Schweiz

Behörde darf 100 Millionen verteilen

Von Stefan Schnyder. Aktualisiert am 20.09.2011 13 Kommentare

100 Millionen Franken des bundesrätlichen Programms zur Abfederung der Frankenstärke sollen an die Kommission für Innovation und Technologie fliessen.

Geldsegen für Forscher: Forschungsinstitutionen wie die Empa 
können auf Gelder aus dem KTI-Topf hoffen.

Geldsegen für Forscher: Forschungsinstitutionen wie die Empa können auf Gelder aus dem KTI-Topf hoffen.
Bild: Keystone

Forschungsprojekte

Kunstrasenfaser: Bisherige Kunstrasen sind entweder zu wenig langlebig, weil sich die Synthesefasern nach einer Belastung nicht vollständig erholen, oder sie provozieren Hautschürfungen, weil die Faseroberfläche zu wenig hautfreundlich ist. Im Rahmen des von der KTI mitfinanzierten Projektes hat die Empa eine Kunstrasenfaser entwickelt, deren Kern die Erholungsfähigkeit der Faser maximiert und deren Mantel die Reibung mit der Haut minimiert. Der Ostschweizer Kunstrasenhersteller Tisca-Tiara hat den Rasen bereits auf mehreren Fussballplätzen in der Schweiz eingebaut.

Kühlkleidung: Die Empa hat mit KTI-Geldern einen speziellen Stoff entwickelt, der Wasser nach aussen verdunsten lässt, ohne dass die Aussenfläche nass wird. Dieser Stoff kann beispielsweise für spezielle Hosen eingesetzt werden, die den Träger kühlen. Zielgruppe sind Multiple-Sklerose-Patienten, die sich dank des Systems eine gewisse Zeit praktisch normal bewegen können. Ein weiteres Einsatzgebiet sind Schutzwesten für Polizisten. Dank der Kühlung schwitzen die Träger der Westen bedeutend weniger. Industriepartner bei diesem Projekt war die Unico Swiss Tex GmbH mit Sitz in Alpnachstad OW.

KTI

Die Organisation Klara Sekanina ist die erste Geschäftsführerin der Kommission für Technologie und Innovation. Diese ist seit Anfang 2011 eine «verwaltungsunabhängige Behördenkommission» – ähnlich wie die Wettbewerbskommission. Zuvor war die KTI, für die 20 Mitarbeiter tätig sind, ein Bereich des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie. Die Aufsicht über die Geschäftsstelle übt eine Expertenkommission mit 60 Mitgliedern aus. Präsidiert wird sie vom Swisscom-Manager Walter Steinlin. Die Projekte werden von vier Subkommissionen – sogenannten KTI-Exptertenteams – geprüft. Das Team Life Sciences wird beispielsweise vom Berner Professor Beda Stadler geleitet.

Artikel zum Thema

Sucht der Bundesrat nach Möglichkeiten, um die Wirtschaft anzukurbeln, schlägt er jeweils vor, der Kommission für Innovation und Technologie (KTI) mehr Geld zur Verfügung zu stellen. So verwundert es nicht, dass die Landesregierung im Rahmen ihres auf 870 Millionen Franken geschrumpften Impulsprogramms sich dafür starkmacht, der KTI zusätzliche 100 Millionen Franken zuzusprechen. Der Ständerat ist diesem Vorschlag bereits gefolgt, und der Nationalrat wird es ihm aller Voraussicht nach heute gleich tun.

Freude bei der Geschäftsstelle

An der Effingerstrasse 27 in Bern freut sich Klara Sekanina, die Geschäftsführerin der KTI, über die in Aussicht stehenden Gelder. Denn 45-jährige Chemikerin ist überzeugt, dass die Politik diese sinnvoll einsetzt. Die Gelder, die die KTI erhält, leitet sie in die anwendungsorientierte Forschung. Allein dies dürfte erklären, warum die Politik die KTI so üppig mit zusätzlichen Geldern alimentiert. Welcher Politiker ist schon gegen zusätzliche Gelder für diesen Bereich? Und dies erst kurz vor den Wahlen.

In den Genuss der KTI-Gelder kommen Forschungsinstitutionen wie die ETH, die Universitäten, die Fachhochschulen und die Eidgenössische Materialprüfzentrale Empa. Diese wiederum müssen nachweisen, dass sie das Projekt im Rahmen einer Kooperation mit einem Unternehmen durchführen.

