Mögen uns die Deutschen nicht?

Ob Steuerstreit oder Fluglärm: Deutschland verweigert bei wichtigen Problemen eine Lösung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Irgendetwas stimmt nicht. Zweimal haben die Regierungen in Bern und Berlin ein strittiges Thema verhandelt, zweimal kam ein Abkommen heraus – und beide Male droht aus Deutschland eine Abfuhr. Dem Steuerdeal machen wohl demnächst die Sozialdemokraten den Garaus; der Fluglärmstaatsvertrag könnte am hartnäckigen Widerstand aus Baden-Württemberg scheitern.

Wir sind ihnen ein Rätsel

Woran liegt das? Mögen die Deutschen uns Schweizer einfach nicht? Ist der Berliner Politikbetrieb so verhärtet, dass keine Kompromisse mehr möglich sind? Oder sind die Schweizer so hinterlistige Gesellen, dass man ihnen nicht über den Weg traut? Wahrscheinlich spielen alle drei Elemente eine Rolle.

Erstens: Bei aller offiziellen Rhetorik über die formidablen Beziehungen, wirklich beliebt sind wir bei unserem Nachbarn nicht. Klar fahren diejenigen Deutschen, die es sich leisten können, gerne ins Berner Oberland in den «Urlaub»; oder sie arbeiten gleich in Zürich. Aber die Schweiz bleibt für die meisten Berliner, Hamburger und Düsseldorfer ein Rätsel. Sauber, reich und eigenbrötlerisch – ein verdächtiger Mix.

Den Schweizern, so empfinden es viele, geht es gut genug, die kann man ruhig etwas härter drannehmen. Nicht einmal die gemeinsame Geschichte mildert den Blick auf den kleinen Nachbarn. So richtig gelitten haben die Schweizer schliesslich nie unter den Deutschen. Wer will, kann die Gegenprobe machen: Ein Abkommen mit dem armen Polen würde die SPD nie blockieren. Sogar das klamme Griechenland wird recht pfleglich behandelt – unter anderem, weil man sich in Berlin genau daran erinnert, welche Schandtaten die Nazis in Hellas verbrochen haben.

Unfähig zu Kompromissen

Zweitens: Die Unfähigkeit zu Kompromissen ist ein grundsätzliches Problem in Deutschland. Bundestag gegen Bundesrat, Minister X gegen Minister Y, Rote gegen Schwarze gegen Gelbe. Das ist Alltag. Die Schweizer sollten es nicht persönlich nehmen, auch wenn es die Lösung der bilateralen Probleme natürlich behindert.

Beispiel Fluglärm: Der Kompromiss des Staatsvertrages besteht darin, dass die süddeutschen Flughafenanwohner am Morgen und am Abend länger Ruhe haben, dafür verzichtet Deutschland darauf, die Gesamtzahl der Anflüge zu beschränken. Die Gegner des Abkommens schreien nun: «Skandal! Solange die Gesamtzahl nicht beschränkt wird, ist der Deal untragbar.» Das kann eine politische Position sein. Nur: Nach dieser Logik ist eine Vereinbarung nur dann gut, wenn die Schweiz sämtliche Forderungen aufgibt. Das nennt man dann nicht mehr Kompromiss.

Ähnlich beim Steuerabkommen. Dessen Kern lautet: Einerseits bleibt das den Schweizern so wichtige Bankgeheimnis halbwegs erhalten, andererseits wird das deutsche Schwarzgeld endlich versteuert. Der Reflex der Gegner: «Es kann nicht sein, dass das Bankgeheimnis bleibt.» Bei einer solchen politischen Kultur ist es eigentlich ein Wunder, dass in Deutschland überhaupt irgendwann irgendjemand für irgendetwas ist.

Kleinlich aus Misstrauen

Drittens: Die Schweizer sind zweifellos gute Verhandler. Detailversessen, hartnäckig, geduldig. Entsprechend sind zwei Abkommen herausgekommen, die dem grossen Nachbarn (respektive dessen Regierung) zahlreiche Zugeständnisse abtrotzen. Aber die Schweizer haben auch ein Problem: Sie gelten als wenig vertrauenswürdig, um nicht zu sagen unehrlich. Beispiel Banken: Die Damen und Herren von der Bahnhofstrasse haben über Jahrzehnte das Bankgeheimnis missbraucht, um ihre Tresore zu füllen. Kein Trick war zu schmutzig. Jetzt geben sie sich plötzlich sauber. Kann man das glauben? Viele in Deutschland bezweifeln es.

Im Flughafenstreit ist das Verhältnis ebenso zerrüttet. Die Menschen in der badischen Provinz sind seit langem gewohnt, dass die «Grossmacht» Zürich mit ihnen umspringt, wie sie will. Mal wurde ein Nachtflugverbot missachtet, mal sonst gedröhnt, wie es für Kloten eben nötig war. Deswegen wollen die Hohentengener, die Waldshuter und ihre Nachbarn jetzt, dass jedes einzelne Flugzeug aufgeschrieben wird, das künftig über ihre Köpfe fliegen darf. Das ist Kleinlichkeit aus Misstrauen. Es hat sich über Generationen aufgestaut.

Zwei Probleme also, keine Lösung in Sicht. Was soll die Schweiz tun? Am besten: realistisch sein. Deutschland wird seinem kleinen Nachbarn in absehbarer Zeit nichts schenken. Dafür geht es uns zu gut. Auch mit den harten Bandagen im deutschen Politikbetrieb müssen wir uns abfinden. Aber Vertrauen, das kann die Schweiz schaffen. Keine Tricks mehr bei den Banken, keine Schnoddrigkeit beim Flughafen. Ehrlich sein und offen, immer wieder. Sagen, was man will und was nicht. Es könnte ein paar Jahre dauern, aber vielleicht bekommen uns die Deutschen am Ende doch noch lieb. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.10.2012, 08:53 Uhr)

Werbung

Immobilien
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Trend: Mintgrün
homegate Wir präsentieren Ihnen Mintgrün - die neue Trendfarbe. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Blogs

Zum runden Leder Oha lätz (LXX)

Die Welt in Bildern

Bunter Hund: Mit Blumen behängt und eingefärbt zeigt sich dieser Polizeihund am Tihar-Festival in Kathmandu. Hindus feiern das Fest, um Tieren ihre Wertschätzung zu erweisen (22. Oktober 2014).
Mehr...