Ärzte-Streit ums Kiffen
Von Andreas Weidmann, 11.10.08.
Wie gefährlich ist der Cannabiskonsum tatsächlich? Ist die Prohibition beim Cannabis gerechtfertigt – oder soll zumindest der Konsum entkriminalisiert werden? Wie sehr diese Fragen die Ärzteschaft spaltet, kommt in der Parole der Ärztevereinigung FMH zur Hanf-Initiative zum Ausdruck. Sie hat im September Stimmfreigabe beschlossen. Zwar brauche es neue Lösungsansätze – einen Schutz der Jugendlichen und eine Entkriminalisierung der Konsumenten –, ohne die Droge zu verharmlosen. Die Hanf-Initiative habe die Delegiertenversammlung aber «nicht zu überzeugen vermocht», liess der Berufsverband verlauten.
Im Vorfeld hatten sich Experten in der Schweizerischen Ärztezeitung einen Schlagabtausch geliefert: In der April-Ausgabe vertraten die grossen Fachgesellschaften im Suchtbereich, welche die Legalisierung befürworten, ihre Position: die Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin (SSAM) sowie die regionalen Fachverbände GREA und Fachverband Sucht. Das Gesundheitsrisiko von Cannabis sei «nicht zu verharmlosen», und der regelmässige Konsum sei besonders Jugendlichen «nicht zuträglich», räumten die Autoren um SSAM-Präsident Robert Hämmig ein. Die heutigen Erkenntnisse reichten aus, «um von Cannabis als Rausch- und Genussmittel abzuraten», nicht aber, um es zu verbieten und den Konsum unter Strafe zu stellen.
Die Replik liess nicht auf sich warten: Die Datenlage verdichte sich in die Richtung, dass der Cannabiskonsum «weitaus schädlicher» sei als bisher angenommen, liess eine Gruppe abstinenzorientierter Mediziner um den Basler Arzt und SVP-Nationalrat Jean Henri Dunant verlauten. Ihr Artikel verweist etwa auf aktuelle Studien zum krebsverursachenden Potenzial von Cannabis, vor allem aber auf eine Studie des Zürcher Psychologen Wulf Rössler, der im Sommer 2007 neue Indizien für eine Verbindung zwischen Cannabiskonsum und der Zunahme von Psychosen vorgelegt hatte.
Gerade diese Studie zweifelt aber die Gruppe um Hämmig an: Sie ortet methodische Schwachstellen und resümiert, es sei «nicht auszuschliessen», dass der Anstieg der Psychosen andere Gründe habe als den Hanfkonsum, etwa den starken Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit.
«Unliebsame Studien»
Rössler antwortete: Eine «kumulierte Evidenz» vieler Untersuchungen spreche für ein erhöhtes Psychoserisiko. Wer «die Aussagekraft unliebsamer Studien immer aus der vermeintlich objektiven Warte höchster Wissenschaftlichkeit» kritisiere, nehme eine ähnliche Position ein wie die Tabakindustrie: Diese habe behauptet, die Gefährlichkeit des Rauchens sei nicht bewiesen, «als alle Welt schon wusste, wie gefährlich der Tabakkonsum sein kann».
Die Ärzte streiten aber nicht nur über die Risiken des Cannabiskonsums, sondern auch über die Frage der Entkriminalisierung. Gekoppelt mit der Überführung des Schwarzmarkts in einen kontrollierten Markt sei diese «aus medizinischer Sicht zu begrüssen», schreiben die drei Fachverbände. Die Konsumrate in der Bevölkerung könnte damit gesenkt, der Erstkonsum durch Jugendliche verzögert und die Früherkennung gefährdeter Jugendlicher verbessert werden.
Rössler dagegen kann sich «kaum vorstellen, wie die angestrebte bessere Kontrolle funktionieren soll». Die Legalisierung werde zu einer «erheblichen Ausweitung des Konsums» führen, weil die Zugangsschwelle abgesenkt werde. Es sei an den Befürwortern, Beweise vorzulegen, dass ihr Modell funktioniere.
«Mit Aktivisten solidarisiert»
In ihrem Disput schenken sich die Mediziner nichts: Hämmig versieht Rösslers Studie mit dem Attribut «populärwissenschaftlich oft zitiert» – Rössler greift die Glaubwürdigkeit Hämmigs an, weil dieser seine Zusammenarbeit mit dem legalisierungsfreundlichen Bundesamt für Gesundheit nicht deklariere. Die Hardliner um Dunant werfen Hämmig vor, sich «mit den «Hanfaktivsten solidarisiert» zu haben und eine «destruktive Ideologie» von «Sex, Drugs and Rock’n’Roll» zu vertreten, die weit über liberales Gedankengut hinausgehe. Hämmig kontert auf Anfrage mit dem Hinweis, die Gruppe um Dunant sei «blind für wissenschaftliche Resultate». Einzelne Mitglieder hätten «selber gekifft, und zwar offenbar so viel, dass es bis zur Psychose gekommen ist».
FMH-Präsident Jacques de Haller sieht den Disput als Ausdruck davon, «dass die Ärzteschaft das Hanfproblem sehr unterschiedlich beurteilt». Die Frage der Entkriminalisierung sei aber «nicht losgelöst von persönlichen ethischen und politischen Vorstellungen» zu beantworten. Und diese gebe es «eben auch unter den Ärzten».
(Der Bund)
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