Süsser Maikuchen und die letzte Bratwurst

Die Algarve entsagt dem Billigtourismus. Abseits atemberaubender Strände entstehen edle Hotels.

Cabo de São Vicente an der Südwestspitze Europas: Von hier gehts über den Atlantik nach Amerika. Foto: RD

Cabo de São Vicente an der Südwestspitze Europas: Von hier gehts über den Atlantik nach Amerika. Foto: RD

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Das Firmensignet zeigt eine liegende Bratwurst mit lachendem Mund. Zum Schmunzeln gibt das Unternehmen durchaus Anlass. Mandy und Marisol stehen am Grill und drehen Bratwürste: Original Nürnberger, die mit Brötchen, Senf und Ketchup über die Theke wandern. Die Bude heisst «Die letzte Bratwurst vor Amerika», und wenn «vor» «von» wäre, könnte man Vergleiche mit einem führenden Politiker anstellen. Doch der wind­umtoste Verkaufsstand thront im äussersten Südwesten Europas, am Cabo de São Vicente, in der portugiesischen Algarve.

Der Leuchtturm, einer der zehn mächtigsten der Welt, hält die Schiffe von den Klippen fern und lockt die Touristen in Scharen an. Offenbar schauten auch schon VIPs vorbei und verpflegten sich rustikal. Hinter den Tischen der «Letzten Bratwurst» hängen Trophäenbilder von Kurt und Paola Felix oder Oliver Pocher.

Über dem Atlantik liegt Dunst, ein Tanker fährt nordwärts, in den Wellentälern vor der Küste kämpfen Surfer mit den Elementen.

Die Algarve gilt trotz des kalten Atlantikwassers als eine der besten Stranddestinationen Europas. Von Odeceixe im Nordwesten bis Vila Real de Santo António im Osten erstrecken sich saubere Sand­streifen, im Westen flankiert von den typischen rötlichen Felsen.

Der Parkplatz vor dem Leuchtturm ist voll, und er wird es bleiben bis Oktober. Portugal und insbesondere die Algarve erleben einen Touristenboom. Sie profitieren von den schwächelnden Konkurrenten wie Türkei oder Tunesien. Schon 2016 reisten 47'000 Schweizer Gäste nach Portugal und sorgten im Vergleich zum Vorjahr für ein Plus im zweistelligen Prozentbereich.

Die Portugiesen leiden unter Melancholie und mangelndem Geschäftssinn – in den letzten Jahren straften ihre Touristiker die Vorurteile Lügen und rüsteten auf, mit der Hilfe ausländischer Investoren.

Die spanisch-deutsche Hotelgruppe Riu renovierte für Millionen Euro ihr All-inclusive-Clubhotel Guarana. Aus dem biederen Tivoli Victoria wurde das luxuriöse Anantara Vilamouro Resort –das erste Haus der bekannten asiatischen Nobelmarke in Europa. «Die Ansprüche der Kundschaft steigen», sagt Gonçalo Narciso dos Santos, der Chef des edlen Hotels Bela Vista an der Praia da Rocha bei Portimão. «Mit Strandleben ist es heute nicht mehr getan. Man erwartet nun auch an der Algarve ein hohes kulinarisches Niveau und Wellnessangebote.»

Thermalwasser, ein Garten Eden, Hochprozentiges

Die Musik spielt nicht mehr allein an der Küste, immer mehr Vier- und Fünfsternhotels werden im Hinterland eröffnet. Vor einem Jahr ging das Macdonald Monchique Resort an den Start mit 185 Suiten, 4 Restaurants und hochwertigem Spa. In den Whirlpools blubbert Thermalwasser aus den Tiefen der Serra Monchique, selbst im Hochsommer streicht ein sanfter Wind über die Berghänge.

Im nahen Städtchen Monchique sind die Segnungen des digitalen Zeitalters unvollständig angekommen. Auf einem gedeckten Waschplatz bearbeitet eine ältere Frau in blauer Kittelschürze mit Kernseife Hosen und Hemden.

Verschlungene Pfade, die keinen motorisierten Verkehr dulden, führen durch einen subtropischen Garten Eden. Auf malerischen Terrassen gedeihen Reben und Zitrusbäume. Weitere Protagonisten der üppigen Vegetation sind Eukalyptusbäume, Pinien und Korkeichen mit geschälten Stämmen. Ein Farbenmeer von Blumen bedeckt den Boden . Gelb der Ginster, weiss die Zistrosen, lila der Schopflavendel. Besonders gehegt werden die Erdbeerbäume.

Was sie hervorbringen, degustieren wir auf dem Gehöft von Jose Paulo. Der Bauer und seine Frau Elena kredenzen Medronho, Schnaps aus der mehligen Frucht des Erdbeerbaums, eine Spezialität der Region. Bis die klare Flüssigkeit im Glas schwappt, braucht es Geduld und Arbeit. Nach der Ernte im Herbst ruht die Maische vier Monate im Fass, dann destilliert Jose Paulo den Schnaps in einem Ungetüm aus Röhrchen und kupfernen Behältnissen.

Zum Hochprozentigen reicht Elena, der Jahreszeit angemessen, den traditionellen Maikuchen, Bolo de Tacho. Er besteht aus Johannisbrotbaummehl, Honig, Eiern, Kakao, Zimt, Schmalz und Olivenöl. Die Kalorienbombe schmeckt wie alle portugiesischen Süssigkeiten himmlisch – und ist mit Sicherheit authentischer als Nürnberger Bratwurst hoch über den Klippen von Cabo de São Vicente.


Flüge Mit Edelweiss oder Air Berlin von Zürich nach Faro.

Hotels www.hotelbelavista.net www.macdonaldmonchique.com

Allg. Infos www.visitalgarve.pt (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.05.2017, 14:53 Uhr

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