Albtraum Monokulti
Von Dario Venutti. Aktualisiert am 25.10.2010 9 Kommentare
Der Abgesang ist nicht neu, doch er wird lauter. Multikulturalismus, verstanden als Leitbild sozialer Integration, wird wenig unterstützt. Mehrheitsfähig ist Multikulti im Fall von Fussballnationalmannschaften. Dann wird, wie nach dem WM-Titel der Schweizer U-17, das erfolgreiche Zusammenspiel von Christen und Muslimen, eingeborenen Schweizern und solchen mit sogenanntem Migrationshintergrund, besungen.
Als politisches Konzept scheint die Idee jedoch ausgedient zu haben. Die Aussage der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Multikulti sei gescheitert, belegt, dass davon nicht allein das dumpfe, sondern auch das bürgerliche Milieu überzeugt ist. In der Schweiz ist es nicht anders. Auch hierzulande steht der Begriff da als Schmähwort.
Das ist erstaunlich. Die Schweiz hat in den letzten Jahrzehnten eine gewaltige Integrationsleistung vollbracht. Die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich fundamental verändert, ohne dass es zu grösseren sozialen Spannungen gekommen wäre. Konflikte, wie sie die USA mit den Hispanics, Frankreich mit den Nordafrikanern oder die türkischen Städte mit den Landflüchtlingen haben, sind ausgeblieben.
Die Politiker haben wenig beigetragen zum guten Gelingen. Die Rechte will bis heute nicht anerkennen, dass die Schweiz ein Einwanderungsland ist. Deshalb gab es lange Zeit keine Integrationspolitik. Die Bezeichnung «Gastarbeiter» drückt aus, dass man eine Integrationsverweigerungspolitik machte: Die Immigranten sollten nach getaner Arbeit nach Hause zurückkehren.
Die Linke hat die Einwanderung auf naive Weise verklärt. Sie hat die Augen verschlossen vor den Problemen, die fehlende Bildung, mangelnde Deutschkenntnisse auch noch in der zweiten und dritten Generation und ein patriarchales Weltbild mit sich bringen.
Die rechten Hassprediger machen heute daraus ein kulturelles und religiöses Problem, und sie machen diese Sicht salonfähig, auch bei Sozialdemokraten. Sie führen zwar das Wort Integration im Mund, meinen aber Assimilation. Auf diese Weise wird eine Identitätspolitik betrieben, die den Menschen sagt, wer sie sind und weshalb unterschiedliche Kulturen angeblich unverträglich sind.
Eine unideologische Politik würde hingegen anerkennen, dass es nicht darum geht, sich von der multikulturellen Gesellschaft zu verabschieden, sondern diese endlich zu gestalten. Die Probleme mit den Einwanderern aus ländlichen Gegenden Kosovos oder der Türkei brauchen pragmatische Antworten: Was machen wir? Was wollen wir? Wie lösen wir die Konflikte? Eine monokulturelle Gesellschaft als Antwort darauf wäre ein Albtraum.
Auffallend ist, dass in der Schweiz der lauteste Wortführer gegen die Vielfalt der Lebensformen und Weltanschauungen in einer Monokultur lebt: In der Wohngemeinde von SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer ist der prozentuale Ausländeranteil halb so hoch wie in der ganzen Schweiz. Wer hingegen in der multikulturellen Realität in den Städten lebt, wird die Wirklichkeit bei allen Problemen in der Schule etwa als ziemlich entspannt erleben. Vielleicht vernebeln die schrillen Debatten über Multikulti, Integration und Islam nur, dass wir so friedlich miteinander umgehen wie kaum je zuvor.
Die schrillen Töne lassen gern vergessen, dass wir so friedlich miteinander umgehen wie selten zuvor. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.10.2010, 21:09 Uhr
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9 Kommentare
"so friedlich miteinander umgehen wie selten zuvor. " Wenn dem so ist, warum will dann eine Mehrheit der Stimmbürger trotzdem für die Ausschaffungsinitative stimmen. Sind die alle blind und taub, oder haben die eventuell andere Erfahrung mit der Multikultirealität gemacht als Dario Venutti? Antworten
Multikulti = von mir aus Ja. Aber bestimmt nicht in der Masse, wie wir es hier haben. Das funktioniert weder hier, noch sonstwo auf der Welt, so wie es sich die Politiker vorstellen. Es gibt sicher kein Geheimrezept, aber ich wünsche zumindest eine Konsolidierung der Einwanderung und sich Gedanken machen, wie die Probleme mit auffälligen (sprich kriminellen) Einwanderern gelöst werden können. Antworten
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