Schweiz

Borer: «Wir sind in der 75. Minute und liegen 2:0 hinten»

Aktualisiert am 05.03.2009

Ex-Botschafter Thomas Borer sagte den Deutschen, was wir Schweizer im Steuerstreit falsch machen und wie man Peer Steinbrück die Gegenargumente um die Ohren haut.

«Es ist unser Fehler. Wir müssen uns wehren»: Thomas Borer.

«Es ist unser Fehler. Wir müssen uns wehren»: Thomas Borer.
Bild: Keystone

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Borers US-Strategie

«Das Bankgeheimnis kann man immer noch retten. Wir sind in der 75. Minute, liegen 2:0 hinten - aber es sind noch 15 Minuten zu spielen, und es wurde schon manches Spiel gedreht», sagt Borer im Interview mit «Spiegel Online» auf die Frage, ob die Zeit für das Bankgeheimnis abgelaufen sei.

«Bei uns liegt sicher noch viel hinterzogenes Geld»

Dass sich die internationale Steuerfluchtdebatte auf die Schweiz konzentriert führt Borer darauf zurück, dass sich die Schweiz zu wenig wehrt: «Weil wir ein leichtes Opfer sind. Wir hätten in dieser Diskussion zum Beispiel längst das Problem von London aufbringen müssen. Der britische Premier Gordon Brown gibt sich als grosser Kritiker der Schweiz - aber London ist die grösste Steueroase in Europa, in Browns Hoheitsgebiet liegen Guernsey und Jersey und die Karibikinseln. Die echten Steueroasen liegen nicht in der Schweiz.

Als würde er bereits in Schweizer Mission arbeiten verteidigt Borer das Schaffen der hiesigen Banken: «Es ist doch eine Illusion zu glauben, dass das Schweizer Finanzsystem auf Steuerhinterziehung aufbaut. Die grossen und etablierten Banken sind schon lange dabei, das zu verändern. Bei uns liegt sicher noch viel hinterzogenes Geld, aber es ist vor allem altes hinterzogenes Geld.»

Amnestie für Schwarzgeld

Gleichzeitig schweben Borer auch Lösungsansätze vor, wie das Problem der hinterzogenen Gelder angegangen werden könnte: «Teil einer Verhandlungslösung könnte zum Beispiel eine Amnestie für alles Schwarzgeld in der Schweiz sein - aber mit einer vernünftigen Strafsteuer. Davon könnten alle profitieren.»

Dass der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück im letzten Herbst auf die Schweiz eingedroschen hatte und mit der Peitsche drohte, gefiel auch Borer nicht. Der knüpfe sich halt lieber einen Kleinen vor, als sich mit einem starken Partner anzulegen: «Herr Steinbrück will doch kein Problem mit Gordon Brown. Er weiss: Brown zahlt mit gleicher Münze zurück. Aber er hat festgestellt, über die Schweiz kann er undifferenziert herziehen», so Borer.

Steinbrück die Gegenargumente um die Ohren hauen

Der mediengewandte Ex-Botschafter bedauert, dass niemand Steinbrück «die Gegenargumente medial um die Ohren haut»: «Keiner sagt ihm in deutschen Medien: Herr Steinbrück, es gab eine Zeit, da wollten deutsche Politiker europäischen Ländern die Peitsche geben. Seit das vorbei ist, geht es Europa - und übrigens auch Deutschland - viel besser. Ich mache Herrn Steinbrück da keinen Vorwurf. Es ist unser Fehler. Wir müssen uns wehren.»

Als hätte er bereits ein offizielles Mandat, spricht Borer mit Engagement und Leidenschaft über die Interessen der Schweiz. Die Chancen, dass Borer nach dem Mandat als Chef der Taskforce «Schweiz - zweiter Weltkrieg» nochmals von Bern gerufen wird, sind aber eher gering. Die letzte Woche von Bundesrat Hans-Rudolf Merz vorgeschlagene Taskforce will der Finanzminister gleich selber präsidieren. Zudem sollen zwei weitere Bundesräte darin Einsitz nehmen. Ob externe Berater beigezogen werden, ist noch offen. (cpm)

Erstellt: 05.03.2009, 17:45 Uhr

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