Entrückte Tage am Ende der Welt

Die Schiffsreise um die Südspitze von Südamerika ist ungewöhnlich. Wetterkapriolen gehören zum Programm.

Ruhe vor dem Sturm: Lichtspiele am Beagle Channel bei Ushuaia. Foto: Getty

Ruhe vor dem Sturm: Lichtspiele am Beagle Channel bei Ushuaia. Foto: Getty

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Ruhig steuert die Zaandam durch das unüberblickbare Labyrinth der chilenischen Fjorde. Meeresengen, Inseln und Festlandzungen, ab und zu das Krächzen von Möwen oder Kormoranen, da und dort Seehunde. Weit und breit ist kein anderes Schiff auszumachen, nichts deutet auf menschliches Dasein hin. Endlos scheinen bewaldete Abhänge und Flanken. Die Bergkuppen sind wolkenverhüllt oder düster von Nebelschwaden umspielt. Ein unwirkliches Niemandsland, durch das unser Schiff auf dem spiegelglatten, silbrig schimmernden Wasser wie eine Raumkapsel gleitet.

Fünf Tage zuvor in Valparaiso: Die Zaandam der Reederei Holland America Line startet zu einer zweiwöchigen Seereise um das Kap Hoorn nach Buenos Aires. Ein freundliches, mittelgrosses Kreuzfahrtschiff für 1400 Passagiere – «ideal für diese Route», wie der holländische Kapitän Joost Eldering erklärt. Nicht zu gross für die engen chilenischen Fjorde oder um die Gäste zügig per Tenderboot an Land zu bringen. Doch gross genug für eine breite Bordinfrastruktur, welche die Tage auf See kurzweilig erleben lassen.

Erster Stopp in Puerto Montt, dem Tor zum grünen Seengebiet Chiles. Weiden, Wälder und Bauernhöfe erinnern an die Schweiz. Und doch nicht ganz: Wuchtig erhebt sich bei den Petrohué-Fällen der atemberaubende Kegel des 2652 Meter hohen Vulkans Osorno unter dem wolkenlosen Himmel. Der Regen holt uns tags darauf in Puerto Chacabuco ein. Während die Ausflügler die wilde Natur Nordpatagoniens durch­forsten, bummeln andere durch das unaufgeregte Fischerdörfchen oder besuchen das nahe Städtchen Puerto Aysén. Die gelegentliche Ankunft eines Kreuzfahrtschiffes dürfte wohl das Aufregendste sein, was hier so abgeht.

Inzwischen hat man sich ans gute Leben an Bord der Zaandam gewöhnt: Auf dem offenen Promenadendeck, bummelnd oder warm eingehüllt im Liegestuhl, lässt sich das vorüberziehende Naturschauspiel hautnah geniessen. Zeit aber auch für einen Besuch des Spas, des Windows-Workshops, der Weindegustationen oder des Kochkurses im Culinary Arts Center. Abends steht jeweils der gute Ruf der Reederei in Sachen Kulinarik auf dem Prüfstand: Zusätzlich zum A-la-carte-Dining-Room und dem ungezwungenen Lido-Buffet-Restaurant gibts auch ein hervorragendes Grill-Restaurant. Mit Musik, Shows und Tanz klingen die Abende aus.

Nach stürmischen Tagen entschädigen Pinguine

Die Sonne begrüsst die Zaandam vor Punta Arenas – doch der Schein trügt: Ein giftiger Wind peitscht über die Magellanstrasse und wirbelt Gischt auf. Diese Verhältnisse lassen weder ein Anlegen am Pier noch das Tendern zu. Der Besuch des patagonischen Outposts fällt ins stürmische Wasser. Ebenso der ersehnte Ausflug auf die Insel Magdalena mit der grössten Pinguin­kolonie in Südchile. «Auf dieser Route ist man nie von Wetterkapriolen sicher», sagt der Kapitän.

In Ushuaia bekommen die Passagiere endlich wieder festen Boden unter die Füsse. Im Hafen der südlichsten Stadt der Welt rüsten sich die Expeditionsschiffe für die Fahrt über die wilde Drakestrasse in die Antarktis. An der Hauptstrasse reihen sich Geschäfte an Restaurants und Hotels. Öl und Tourismus sorgen für Aufschwung im südlichen Argentinien. Am nächsten Tag werden die Passagiere an Deck wieder von einem orkanartigen Wind begrüsst: Das Kap Hoorn wird seinem Ruf gerecht. Der kurze Aufenthalt an diesem sturmumtosten Ort ist aber tief beeindruckend.

Zwei ruhige, sonnige Seetage später: Die Zaandam ankert vor den Falklandinseln, bevor es nordwärts zurück in die Zivilisation nach Montevideo und Buenos Aires geht. Der Besuch einer Pinguin­kolonie ist für viele der Höhepunkt: Über 3000 Tiere leben am grünen Küstenabschnitt von Bluff Cove. Unter den Flügeln der Muttertiere lugen Junge hervor, in Gruppen watscheln die Vögel zur Lagune oder an den weissen Sandstrand. «E chli stinke muess es», kommentiert ein Schweizer Mitreisender den typischen Geruch.

Ausser dem sanften Geschnatter und dem Anrollen der Wogen stört nichts die friedliche Ruhe an diesem paradiesischen Fleck. Es sind solche Augenblicke, für die man um die halbe Welt fliegt, für zwei Wochen auf ein Kreuzfahrtschiff eincheckt und 3899 See­meilen zurücklegt.


Die Reise wurde unterstützt von Holland America Line. www.hollandamerica.com (SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.06.2017, 11:20 Uhr

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