Kuppeln, Kirchen und Krippen

Neapel zeigt sich in der Vorweihnachtszeit von der schönsten Seite: Festlich und tief religiös. Eine Pilgerreise in die Stadt, die selbst im Advent das Drama liebt.

Hier hat man die Wahl zwischen Handarbeit und Serienproduktion: Die Via San Gregorio Armeno ist Neapels eigentliche Krippenstrasse. Foto: Onlyworld, Fotofinder

Hier hat man die Wahl zwischen Handarbeit und Serienproduktion: Die Via San Gregorio Armeno ist Neapels eigentliche Krippenstrasse. Foto: Onlyworld, Fotofinder

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Die Adventsreise nach Neapel beginnt man am besten hoch oben, im Quartier Vomero: Die Stadt liegt dem Betrachter im goldenen Licht zu Füssen, der Vesuv grüsst majestätisch herüber. Und prachtvoll wie ein Palast wirkt die Certosa di San Martino unterhalb der Festung von Sant’Elmo. Den Grundstein der Kartause legte Karl, Herzog von Kalabrien, im Jahr 1325. Bekannt als eifrige Kunstsammler, liessen die Kartäusermönche das Ensemble zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert von den besten Künstlern ausstatten. Die Kirche und ihre Kapellen sind überreich geschmückt mit Mosaiken, Intarsien, Fresken, Skulpturen und Gemälden und bieten einen faszinierenden Einblick in Neapels Geschichte. Man kann sich kaum sattsehen am üppigen Barock.

Die Altstadt Neapels wurde 1995 zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt. Entsprechend zahlreich und bedeutungsvoll sind die Sehenswürdigkeiten der Metropole. Paläste und Museen, Kirchen – deren Hunderte soll es geben – und Klöster gilt es zu bewundern. In den engen Gassen des Centro Storico mit dem Pflaster aus Lavagestein geht es hoch zu und her. Hier wird gekauft und verkauft, gefeilscht und gelacht, gegessen und getrunken. An vielen Fassaden bröckelt der Putz, die Wäsche flattert wie eh und je im Wind, in alten Häusern lassen sich alte Leute Zeitungen und Esswaren in Körben am Seil in die oberen Wohnungen ziehen. Von den unrühmlichen Abfallbergen der letzten Jahre ist in diesen Adventstagen nichts zu sehen.

Alchemie und Blutwunder

Wie immer lebt die neapolitanische Seele für den Stadtpatron San Gennaro. Mit Pathos und viel Lust am Drama verfolgen die Gläubigen im prächtig ausgestatteten Dom, der Kathedrale, das sogenannte Blutwunder. Alljährlich am ersten Maiwochenende, am 19. September und am 16. Dezember wird im Dom San Gennaro das Wunder der Blutverflüssigung zelebriert. Das heisst, eine als Reliquie in einer Phiole aufbewahrte Substanz, die angeblich aus dem getrockneten Blut des heiligen Januarius bestehen soll, geht in den flüssigen Aggregatzustand über. Bleibt das Wunder aus, bedeutet dies grosses Ungemach für die Stadt. Chemiker sind sich ziemlich sicher, dass es sich um eine thixotrope Substanz handelt – ein Gel, das sich durch mechanische Berührung wie Schütteln verflüssigt. Sie hätte durchaus schon von den Alchemisten des Mittelalters hergestellt werden können.

Solche naturwissenschaftlichen Erklärungen lassen die Gläubigen allerdings unbeeindruckt. Kam es nicht nach dem Ausbleiben der Blutverflüssigung 1980 zu einem schweren Erdbeben? Hatte 1988 die SSC Napoli die italienische Meisterschaft nicht knapp verfehlt? «Es ist nicht wahr, aber ich glaube es», lautet ein neapolitanisches Sprichwort.

So oder so, San Gennaro ist Kult. Wir sind auf einer Pilgerreise des Bayerischen Pilgerbüros unterwegs, und darum steht ein Gottesdienst im religiösen Zentrum der Stadt auf dem Programm. Pilgern bedeutet für das Reiseunternehmen der katholischen Kirche in München, nicht nur eine fachlich versierte Reiseleitung zu stellen, sondern auch einen Geistlichen im Boot zu wissen, der die fast täglichen Gottesdienste leitet und für persönliche Gespräche zur ­Verfügung steht. «Pilgern gehört zum Leben, die Kirche gehört ins Dorf und das Wirtshaus daneben», schmunzelt Monsignore Wolfgang Bouché nach einer typisch neapolitanischen Pizza bei Wasser und Wein. Der Monsignore begleitet die Gruppe zusammen mit Reiseleiter Johannes Modesto. Kulturelle Besichtigungen stehen denn auch mehrheitlich unter einem kirchlich-religiösen Aspekt.