Kein Geldfluss an Firmen

Die Firmen dagegen erhalten von der KTI direkt kein Geld. Dies hat den Vorteil, dass Jungunternehmer, die sich in erster Linie als Subventionsjäger betätigen wollen, schlechte Chancen haben, zum Zug zu kommen. «Die KTI verlangt normalerweise, dass die Unternehmen sich mit 50 Prozent an den Kosten eines Forschungsprojekts beteiligen. Das ist in normalen Zeiten ein guter Test, ob es die Firma mit einem Forschungsvorhaben tatsächlich ernst meint», erklärt Walter Steinlin, der Präsident der KTI.

Klara Sekanina betont aber, dass die Unternehmen von den KTI-Geldern gleichwohl profitieren: «Die Firmen sollen dank der Zusammenarbeit mit einer Forschungsinstitution von deren Infrastruktur und Know-how profitieren», sagt sie.

Auf der anderen Seite erhalten die Forschungsinstitutionen nur Geld, wenn sie mit einem Industriepartner zusammenarbeiten, der die Erkenntnisse dann für die Entwicklung von Produkten einsetzen kann. Für reine Grundlagenforschung gibt es also von der KTI kein Geld. Ein KTI-Projekt, das zu einem Erfolg wurde, ist zum Beispiel das Elektrofahrrad Flyer. Das gleichnamige Huttwiler Unternehmen expandiert laufend. Weitere Bespiele sind ein neuartiger Kunstrasen oder ein Kühlsystem für Patienten, die an multipler Sklerose leiden (siehe Kasten).

Der plötzliche Geldsegen

Im vergangenen Jahr hat die KTI für 343 Projekte einen Bundesbeitrag von 100 Millionen Franken gesprochen. Da stellt sich die Frage, wie die KTI nun – im Prinzip bis Ende Jahr – zusätzliche 100 Millionen Franken für Projekte einsetzen kann, die sinnvoll sind. Der Bundesrat schlägt deshalb vor, dass gewisse Voraussetzungen für die Gewährung von KTI-Geldern gelockert werden. KTI-Präsident Steinlin erklärt: «Laut der Vorlage des Bundesrates kann die KTI eine tiefere Mitfinanzierungsquote der Unternehmen festlegen, wenn dies angezeigt ist. So will der Bundesrat erreichen, dass die Unternehmen trotz finanzieller Einschränkungen Forschung für zukünftige Innovationsprojekte betreiben lassen können.»

Eine weitere Lockerung sieht vor, dass die KTI auch Vorhaben, die direkt bis zur Markteinführung eines Projektes beitragen, mitfinanzieren kann. Bislang durfte die KTI nur Forschungsprojekte finanzieren, bis die Machbarkeit einer Produktidee feststand. An die Entwicklung eines marktfähigen Produktes durfte sie keinen Beitrag leisten. Der Vorschlag sieht zudem vor, dass die KTI zeitlich beschränkt auch die Anschaffung von Apparaten finanziell unterstützen kann. Bislang war nur eine Beteiligung an den Lohnkosten zulässig.

«Ambitiöses Vorhaben»

KTI-Geschäftsführerin Klara Sekanina rechnet damit, dass die Geschäftsstelle dank diesen Lockerungen viele Anfragen erhalten wird. «Deshalb gehen wir davon aus, dass zumindest ein grosser Teil der 100 Millionen Franken sehr rasch an die sinnvollen Projekte bei den Forschungsinstitutionen fliessen wird», sagt sie.

Doch sie lässt auch gewisse Zweifel durchblicken, dass die KTI bis Ende Jahr die 100 Millionen Franken verteilt haben wird: «Es ist ein sehr ambitiöses Vorhaben, bis zum Ende des Jahres genügend Projekte beisammen zu haben, um die ganzen 100 Millionen Franken einzusetzen. Doch probieren sollten wir das, denn Innovation ist der einzige Rohstoff, den wir in der Schweiz ‹fördern› können», sagt sie. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.09.2011, 11:55 Uhr

13

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

13 Kommentare

Urs Dubach

20.09.2011, 12:07 Uhr
Melden 12 Empfehlung

schön zu sehen, dass unterm Strich unser Steuergeld in Projekte gedrückt wird, welche wieder Geld generieren, welches nicht uns Steuerzahler zugute kommt. Antworten


Sacha Meier

20.09.2011, 15:13 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Was beim KTI läuft ist ein Witz. Sinnvolle Projekte in der Energieforschung werden Lobbyinteressen geopfert. Für fortschrittliche Projekte wie z.B. Hochleistungs-LED-Beleuchtung mit doppelter Effizienz von Energiesparlampen gibt es weder Elektroniker, noch Produktionskapital, noch CH-Interessenten. Da waren z.B. 0.45 Mio. Steuergeld in den Sand gesetzt. Der BR sollte die 100 Mio. den Banken geben. Antworten



Schweiz

Populär auf Facebook Privatsphäre


Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!