Schlaflos am Wasserloch

Der Meru-Nationalpark in Kenia ist ein Geheimtipp für Safari-Liebhaber: Kaum Touristen, dafür eine grandiose Artenvielfalt.

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«Hakuna matata», beruhigt Fahrer Julius und dreht sich zu den entsetzten Touristen im Safari­wagen um. Doch die werden das Gefühl nicht los, dass er beinahe eben doch zum Problem geworden wäre, der Black Cotton Soil auf den Strassen des Meru-Nationalparks in Kenia.

Während der Regenzeit sind die Strassen wegen des Schlamms, der wie Schmierseife wirkt, kaum passierbar, und der erfahrene Massai-Führer Daniel braucht mehr als einmal die Seilwinde, um den Wagen wieder in die Spur zu bringen. Da die prekären Bedingungen auch für die Strassen von Nairobi nach Meru gelten, sollten die Gäste des Rhino River Camps am Rande des Meru-Nationalparks östlich des Mount-Kenya-Massivs mit dem Flugzeug anreisen.

Um die Luxus-Lodges oberhalb des Kindani-Flusses von der im Park liegenden Landebahn zu erreichen, durchfährt man das Rhino Sanctuary. Nachdem es 1980 im Meru-Nationalpark kein einziges Nashorn mehr gab, konnten sich neu angesiedelte Tiere in mit einem Elektrozaun gesicherten Schutzgebiet wieder erfolgreich vermehren. Mittlerweile gibt es 85 Nashörner, die von ebenso vielen Wächtern bewacht werden. Seit fünf Jahren wurde kein Nashorn mehr gewildert.

Die mit Sonnen- und Windenergie betriebene Eco-Lodge verfügt über sechs luxuriös ausgestattete Zelte. Da von 22.30 bis 6 Uhr der Strom ausgeschaltet ist, bleibt nachts inmitten des dichten Waldes nur das Licht der Glühwürmchen und die Geräuschkulisse von nachtaktiven Wildtieren und rauschendem Fluss. Das ist erstaunlich laut, abenteuerlich und ein bisschen romantisch – bis eines der verspielten Galagos, die kleinen Primaten mit Kulleraugen werden auch Buschbabys genannt, aufs Zeltdach springt. In solchen Momenten ist es für die Gäste beruhigend zu wissen, dass zwei Wächter, die Askaris genannt werden, die ganze Nacht über patrouillieren.

In Meru leben neben den Big Five – Elefant, Büffel, Nashorn, Löwe und Leopard – auch zahlreiche Hippos, Geparde und über 600 Vogelarten. Mit 13 Flüssen, weiten Grassavannen und dichten Wäldern bietet er einen vielseitigen Lebensraum. Da der Park gemeinsam mit den angrenzenden Reservaten Bisanadi und Mwingi sowie dem Kora-Nationalpark eine über 4000 Quadratkilometer grosse eingezäunte Fläche umfasst, ist seine Artenvielfalt afrikaweit einzigartig.

Meru hat täglich nur etwa 50 Besucher und ist damit ein Geheimtipp für Safari-Liebhaber. Während in vielen afrikanischen Parks regelrechtes Verkehrschaos herrscht und die Fahrer in ständigem Funkkontakt stehen, wird hier Safari, das Suaheli-Wort für Reise, zu einer kleinen Zeitreise: Kenia vor 15 Jahren.

Ökotourismus als neues Erfolgskonzept

Bei der Weiterfahrt auf der «Ringstrasse» entlang des Mount-Kenya-Massivs wird die Gegenwart jedoch wieder sichtbar. Der Klimawandel ist dem Mount Kenia deutlich anzusehen, die berühmten weissen Kuppen des zweithöchsten Bergs Afrikas und Unesco-Weltkulturerbes sind beinahe verschwunden.

Westlich des «Schwarz-weissen Berges» geht es entlang vieler ­Kaffeeplantagen und Rosenfarmen. Das zentrale kenianische Hochland ist aufgrund des ganzjährig gemässigt regenreichen Klimas bekannt für die ertragreiche Landwirtschaft.

Die farbenfrohen Hausfassaden und Kleider sowie aufwendig bemalten Linienbusse lassen beinahe vergessen, dass in Kenia jeder Zweite unter extremer Armut leidet. Und aufgrund des Klimawandels und damit einhergehender, schneller aufeinanderfolgender Dürreperioden wird sich deren Situation noch verschlimmern.

Ökotourismus ist denn auch der grosse Trend in Kenia. Nachhaltige Tourismuskonzepte sollen den Gästen nicht nur die Situation der bedrohten Tiere nahebringen, sondern auch den umliegenden Dörfern mit Arbeitsplätzen und angebundenen Projekten eine langfristige Perspektive schaffen.

Bade- und Sextouristen haben dem Reiseland Kenia geschadet.

