Entspannen im Schmelztiegel

Höher, schneller, weiter: Dubai ist ein verrückter Ort, scheinbar ohne Wurzeln und Tradition. Doch allmählich finden die unzähligen Fremden am Golf zu einer eigenen Identität.

Hier ist noch das alte Dubai zu spüren: Ein Mann füttert Möwen in der Nähe des Suk. Foto: Isabel Mendes (Getty Images)

Hier ist noch das alte Dubai zu spüren: Ein Mann füttert Möwen in der Nähe des Suk. Foto: Isabel Mendes (Getty Images)

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XXL ist das Mass von Dubai. Es fängt schon auf dem Flughafen Zürich an, vor dem Start mit der hauseigenen Airline Emirates: Wie eine Schulklasse versammelt sich die Crew zum Briefing – rote Uniformen, die Damen mit Hütchen und Seitenschleier als islamisches Accessoire. Das Personal würde eine ganze Dornier-Propellermaschine füllen, wie sie ab Bern-Belp für Linienflüge eingesetzt wird. Wir fliegen mit dem Airbus A380 von Emirates, in dem es auf zwei Stockwerken eine Menge zu tun gibt.

Die sechs Stunden Reisezeit sind kein Problem. Schliesslich gibt es Wi-Fi an Bord und Steckdosen, auch in der sehr bequemen «Holzklasse». Das Unterhaltungsangebot an Bord hat sich fast ­explosionsartig vermehrt.

Vier Fünftel sind Ausländer

Spät in der Nacht fährt ein indischer Chauffeur den Passagier vom Flughafen Dubai nach Jumeirah, dem Stadtteil im Südwesten der Millionenmetropole, vorbei am 828 Meter hohen Burj Khalifa, dem neuen Wahrzeichen. Mitternacht ist vorbei, doch in der Lobby des Ju­meirah-Hotels al-Naseem («Meeresbrise») stehen dienstbare Geister aus aller Herren Länder bereit – ein Abbild der emiratischen Gesellschaft, die zu vier Fünfteln aus Ausländern besteht. Das Empfangsteam ist sehr freundlich, aber noch etwas unkoordiniert unterwegs: Das jüngste Haus der Hotelkette hat eben den ersten Betriebstag hinter sich. Es folgt eine lange Wanderung durch endlose Hotelgänge, in denen sich sogar der begleitende Angestellte einmal verläuft.

Der Blick aus dem Zimmerfenster geht auf den Hof der riesigen Anlage und aufs Meer. Hinter dem Komplex erhebt sich ein segelförmiges Hochhaus, dessen Fassadenbeleuchtung ständig die Farbe wechselt: das Burj al-Arab («Turm der Araber»). Das 321 Meter hohe Hotel auf einer künstlichen Insel gehört ebenfalls zur Jumeirah-Gruppe. Das 1999 eröffnete Burj zelebriert in den 180 Quadratmeter grossen Suiten mit zwei Stockwerken orientalische Schwülstigkeit.

Der Yoga-Debütant schläft auf der Matte ein.

Dieses Wahrzeichen haben wir am Abend erneut im Blick, als wir am Jumeirah-Sandstrand an einer Yoga-Lektion teilnehmen. Der betörende Singsang des Lehrers und die Wüstennacht, die sich rasch herabsenkt, verschaffen so nachhaltig Entspannung, dass der Yoga-Debütant auf der Matte einschläft. Danach wird einer der zirkulierenden Golfbuggys angehalten, die den Transport in der Hotelanlage sicherstellen. Wasserstrassen durchziehen das Gelände. Auf den künstlichen Kanälen verkehren Boote, als wäre Dubai Venedig. Ein Dutzend Restaurants deckt fast jede kulinarische Richtung ab – von Tapas bis Meerfisch. Die 145 Köche stammen aus der ganzen Welt: Ägypten, Australien, Indien, Philippinen, Sri Lanka. «Ein wilder Haufen», wie der deutsche Executive Chef Tobias Pfister meint. Das Gemüse wird in Biogewächshäusern in der Region geerntet. Ein deutscher Metzger stellt die Würste ohne Schweinefleisch her. So sind sie ebenso wie alles andere auf den opulenten Buffets «halal», also erlaubt.

