Ein Pelikan namens Michael Jackson

Eine Reise durch Senegal löst einen Kulturschock aus, man fühlt sich wie Globi in Afrika. Dabei geht es dem Land doch gut.

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«Heureux avec nous», verspricht ein Plakat am Strassenrand, der Bus fährt daran vorbei und biegt in eine vierspurige Ausfallstrasse ein, sie ist voller Autos und Lastwagen und öffentlicher Busse. Letztere fahren voll beladen, die hinteren Türen klaffen auf, Passagiere klammern sich fest, auch auf dem Dach sitzen ein paar. Schwarzer Rauch steigt hinter den Fahrzeugen auf. Am Strassenrand gehen Frauen mit Körben auf dem Kopf, Männer fahren Motorrad, Halbwüchsige lümmeln herum. Esel und Pferde ziehen Anhänger. Ziegen grasen, Büffel trotten, Hühner picken, ein Schwein wälzt sich im Dreck.

Entlang der Strasse ragen Baugerippe in die Höhe, die bereits wie Ruinen aussehen. Betonhäuser stehen wie Legosteine, Büsche wuchern, dann und wann ragt eine staubige Palme in den Himmel. Das Wetter ist diesig und die Luft voller Staub, ein heisser Wind weht. Überall liegt Abfall herum, Plastiksäcke, Flaschen, Karton, Abfall­säcke, Aluminiumdosen glitzern im Mittagslicht, zerfetzte Säcke flattern im Wind, Kinder spielen auf den Deponien. Willkommen in der Vorstadt von Dakar, Senegal, sie sieht aus wie ein randloses Schwamendingen nach einer Bombardierung. Heureux avec nous? Glücklich mit wem, fragt man sich, wie, warum und worüber?

«Das Ausland hat bei uns immer den Anklang von Elend»

Es ist die Erstbegegnung mit Afrika seit einer Marokkoreise vor über dreissig Jahren. Und was immer man sich unter Senegal vorgestellt hatte, vermutlich eine dreidimensionale Version der Videoclips von Manu Chao und Amadou & Mariam mit bunt gekleideten Frauen, herumkullernden Kindern und elegant gelassenen Männern, alle ununterbrochen gut gelaunt –davon sieht man hier nichts. Stattdessen durchlebt man einen Kulturschock. Empfindet Befremdung, Ängstlichkeit, Überforderung. Musste man bis hierher fliegen, um zu merken, was für ein totaler Schweizer man ist? «Das Ausland hat bei uns immer den Anklang von Elend», hat Friedrich Dürrenmatt geschrieben. Man weiss hier, was er meint.

Dabei gehört Senegal zu den afrikanischen Ländern mit der höchsten Toleranz und der geringsten Gewaltquote. Das Land hat als Einziges auf dem Kontinent weder Diktatur noch Bürgerkrieg durchlitten, die Dekolonisierung verlief friedlich, schon weil der erste Präsident des Landes, der Dichter Léopold Sédar Senghor, Frankreich kulturell verbunden blieb und sogar in die Académie française aufgenommen wurde.

Zwar wollte Abdoulaye Wade, der vorletzte Präsident des Landes, unter Missachtung der senegalesischen Verfassung eine dritte Amtszeit regieren, wurde aber nach einer einfallsreichen Gegenkampagne abgewählt, an der sich junge Hip-Hopper mit boshaften Liedern wirksam beteiligten. Die Presse agiert hier frei, fast zu frei, sagen Ansässige, denen der diffamierende Ton der Berichterstattung missfällt. Die Universität von Dakar gehört zu den besten Afrikas, auch wenn nur ein Drittel der Einwohner lesen kann. Das Land ist arm, 54 Prozent der Senegalesen leben unter der Armutsgrenze. Aber es leidet keinen Hunger und führt keinen Krieg, seine Gastfreundschaft ist so gross, dass sie als Teil der Kultur gilt.

Heureux avec nous.

Wieso kommen die Anhänger verschiedener Ethnien und Religionen hier miteinander aus, während sie sich in anderen afrikanischen Ländern befehden und umbringen? Weil Senegal den sufistischen, also toleranten Islam praktiziere, wird einem von Muslimen im Gespräch versichert. Die einflussreichen muslimischen Bruderschaften werden nicht von Fanatikern geleitet. Frauen gehen unbegleitet und ohne Schleier durch die Strassen, Verkauf und Konsum von Alkohol werden toleriert.

