Neuer Chic im alten Brüssel

Die Marollen wandeln sich vom Arbeiter- zum In-Viertel, und mit ihnen der hundert Jahre alte Flohmarkt. Früher war dort auch mal ein Helikopter im Angebot.

Die Händler klagen über die Konkurrenz durch Amazon und Ebay: Flohmarkt am Place du Jeu de Balle. Foto: Flavio Vallenari (iStock)

Die Händler klagen über die Konkurrenz durch Amazon und Ebay: Flohmarkt am Place du Jeu de Balle. Foto: Flavio Vallenari (iStock)

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Sie kommt jeden Morgen hierher, drei Haltestellen mit der Tram. Dann einen Kaffee in dem einzigen Laden, der vor sechs Uhr schon geöffnet hat. Dort warten die anderen. «Gros Louis» zum Beispiel, so nennen sie ihn hier am Place du Jeu de Balle, er sucht antike Gemälde. Sie dagegen ist auf antike Postkarten aus den Jahren um 1900 spezialisiert, beschrieben oder nicht beschrieben – auf den Preis beim Weiterverkauf hat das keinen Einfluss. Elisa Van Elsen, 67 Jahre alt, trägt Halbschuhe aus Leder, auch die hat sie vom Flohmarkt. Zehn Euro.

Über niedrige Preise klagen so manche am Place du Jeu de Balle, wo sie jeden Morgen ihre Stände aufbauen. Seit fast 150 Jahren herrschen die Händler über diesen Platz in den Marollen. Viele Touristen kommen, um das Brüssel zu sehen, das noch dreckig ist und laut und aufrührerisch. Doch wie das mit solchen Vierteln immer ist: Man solle sich beeilen mit dem Besuch in den Marollen. Bevor der Stadtteil verliere, wonach die Gäste alle suchen, schreiben Reiseführer.

Hunderte Euros für eine Karte

Die Luft ist kalt, Regen, kaum einer ist so führt wie Elisa Van Elsen unterwegs, erst recht nicht unter der Woche. In der Dämmerung stehen zwei Dutzend Transporter am Place de Jeu du Balle, als wäre das nur irgendein Parkplatz. Doch dann öffnen die ersten ihre Luken, die Kisten knallen auf die Pflastersteine, die Suche von Elisa Van Elsen beginnt. Sie blättert durch vergilbte Seiten, legt das eine Buch auf das andere, darunter könnte vielleicht ein Stapel Postkarten versteckt sein. Wenn sie Glück habe, verkaufe sie eine Karte für mehrere Hundert Euro im Internet, sagt sie. Manche kriege sie nur für zwölf Euro los.

Am Place du Jeu de Balle preisen nur professionelle Händler ihre Ware an, etwa die Hälfte der 400 Stände ist fest vermietet. Der Rest wird von Tag zu Tag vergeben. Eine Frau in Pelzmantel stolziert über den Platz und dirigiert Männer, die Kisten aus ihrem Lieferwagen ausladen. Sie fährt mit ihren Leuten zu den Häusern von Verstorbenen, wie viele hier, sie räumen die Zimmer leer und bringen zum Markt, was von einem Leben so übrig bleibt. Immer wieder aufs Neue.

Hier suchen die Touristen das ursprüngliche Brüssel: Zwaardstraat in den Marollen. Foto: Filharmoniker (Wikimedia)

In einer der Kisten Schwarz-Weiss-Fotos von einem Urlaub am Meer, eine Frau lachend am Pool, sie blinzelt zum Fotografen. Für diesen waren die Bilder wahrscheinlich von Wert, jetzt sind sie nur noch ein Ding unter Tausenden. Ramsch. Wenn am Wochenende die Touristen über den Markt schlendern, werden sie das herrlich romantisch finden. Den Plunder, die Patina. Doch wenn man sieht, in welchen Mengen die Händler Pullover und Lampen und Taschen auf den Platz kippen, ist da wenig Romantik.

Seit 30 Jahren auf dem Platz

In den Marollen lebten lange vor allem die Arbeiter der Stadt. Es gibt einen Film aus den 1950er-Jahren, «Le Chantier des Gosses», darin schuften Männer an Baumaschinen, Kinder rennen über staubige Strassen. Um die Prostituierten im Viertel kümmerten sich früher die Schwestern des Maricollen-Ordens, daher der Name Marollen.

