Alain Berset legt sich mit der Pharmaindustrie an
Von Von Markus Brotschi, Bern. Aktualisiert am 22.03.2012 93 Kommentare
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Während der letzten Wochen hatten Nordwestschweizer Parlamentarier jeglicher Couleur mobil gemacht, damit die Pharmaindustrie die Medikamentenpreise in der Schweiz nicht den aktuellen Wechselkursen anpassen muss. Der neue Gesundheitsminister Alain Berset liess sich nicht erweichen: Rund 800 kassenpflichtige Medikamente werden aufgrund des periodischen Preisvergleichs mit sechs europäischen Ländern billiger.
Beim letzten Auslandvergleich von 2009 hatte das Bundesamt für Gesundheit einen Eurokurs von 1.58 Franken angewandt – nun einen solchen von 1.29 Franken. Daraus resultiert eine Senkung von insgesamt 240 Millionen Franken, die ab November wirksam wird.
Bundesrat schränkt Rekurse ein
Die Pharmaindustrie verlangte, dass die Überbewertung des Frankens berücksichtigt und ein Kurs von 1.35 bis 1.40 Franken angewendet werde. Mit 1.29 fährt die Branche allerdings immer noch besser als mit dem effektiven Durchschnittskurs der letzten 12 Monate von 1.23 Franken. Der Bundesrat federt die grossen Kursschwankungen 2011 mit einer «Toleranzmarge» von 5 Prozent ab – bisher betrug diese 3 Prozent. Berset sprach gestern von einer «ausgewogenen Lösung» im Interesse der Konsumenten und der Pharmabranche.
Die Betroffenen sehen das anders, insbesondere die Pharmaindustrie. Diese beklagt, dass sie unter dem hohen Frankenkurs leide. Die Kosten für Forschung und Entwicklung seien gegenüber dem Ausland massiv gestiegen. «Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da der Franken massiv überbewertet ist, nimmt der Bundesrat den Wechselkurs als Referenz für Preisvergleiche mit dem Ausland», kritisiert Interpharma-Sprecher Roland Schlumpf. «Wenn der Franken wieder schwächer wird, werden die Preise nicht nach oben korrigiert.» Jüngst eingereichte parlamentarische Vorstösse, die eine Förderung des Pharmastandorts verlangen, schlage der Bundesrat in den Wind. Die Branche investiere pro Jahr 6 Milliarden in die Forschung. Die Preispolitik des Bundesrats könne künftige Standortentscheide beeinflussen.
«Therapeutischer Quervergleich»
Besonders verärgert reagiert die Pharmaindustrie darauf, dass sie die Preissenkungen nicht mehr anfechten kann, wenn für andere Präparate mit ähnlicher Wirkung höhere Preise gelten. Der Bundesrat hat solchen Einsprachen einen Riegel geschoben, weil die Branche sonst einen Teil der Preissenkungen auf juristischem Weg verhindert hätte. Der Ausschluss dieses «therapeutischen Quervergleichs» sei gesetzeswidrig, sagt Schlumpf. «Es ist daher sehr wohl möglich, dass Firmen auf dem therapeutischen Quervergleich bestehen und juristische Schritte unternehmen», sagt Schlumpf. Dazu würden auch Rekurse gegen jeweilige Preissenkungen auf einzelnen Medikamenten gehören.
Nach Ansicht der Krankenkassen und des Konsumentenschutzes schont der Bundesrat die Pharmaindustrie jedoch weiterhin. Den Prämienzahlern entgingen 67 Millionen Franken an Einsparungen, weil die Toleranzmarge erhöht werde, kritisiert der Kassenverband Santésuisse. Die Branche habe trotz eines starken Frankens ihre Exporte gesteigert und schreibe hohe Gewinne, sagt Santésuisse-Sprecherin Silvia Schütz. Keine andere Branche erhalte wegen des starken Frankens Sonderregelungen. Zudem würden 70 Prozent der in der Schweiz verkauften Medikamente importiert.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.03.2012, 20:55 Uhr
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93 Kommentare
berset hat rückgrat - chapeau. ich finde die senkung absolut o.k. . die medikamentenpreise wurden über jahre in der schweiz künstlich hoch gehalten. die pharma-industrie hat nun eine milchkuh weniger, wird aber sicher nicht verlumpen. Antworten
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