Wie einem später von Bouba Diop erklärt wird, einem jungen senegalesischen Intellektuellen, gehört zu dieser Kultur das ausführliche Abfragen des gegenseitigen Wohlbefindens. «Es kann bis zu einer Viertelstunde dauern, bis jeder berichtet hat, wie es der Grossmutter und den Cousins geht», sagt er. Und er erwähnt dann eine andere Umgangsform, von der er sicher ist, dass sie mögliche Spannungen zwischen Ethnien zur Heiterkeit sublimiert. «Cousinage amicale» heisst das Verfahren, das darin besteht, den anderen aus Spass zu beschimpfen. «Ich bin dein König, und du bist mein Sklave», sagt der eine, der andere wehrt sich wortreich. So geht das dann den ganzen Tag.

Wenn das Schuldgefühl zu einer Währung wird

Andererseits wird einem im Gespräch mit der Bevölkerung bewusst, wie häufig das Schuldgefühl als Währung eingesetzt wird, in der Schwarze in Afrika bei Weissen abrechnen. Dass Kinder einem die Hand geben und sagen: «Bonjour Monsieur, cadeau?», wobei ihre Frage nach einem Geschenk eher eine Aufforderung ist: Wer möchte es ihnen verübeln?

Dass junge Männer einen beim Aussteigen nach dem Namen fragen, eine Führung der Umgebung anbieten mit anschliessender Besichtigung ihrer Waren: Man fühlt sich bedrängt, kann sich aber distanzieren.

Doch wenn das Angebot sich zur Aufforderung verhärtet, eine Absage mit «où est le problème?» kommentiert wird oder mit «aidez un paysan» moralischer Druck gemacht wird, fühlt man sich unangenehm berührt. Auch im Gespräch mit unseren Guides während der Reise verdüstert die Kolonialzeit und damit die Sklaverei immer wieder das Gespräch über die afrikanische Gegenwart.

Muslime, Christen, Ahnen – man darf an alles glauben

Der Bus fährt durch die Kleinstadt Joal zwei Stunden südlich von Dakar und hält am Ufer an, der Atlantik sieht hier aus wie ein See, das liegt auch an den Mangrovensümpfen, welche die Sicht aufs offene Meer verstellen. Wir steigen auf Pirogen um, schlanke, gefährlich schwankende Holzboote, die uns auf eine Muschelinsel bringen. Sie wird als Friedhof genutzt; Christen und Muslime liegen, wie sie gelebt haben, nebeneinander. «Wir sind zu 94 Prozent muslimisch, zu 6 Prozent katholisch und zu 100 Prozent animistisch», sagt Lamine Jioh, ein junger Muslim. Neben den importierten Religionen lebt der Ahnenkult fort, die Bevölkerung bringt Opfer dar, um die Vorfahren zu ehren und günstig zu stimmen. Er habe eine katholische Messe besucht, sagt Jioh. Warum? «Ich wollte wissen, wie eine Hostie schmeckt.» Die Erfahrung hat ihn nicht beeindruckt.

Auf der Fahrt ins Landesinnere wird die Landschaft dürrer, die Strasse ist nicht mehr geteert, der ockerfarbene Boden mit Büschen gesprenkelt, statt Häuser drängen sich Strohhütten aneinander, von einem Zaun geschützt. Der Bus überholt einen Eselskarren, Mädchen sitzen darauf und winken, auch in den Dörfern schauen sie auf. Entlang der Strasse verkaufen Frauen Mangos, Melonen, geflochtene Körbe und Holzschmuck. Buben spielen Fussball. Überall rennen Kinder oder werden von ihren Müttern getragen, Senegal ist ein junges Land mit einer jungen Bevölkerung, die jährlich wächst, über 15 Millionen Menschen leben hier. Was man für Chaos hält, stellt sich als gelassener Alltag eines Drittweltlandes heraus, dem es viel besser geht als andern in Afrika.

Auf offener Strasse steht ein Polizist und lässt den Fahrer anhalten. Das Gepäck dürfe nicht im Kofferraum verstaut sein, sagt er und kassiert eine Busse, nicht sehr hoch, aber wenn er das zwanzigmal am Tag macht, bekommt er viel mehr als seinen Lohn. «Das letzte Mal waren die Scheiben nicht sauber genug», murmelt einer unserer Guides. Die Korruption gehört auch in Senegal zum System. Weil die Leute nicht genug verdienen oder weil sie nicht genug bekommen können.