Kein Advent ohne Krippe

Die Vielfalt der Objekte ist beträchtlich. Da ist die kleine barocke Capella Sansevero mit dem verschleierten Christus und dem in Marmor gemeisselten Faltenwurf. Dort die Kirchen von Girolamini und Santa Chiara, deren Kreuzgang mit den schönsten Majolikabildern in ganz Kampanien besticht – farbiger Zinnglasur, deren Technik maurischen Ursprungs ist. Grossartig die Monumentalkirche San Domenico Maggiore, die eng mit dem Leben des Kirchenvaters Thomas von Aquin verbunden ist. Und hinter der unspektakulären Fassade der Jesuitenkirche Gesù Nuovo entfaltet sich unerwartet die Pracht einer barocken Innenausstattung.

Keine Weihnachten ohne Presepe, ohne Krippe. Ein riesiges und besonders prachtvolles Exemplar sahen wir bereits in der Kartause San Martino, und zwar die ausufernde Sammlung von Michele Cuciniello. Unter der Wucht von 180 Hirten, 10 Pferden, 8 Hunden, dem arbeitenden Volk und marokkanischen Musikanten verliert sich fast die eigentliche Krippenszene von Christi Geburt mit Maria und Josef und den Drei Weisen aus dem Morgenland.

Teure Handarbeit

Seit Jahrhunderten ist Neapel berühmt für individuell gestaltete Weihnachtskrippen. Die meisten Familien haben ihre eigenen, ständig wachsenden Exemplare, in den Kirchen der Stadt findet man oft riesige Krippenlandschaften mit den verschiedensten Figuren, detailliert dargestellte Alltagsszenen und solche von Festen, die vom genussreichen Leben, aber auch von tiefer Volksgläubigkeit zeugen. Realismus und Detailreichtum werden von den Künstlern gepflegt. Es lohnt sich, ihnen bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.

2016 Jahre danach: Clinton und Trump bei Christi Geburt. Foto: Piero Oliosi (Polaris, Laif)

Bei La Scarabattola in der Via Tribulani arbeiten die Familien der Brüder Guiseppe e Luigi Cesarini schon seit 1834 an ihren kunstvollen Figuren, die aus Terrakotta gefertigt und mit Stroh und Bambus gepolstert sind. Die Kunst liegt im Detail. Eine Figur wirkt kostbarer und wie lebendig, wenn die Augen aus Glas gemacht und nicht nur aufgemalt sind und wenn sie schöne Kleider aus wertvollem Stoff trägt und nicht nur Plastikfähnchen. Preise von einigen Hundert Euro gehen für so ein Schmuckstück gern mal über den Ladentisch.

Witzfiguren der Weltpolitik

Als eigentliche Krippenstrasse wird die Altstadtgasse Via San Gregorio Armeno bezeichnet. Edles Handgefertigtes und Serienproduktion liegen hier nebeneinander. Oft werden auch zeitgenössische VIPs auf die Schippe genommen. Fussballer, Angela Merkel, Silvio Berlusconi und ganz neu auch Donald Trump wurden in Ton gedrückt. Humor und Witz finden hier neben den zahlreichen Pulcinella-Figuren und den roten Hörnchen gegen den bösen Blick ihr weites Feld.

Noch mehr Prunk und Pracht zeigt der Palazzo Reggia di Capodimonte. Der von einem grossen Schlosspark umgebene einstige Palast beherbergt heute ein Museum mit Gemälden von Botticelli, Raffael, Tizian und Caravaggio und gilt zu Recht als eine der besten Kunstsammlungen Italiens. Und auch von hier geht der Blick aus den Fenstern bis ans Meer. Der Vesuv, leicht wolkenverhangen, grüsst jetzt von links, und in der Höhe rechts thront die Kartause. Der Kreis hat sich geschlossen.

Die Reise wurde unterstützt vom Bayerischen Pilgerbüro München. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2016, 17:36 Uhr

Pilgerreisen

Ein Weg führt nach Rom

Die fünftägige Pilgerreise Advent in Neapel findet auch 2017 statt, und zwar vom 27. 11. bis zum 1. 12. Sie kostet pro Person 895 Euro, inkl. Flug ab München sowie Hotel
mit Halbpension.

Zudem sind adventliche Reisen ins Elsass,
an die Städte des Niederrheins sowie eine Weihnachtsreise nach Rom vorgesehen.

Auskünfte: Bayerisches Pilgerbüro, München. Tel. +49 89-545811-0
www.pilgerreisen.de

Allgemeine Infos: www.inaples.it;
www.portanapoli.de/neapel/krippenstrasse




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