Mit solchen Konzepten will die Regierung dem Rückgang des Tourismus entgegenwirken. Auch wenn besonders Safaris jährlich noch immer knapp eine Million Touristen ins Land locken, gab es in den letzten Jahren zahlreiche Rückschläge. War Kenia vor 20 Jahren noch Traumdestination und Titelbild vieler Reisekataloge, hat das Land es versäumt, langfristig ein positives Image aufzubauen. Gerade die mit Billigangeboten angelockten europäischen Badetouristen und der Sextourismus schadeten dem Reiseland. Und nach den politischen Unruhen bei den Wahlen 2008 und den beiden terroristischen Anschlägen der Al-Shabaab-Miliz blieben die Touristen weiter aus.

Claudio Nauli, Geschäftsführer von Private Safaris, ist überzeugt, dass auch die Ebola-Krise viele abschreckte, obwohl in Kenia kein einziger Fall nachgewiesen wurde. 90 Prozent aller heutigen Schweizer Kenia-Gäste würden Safari-Urlaub buchen, wobei das Interesse an Ökotourismus bisher leider gering sei.

Auch für Kenianer ist die von Regierung und Investoren angetriebene Imagepflege ein neuer Ansatz, denn sie leben und denken im Jetzt. Was für uns Europäer beneidenswert klingt, stellt sich für Kenianer als verheerend heraus. Schlimm genug, dass sie sich bei der Namensgebung immer auf aktuelle Persönlichkeiten beziehen, weshalb gerade ganz viele Trumps geboren wurden.

Doch gerade bei langfristigen Projekten fällt es Kenianern schwer, ihr Handeln auf die Zukunft auszurichten. So werden etwa in der Hauptstadt Nairobi viele Hochhäuser auf dem in Kenia verbreiteten Black Cotton Soil gebaut. Weshalb immer wieder ganze Komplexe einstürzen.

Es bleibt daher zu hoffen, dass Einheimische und zukünftige Gäste den Ökotourismus als Chance wahrnehmen. Denn Kenia hat sowohl für Afrika-Einsteiger als auch erfahrene Afrika-Reisende Unglaubliches zu bieten.

Schlafen, bis die Leoparden kommen

So können die Gäste der Ark Lodge westlich des Mount-Kenya-Massivs inmitten des Aberdare-Nationalparks an der Hotelbar auf die Big Five warten – denn die Wildtiere kommen direkt ans neben der Lodge liegende Wasserloch. «Schade, jetzt habt ihr die 20-köpfige Elefantenherde verpasst», entschuldigt sich Geschäftsführer Charles während unserer Führung durch die der Arche Noah nachgebauten Lodge. Dank zahlreicher Scheinwerfer können hier auch nachtaktive Tiere beobachtet werden, bequem von der Veranda der vierstöckigen Arche aus, oder sogar aus einem direkt am Wasserloch gemauerten Fotoversteck.

Safari-Luxus inmitten des Aberdares Nationalpark. Foto: The Ark Kenia

Bei diesem exklusiven Safari-Erlebnis können sich die Gäste auch jederzeit in ihre Zimmer zurückziehen, wo sie mit unterschiedlichen Klingeltönen auf die Besucher aufmerksam gemacht werden. Da sich in Kenia aufgrund der vielen Tiersichtungen rasch eine gewisse Sättigung einstellt, kommen aber erst bei vier Klingeltönen auch wirklich alle Gäste aus ihren Zimmern. Denn sie kündigen ein ausserordentliches Spektakel an wie beispielsweise ein Rudel Hyänen, das einen Büffel erlegt.

Nach der Führung verlassen wir die Arche wieder über einen kleinen Holzsteg. Und würden allesamt lieber bleiben und warten – bis die Leoparden kommen.


Die Reise wurde unterstützt vom Kenia Tourism Board und Magicalkenya.com

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2017, 15:20 Uhr

Tipps und Infos

Eco-Lodges am Rande des Parks

Anreise Swiss-Flug von Zürich nach Nairobi, Freitag und Samstag. Inlandflüge zum 370 Kilometer entfernten Meru-Nationalpark. Vom Wilson-Flugplatz wird die Kinna-Landebahn (ca. 400 Franken) angeflogen.

Unterkünfte Ark Lodge (www.thearkkenya.com) inmitten des Aberdare-Nationalparks, Doppelzimmer ab 250 Franken. Rhino River Camp, ­luxuriöse Eco-Lodges am Rande des Meru-Nationalparks, ab 300 Franken. Diverse Campingplätze im Meru-Nationalpark, es muss ein Askari engagiert werden, der nachts Wache hält.

Beste Reisezeit Für Tierbeobachtungen im Meru-Park eignen sich besonders die Monate September und Oktober. Während der Regenzeiten von März bis Mai und Ende Oktober bis Anfang Dezember sind die Strassen teils schlecht oder gar nicht befahrbar.

Einreisebestimmungen Touristen benötigen ein Visum, vorab als ­E-Visum (evisa.go.ke/evisa.html) oder bei der Einreise (40 Euro) zu beziehen.

Allgemeine Infos ktb.go.ke

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