Heute aber steht in Reiseführern: «Neuer Chic im alten Arbeiterviertel», und die Cafés verkaufen Filterkaffee an Studenten mit Fjällräven-Rucksack. Dazwischen bieten Antiquitätenläden ausgesuchte Ware zu hohen Preisen. Die guten Zeiten seien jedoch vorbei, sagt ein Händler, der an diesem Tag seinen Stand erst gar nicht aufbaut. Das lohne sich doch nicht, bei Regen. Trotzdem ist er um sechs Uhr hergekommen, wie die vergangenen mehr als 30 Jahre. Das sei doch sein Leben, sagt Jamal Allach. Dieser Platz.

Die jungen Leute wollen keine brüllenden Löwen mehr, sie wollen modernes Design.

Wenn er nicht verkauft, plaudert er mit den Kollegen, Geschäfte beim Kaffee, er schnalzt mit dem Finger gegen den silbernen Teller in seiner Hand. Früher habe er solch einen Teller für 100 oder 150 Euro losbekommen, sagt er, heute kriege er höchstens zehn. Allach zuckt mit den Schultern, wirft den Teller in die Kartonkiste in seinem Wagen. Die jungen Leute wollten ja keine brüllenden Löwen mehr, sie wollten modernes Design und vielleicht ab und an mal eine kleine Antiquität, die sich gut macht zwischen futuristischen Bücherregalen.

Allach, 47 Jahre alt, trägt eine ausgebleichte Lederjacke und einen Schlapphut. Früher liessen sich Möbel für 2000 Mark an deutsche Touristen verkaufen, heute zahlen sie oft nicht mehr als 100 oder 150 Euro. Und dann wären da noch die Onlineshops, Ebay, Amazon, manche suchen jetzt gleich im Internet und nicht mehr am Place du Jeu de Balle. Am nächsten Tag baut Jamal Allach dort wieder seinen Stand auf, er trägt wieder seine Lederjacke, seinen Schlapphut, Sonne, es ist ein Samstag. Die Besucher drängen sich.

Ein königlicher Porzellanteller

Auf den Place du Jeu de Balle kommen sie alle, ein Herr mit einer Einkaufstasche von Louis Vuitton und ein Herr im Kaftan, eine belgische Studentin, ein deutscher Rentner, eine britische Touristin. Auch deshalb ist Jamal Allach ja immer da, weil er mit so vielen Menschen ins Gespräch kommt, und das heisst in Brüssel: mit Menschen aus vielen verschiedenen Nationen, wahrscheinlich mehr als in anderen Städten. Mehr als in anderen Städten bleiben die Leute in Brüssel immer nur kurz. Sie arbeiten für ein paar Monate, ein paar Jahre, der Europäischen Union, der Nato, einer der hundert anderen Organisationen. Brüssel ist oft nur ein Zwischenstopp für die Besucher am Place du Jeu de Balle. Für die Verkäufer und Sammler aber nicht.

Jamal Allach ruft einen Mann herüber, winkt ihm zu, auch der sei schon seit dem Morgen hier, er gehöre zum festen Kreis, wie Gros Louis, wie Elisa Van Elsen. Der Mann trägt einen Porzellanteller vor sich her, in Papier eingewickelt, den hat er gerade erstanden, aus dem Service des ersten Königs von Belgien. Von Prinz Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha. Der Sammler, Didier Nollet sein Name, trägt eine Brille aus den 1930er-Jahren, über dem Bauch eine Taschenuhr. Er hat für den Teller zehn Euro gezahlt, der Verkäufer habe nicht gewusst, was er vor sich hat. Nollet lächelt. Wissen sei das Wichtigste am Flohmarkt. Er ist in dieser Stadt geboren, er erinnert sich noch an den Tag, als am Place du Jeu de Balle ein Helikopter zum Verkauf stand.

Jamal Allach wird ein paar Stunden später seinen Stand abbauen, gegen drei Uhr am Nachmittag, Elisa Van Elsen wird dann schon längst zu Hause sein. Sie geht früh schlafen, um Viertel vor fünf nimmt sie morgens wieder die Tram. Didier Nollet wird vielleicht noch einmal an den Auslagen entlanggehen, ob sich nicht doch noch etwas findet für seine Sammlung, doch nach und nach werden die Kronleuchter und Pelzmäntel und Taschenwecker in den Kisten verschwinden. Die Türen der Lieferwagen werden abgeschlossen sein, auch Jamal Allach wird mit seinem Schmuck nach Hause fahren, auf den nächsten Tag hoffen. Morgen früh sieht er die anderen wieder.

Infos: https://visit.brussels

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2017, 10:20 Uhr

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