Schweiz

87-Jährige stirbt im Spital – ohne Behandlung

Von Jérôme Ducret, «24 heures». Aktualisiert am 07.02.2012 114 Kommentare

Eine 87-jährige Frau ist im Notfall des Universitätsspitals Lausanne gestorben. Sie lag fünf Stunden in einem Bett, ohne dass sich ein Arzt um sie gekümmert hat.

«Es gab keine Krankenakte»: Notaufnahme des Universitätsspitals Lausanne, wo die Frau am Sonntag eingeliefert worden war.

«Es gab keine Krankenakte»: Notaufnahme des Universitätsspitals Lausanne, wo die Frau am Sonntag eingeliefert worden war.
Bild: Keystone

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Sie wurde am 5. Januar 2012 in den Notfall des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) eingeliefert. Sie hat das CHUV nicht wieder verlassen. Jacqueline ist 87-jährig am gleichen Tag verstorben. Nun klagen die Tochter und Schwiegertochter der Seniorin an: Die Frau soll fünf Stunden in einem Krankenbett ohne ärztliche Betreuung verbracht haben.

«Es ist beschämend, dass es solche Vorfälle gibt», sagt die Tochter, die ihren Namen nicht genannt haben möchte. «Ich finde, das ist ein echtes Problem. Wie kann man sicherstellen, dass so etwas nicht mit einem anderen Patienten geschieht?»

Keine Krankenakte

Bertrand Yersin, der leitende Arzt des Notfalldienstes, hat Tochter und Schwiegertochter zu einem Gespräch empfangen. Laut Yersin hat sich Folgendes ereignet: «Als die Frau eingeliefert worden ist, klagte sie über schwere Schmerzen. Ihre Lebenszeichen waren aber normal. Sie teilte uns mit, an Durchfall und Erbrechen gelitten zu haben. Sie hustete und war sehr schwach, als sie im Notfall auftauchte. Und sie hatte keinen Hausarzt, was wiederum hiess, dass es keine Krankenakte gab. Wir wussten deshalb nicht, ob sie Medikamente nahm.»

Das CHUV hat im Jahr 2008 ein System eingeführt, das die Patienten nach Grad des Notfalls einteilt. «Dieses System hat uns erlaubt, die Wartezeiten zu reduzieren», sagt CHUV-Direktor Pierre-François Leyvraz. Die verstorbene Frau wurde bei ihrer Einlieferung mit der Kategorie 4 versehen. Mit anderen Worten: am wenigsten akut. Solche Patienten werden in ein «Wartebett» verfrachtet.

Gegen 19 Uhr an besagtem Tag hatte eine Krankenschwester nach der Patientin gesehen und nichts Aussergewöhnliches festgestellt. Erst gegen 21 Uhr musste das medizinische Personal zur Kenntnis nehmen, dass die Frau nicht mehr atmete. Wiederbelebungsversuche waren erfolglos.

Keine Autopsie

«Dem betroffenen Personal, das die Regeln befolgt hat, geht diese Geschichte sehr nah – das war ein harter Schlag», erklärt Leyvraz. An diesem Tag sei im Notfalldienst sehr viel los gewesen. Bis zu zehn Patienten auf einmal hätten auf ärztliche Hilfe gewartet. Zudem hätten gewisse Patienten viel Aufmerksamkeit der Ärzte und Krankenschwestern in Anspruch genommen. Leyvraz: «Wir bedauern, dass die Patientin auf diese Art verstorben ist, ganz alleine in einem Gang. Wir nehmen diesen Fall sehr ernst.»

Er betont, dass es keinen Ärztepfusch oder Vernachlässigung vonseiten des Pflegepersonals gegeben habe. Zudem habe die Familie keine Autopsie akzeptiert. Die Todesursache bleibe damit unklar.

Das CHUV will nun die Konsequenzen ziehen und neue Regeln für den Notfalldienst einführen. So soll ein Arzt einmal pro Stunde nach Patienten der Kategorie 4 sehen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2012, 13:44 Uhr

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114 Kommentare

Theo Sprecher

07.02.2012, 15:10 Uhr
Melden 89 Empfehlung

Der Familie der Verstorbenen meine Anteilnahme. Ein wirklich sehr bedauerlicher Fall!
Auch die Halbgötter in weiss sind eben nur Menschen und eine falsche Triage bei einem Patienten kann leider vorkommen.
Wo war die Familie der Frau? Würde meine Mutter in kritischem Zustand ins Spital eingeliefert, wäre ich so bald wie möglich bei ihr. Ich würde sie wohl kaum fünf Stunden alleine lassen.
Antworten


Paul Rank

07.02.2012, 14:28 Uhr
Melden 58 Empfehlung

Wenn nicht nach Regeln der Kunst, sondern stur nach Administrativ-Schema F (nicht) behandelt wird, dann sterben Menschen wegen Kostenersparnis. Und keiner ist sich einer Schuld bewusst. Das nenne ich krankenkassen-fallpauschalen-konforme Euthanasie. Antworten



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