelt, dass die Mitarbeiter des Mannebüro Züri jeden Mann anrufen, der wegen häuslicher Gewalt verhaftet wird oder ein Kontaktverbot erhält. Etwa ein Viertel der Männer taucht tatsächlich für eine Beratung auf. «Die meisten sind masslos überfordert. Viele kommen das erste Mal mit der harten Hand des Staates in Kontakt und waren das erste Mal im Gefängnis», sagt Bachmann.

Im ersten Moment könne eine Kontaktsperre zur Familie die Situation noch verschlimmern: Die Massnahme schüre auch Hass und Aggressionen. «Doch schon bei der zweiten Sitzung sagen die meisten, dass das das Beste sei, was ihnen hätte passieren können. Endlich hätten sie Zeit, um in Ruhe nachzudenken, wie es weitergehen soll.»


«Where you gonna run to now, where you gonna run to?»


Nach der Haftentlassung packte Eggers Frau ihm einen Rucksack mit den nötigsten Sachen. Mit einer Polizei­eskorte konnte er die Wohnung noch einmal betreten, um seine Sachen zu holen. Dann musste er sich eine neue Bleibe suchen. Einige Männer übernachten nach der Wegweisung aus der Wohnung im Büro. Andere im Auto. Doch die meisten tun das, was auch Andreas Egger tat: Sie ziehen wieder bei den Eltern ein.

In Eggers Fall wurde das Kontaktverbot von zwei Wochen auf drei Monate verlängert, weil seine Frau bei der Anhörung begründet darlegen konnte, dass sie noch immer Angst vor ihm habe. In den drei Monaten durfte er sein Kind nicht sehen und keinen Kontakt mit seiner Frau aufnehmen. Auch nicht mit ­ihren Freundinnen oder Eltern. «Das fühlte sich an wie Folter.» Im Mannebüro Züri an der Langstrasse werden Männer, die zugeschlagen oder gedroht haben, beraten, wie es weitergehen soll. Vor allem wird der Umgang mit Aggressionen gelehrt. «Gewalt ist eine Form, mit innerer Not umzugehen, eine Form von Spannungsabbau», sagt Martin Bachmann. Er zeigt seinen Klienten, welche Alternativen es gibt und wie sie ihren Körper und ihre Bedürfnisse besser wahrnehmen. «Die meisten Männer haben Gewaltfantasien, bevor sie etwas tun», sagt er. Diese Fantasien und körperlichen Signale wie Fäuste ballen oder Atemnot müsse man ernst nehmen.

Bachmann rät, dass Männer bei solchen Alarmzeichen den Streit abbrechen, sich von ihren Frauen entfernen und sich etwas Gutes tun sollen. Entweder mit dem Bike den Uetliberg hoch­rasen. Das Lieblingsschnitzel oder den Lieblingskebab essen. Entspannen oder Energie rauslassen – das löse den Paarkonflikt zwar nicht, aber es verhindere eine Eskalation.


«I’m goin’ way down south, way down south, way down to Mexico.»


Andreas Egger konnte sich mittlerweile wieder mit seiner Ex-Partnerin unterhalten. Über die Ereignisse der letzten Monate haben die beiden noch nicht gesprochen, die «Positionen» seien noch zu weit auseinander. «Wir klammern das zurzeit aus und kümmern uns einfach um das Kind.»

Wurde in seinem Fall mit der Gewaltschutzmassnahme ein Verbrechen verhindert? «Nein», sagt er. Er habe nie vorgehabt, seiner Familie etwas anzutun – er hält die Massnahmen, die verhängt wurden, für übertrieben und unverhältnismässig. «Es war im Nachhinein natürlich ein Fehler, dass ich das gesagt habe. Aber vielleicht hat die Eskalation tatsächlich etwas dazu beigetragen, dass sich die ganze Situation endlich klärt.»


* Name von der Redaktion geändert

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2014, 23:34 Uhr

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«Hey Joe», Jimi Hendrix

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