Im Gegensatz zum Burj interpretiert das brandneue al-Naseem Orientalisches diskreter und moderner. In der Lobby hängen Bilder galoppierender Pferde und kalligrafische Schriftzeichen aus Metall als Kunstinstallation, geschaffen vom 48-jährigen Künstler Mattar Bin Lahej. Ein Besuch in dessen Galerie verstärkt den Zwiespalt, wie man ihn einordnen soll. Ist er eine Art Rolf Knie der Emirate, von der etablierten Kunstkritik verschmäht, aber vom Erfolg verwöhnt? Bemerkenswert, dass es in Dubai möglich scheint, Kunst zu schaffen, welche die Fesseln des islamischen Abbildungsverbots und die Grenzen des Ornamentalen und Kalligrafischen durchbricht.

Vorsicht bei der Wahl der Worte

In der Tat gilt der 67-jährige Scheich ­Mohammed bin Rashid al-Maktoum, Herrscher über 2,2 Millionen Dubaier und Vater von 19 Kindern, als modern gesinnt und verhältnismässig liberal. Kleidervorschriften – keine Hotpants oder nackte Arme abseits des Strands – würden weder beachtet noch strikt durchgesetzt, heisst es. Man sieht in den gigantischen Malls so ziemlich alles: von der rabenschwarzen Vollverschleierung bis zum wenig verhüllenden Freizeitlook. Und doch habe die Lockerheit Grenzen, sagt einer, der seit Jahren in Dubai wohnt und zur Vorsicht rät bei der Wahl der Worte: «Es könnte gut sein, dass der ­Taxifahrer der Geheimpolizei Bericht ­erstattet.»

Ein Stück altes Dubai mit einem Suk – so etwas wie ein Basar – existiert noch. In den Gässchen riecht es nach Gewürzen. Aufdringliche Händler werfen den Flanierenden buchstäblich ihre Waren nach – einen Schal auf die Schulter und auswendig gelernte deutsche Vokabeln an den Kopf: «Komm rein, Professor, schau mal, ganz billig.»

Im Schmelztiegel hat sich «eine dritte Kultur» gebildet.

So etwas wie das Gegenstück zum alten Suk ist das Viertel um die Alserkal Avenue mit Fabriken und Lagerhäusern, Kunst- und Modeateliers. Sogar Schokolade wird hier hergestellt. Schokolade? Selbst im Winter herrschen tagsüber 30 Grad Celsius. Die Schokoladenmanufaktur Mirzam ist klimatisiert, wie alle Geschäfte, Hotels und sogar Buswartehäuschen. Doch die 32-jährige Chefin Kathy Johnston sagt, die Hitze bedeute nicht die grösste Herausforderung. Viel schwieriger sei es gewesen, engagierte Mitarbeiter zu finden, die ihre Passion für die kakaoreiche Schokolade mit den mannigfaltigen Gewürznoten teilten.

Die Jungunternehmerin, die dank der Heirat mit einem Basler Schweizerin geworden ist, versteht sich als Weltbürgerin und typische Dubaierin der jungen Generation. Im Schmelztiegel habe sich «eine dritte Kultur» gebildet, sagt Johnston. Leute von überall her gehörten dazu. «Dubai bringt auf eigenartige Weise Menschen zusammen, die sich fast schicksalhaft treffen.» Es sei «ein sozialer Ort», findet Johnston, die in der Boomtown am Golf aufgewachsen ist und diese Zeit wunderbar fand: «Ich möchte mit niemandem tauschen.»

Die Reise wurde unterstützt von Rose Travel und den Jumeirah Hotels & Resorts.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2017, 17:26 Uhr

Karte

Dubai

Tipps und Infos

Anreise: Emirates fliegt ab Zürich zweimal täglich nach Dubai, Swiss einmal täglich.

Unterkunft: Im Fünfsternbereich sind etwa 90 Häuser im Angebot, betrieben von sämtlichen renommierten Hotelketten der Welt. Ein frühes Wahrzeichen des boomenden Dubai ist das Burj al-Arab. Die Lage auf einer künstlichen Insel ist spektakulär. Ebenfalls zur Jumeirah-Gruppe gehören das al-Naseem und der Klassiker: das wellenförmige Jumeirah Beach. www.jumeirah.com

Reiseveranstalter: Let’s go Tours und Holiday Maker Tours. Arrangements bei www.rosetravel.de

Ausflüge: Gigantische Malls locken zum Shopping. Interessante Wasserspiele vor dem nadelförmigen Burj Khalifa, faszinierende Ausflüge in die nahe Wüste.

Beste Reisezeit: Oktober bis April. Im Hochsommer bis zu 50 Grad Celsius.

Allgemeine Infos: www.dubai.com

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