Schweiz
«Perspektiven:» Geheiligt sei der Atomausstieg
Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 21.04.2012 8 Kommentare
Das Thema hat längst das Territorium des rationalen Diskurses verlassen und ist zu einer Glaubensfrage geworden. Und wer sich der neuen Religion - sie nennt sich «Ausstieg aus der Atomenergie» - nicht unterwirft, wird gerädert, gevierteilt und exkommuniziert wie zur Blütezeit der Heiligen Inquisition.
Neu ist das nicht. Ich erinnere mich, Mitte der 1970er-Jahre als junger Berichterstatter der «Luzerner Neusten Nachrichten» an Ostermärschen teilgenommen zu haben - fröhliche Happenings irgendwo im Aargauischen, bei denen es gegen die Kernkraft ging und natürlich gegen Atomwaffen und auch gegen das Establishment als solches. So nannte man damals die herrschenden Kräfte.
Kein «Strom ohne Atom»
Politisch konnte die Anti-AKW-Bewegung exakt einen Sieg verbuchen: Das KKW Kaiseraugst wurde nie gebaut. An der Urne hingegen war der Bewegung, zu der sich die SP sowie linksextreme Parteien wie die Poch gesellten, aus denen später die Grünen hervorgingen, wenig Erfolg beschieden: 1979 und 1984 verwarf das Volk Anti-Atom-Initiativen. Der GAU in Tschernobyl 1986 änderte das politische Klima kaum: 1990 lehnten die Stimmberechtigten eine SP-Initiative für den Atom-Ausstieg ab; immerhin wurde ein zehnjähriger AKW-Baustopp angenommen. 2003 erlebten SP und Grüne ein Debakel: Eine neue Moratoriums-Initiative wurde mit 58,4% Nein-Stimmen abgelehnt. Und die Initiative «Strom ohne Atom» erlitt Totalschaden: Zwei Drittel Nein.
Erst Fukushima brachte die Wende: Der GAU, der am 11. März 2011 seinen Ausgang mit einem Erdbeben und einem Tsunami nahm, veranlasste den Bundesrat zum ebenso populären wie populistischen Entscheid, aus der Atomkraft auszusteigen. Populär deshalb, weil er wahrscheinlich dem Willen einer Mehrheit entspricht; populistisch, weil er vorerst suggerierte, dieser Ausstieg sei ohne allzu grosse Probleme möglich.
Positiv - für Widmer-Schlumpf
Der Richtungswechsel, von den damals vier Frauen im Bundesrat herbeigeführt, wirkte sich erstmals im Dezember 2011 aus: Bei der Erneuerungswahl des Bundesrats war Eveline Widmer-Schlumpf für Linke und Grüne wieder wählbar und rettete so ihren Sitz trotz geballtem SVP-Angriff.
Seit dieser Woche kennen wir die Strategie des Bundesrates für den Atomausstieg. Es bestätigt sich jetzt, dass die Prioritäten von Anfang an falsch gesetzt waren. Denn die erste Frage darf nicht lauten: Steigen wir aus der Atomkraft aus? Sondern die erste Frage muss lauten: Wie stellen wir die Versorgung sicher? Jeder, der Länder mit instabiler, erratischer oder fehlender Stromversorgung bereist hat, wird dieser Erkenntnis zustimmen: Die kontinuierliche Lieferung von ausreichender Energie ist Grundvoraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft, und mit «Wirtschaft» meine ich nicht abstrakte Konzerne, sondern die Volkswirtschaft, die jeden Einzelnen umfasst.Bei der Analyse des Bundesrates sehe ich mehrere fragwürdige Punkte. Erstens ist ein stabilisierter oder rückläufiger Stromverbrauch pures Wunschdenken: Die Bevölkerung nimmt zu, elektrisch betriebene Geräte ebenfalls. Und das iPhone lässt sich nicht an Utopien aufladen, Elektrovelos fahren nicht mit erneuerbaren Energien, die erst als Pläne existieren, und auch Wärmepumpen brauchen reale Elektrizität.
Zweitens schaudert mich die Idee von grossen Gaskraftwerken, nicht nur wegen ihres CO2-Ausstosses, sondern auch wegen des Lieferanten: Russland hat schon mehrmals Gaslieferungen im wichtigsten Moment, nämlich im Winter, unterbrochen, um andere zu erpressen, z. B. die Ukraine. Sich für unsere Stromproduktion in eine einseitige Abhängigkeit von Russland zu begeben, ist ein strategischer Fehler.
Angewandtes Florians-Prinzip
Da wäre es, wenn schon, klüger, direkt Strom zu importieren und damit das Sankt-Florians-Prinzip anzuwenden. Denn dieser importierte Strom käme natürlich nicht in erster Linie von umweltschonenden Windrädchen an der Nordsee, wie uns Fantasten weismachen wollen, sondern zum Beispiel aus französischen Atom- und tschechischen Kohlekraftwerken.
Erstere sind nicht sicherer als Mühleberg, Gösgen und Co. Und Zweitere sind die übelsten Dreckschleudern überhaupt. Wer Energiepolitik nicht als Glaubensfrage versteht und den Kampf gegen AKW nicht als Heiligen Krieg, kann deshalb nicht umhin, diese verpönte, politisch unkorrekte Frage zu stellen: Wie sinnvoll ist es, hier und jetzt den Atomausstieg zu forcieren, ohne dass die neuen Energiequellen, welche den Atomstrom vollwertig ersetzen können, schon vorhanden sind?
(Der Bund)
Erstellt: 21.04.2012, 10:01 Uhr
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8 Kommentare
Hertzliche Gratulation zu ihrem Artickel Herr Vogel, entlich mal etwas ueber dieses Thema das nicht nur die Emotionen anspricht sondern nahe der Realitaet ist. Wenn man die CH Zeitungen der letzten monate liest kann man nur den Kopf schuetteln da wird von den Politikern dem Volk alles moegliche versprochen das bei genauerem hinsehen nie realisierbar ist... Bauchfellpolitik nennt man dies. Antworten
Sämtliche Schweizer AKWs haben immer noch eine unbefristete Betriebsbewilligung und die drei alten AKWs müssen früher oder später ohnehin ersetzt werden
Effizienzmassnahmen und erneuerbare Energien sind günstiger und wesentlich schneller gebaut als neue Reaktoren und schaffen zudem wesentlich mehr Wertschöpfung/Arbeitsplätze in der Schweiz. Die Schweiz baut keine Reaktoren und hat keine Uranminen.
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Schweiz
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