Baobab für alles: Vitamin C, Suppe, Seile, Ahnenkult

Der Alte steht wuchtig am Strassenrand, er hat einen gedrungenen Körperbau, dünne Arme und ist 800 Jahre alt: Es ist der älteste Baobab von Senegal, und er ist einem auf Anhieb sympathisch. Das findet auch die Bevölkerung, weil der Baum ihr nämlich so nützlich ist. Die nussgrossen Samen enthalten Vitamin C, Magnesium, Kalzium, Eisen und Zucker in hoher Dosierung, die Bäume speichern Wasser, ihre Rinde lässt sich zu Seilen und Taschen flechten, mit den Blättern kocht man Tee und Suppe, aus den Blüten macht man Salat und mengt sie dem Couscous bei. Ausserdem spielt der Baobab eine grosse Rolle beim afrikanischen Ahnenkult.

Nach einigen Tagen fährt der Bus in St.Louis ein, der ältesten Kolonialstadt Afrikas und auf verblichene Art schön. Die Strassen sind voller Leute, alles wird verkauft, was sich verkaufen lässt, vom Fernseher bis zum Fernsehmöbel, vom Fisch zum Fleisch, von der Plastikkette zu den Plastiksandalen. Schwerer Reggae dröhnt aus einem Verstärker, dazu rappt einer.

In einer Wellblechhütte schauen sie Fussball, Real gegen Barça, eine Aufzeichnung, das Land spielt leidenschaftlich gern Fussball. Männer, Frauen und Kinder tragen farbige Kleider, grün, rot, lila, gescheckt, gemustert, Kaftane, Fussballleibchen, grellbunte T-Shirts. Und ohne dass man es richtig erklären kann, sehen die immer toll aus an ihnen, und ohne dass man es richtig merkt, entspannt man sich und bekommt bedenklich gute Laune. Und realisiert, dass es auf dem Markt genau so aussieht wie auf «Sénégal Fast Food» von Manu Chao. Mit bunt gekleideten Frauen, herumkullernden Kindern und elegant ­gelassenen Männern, alle ununterbrochen gut gelaunt.

Und dann sieht man ihn, er steht mitten auf der Strasse. Ein schmutziggrauer Pelikan. Lastwagen kurven um ihn herum, Busse, Autofahrer passen auf. «Das ist Michael Jackson», sagt ein junger Hip-Hop-Typ – «unten schwarz, oben weiss.» Offenbar steht Michael Jackson den ganzen Tag auf der Strasse, abends watschelt er in die Hütte, welche die Anwohner ihm gebaut haben, die ihn füttern und lieben. Am andern Morgen steht er wieder auf der Strasse wie ein Polizist, der nichts zu regeln hat. Weil es nichts zu regeln gibt.


Die Reise wurde unterstützt von Let‘s go Tours (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.05.2017, 09:55 Uhr

Senegal: Durch das Land an der Westspitze Afrikas

Anreise Mit Royal Air Maroc von Genf und Zürich via Casablanca nach Dakar, www.royalairmaroc.com

Reiseveranstalter Senegal-Arrangements beim Afrika-Spezialisten
Let’s go Tours, Tel 052 624 10 77; www.letsgo.ch

Rundreise «Bou el Mogdad» bei Let’s go Tours, 8 Tage/7 Nächte
ab/bis Dakar im DZ ab 1140 Fr. p. P. inkl. Vollpension, Getränke an Bord und Ausflüge.

Hotel am Meer Sandstrand und Hütten; www.oceanetsavane.com

Einreisebestimmungen Schweizerbürger benötigen einen Pass, der noch mindestens 6 Monate über das Reisedatum hinaus gültig ist. Visum erforderlich, www.eda.admin.ch

Gesundheit Diverse Impfungen notwendig; www.safetravel.ch

Beste Reisezeit Oktober bis April

Allg. Infos www.tourismus.de/afrika/senegal/

Den Fluss hinauf, in die Wüste und auf die Sklaveninsel

Senegal ist nach dem Grenzfluss benannt, der das Land im Norden von Mauretanien trennt, ein bis zu 300 Meter breiter Strom, der von Mali her westwärts in den Atlantik fliesst. Den Fluss hinauf und hinunter fährt das Schiff Bou el Mogdad (Foto), das man am besten
nach einer Stadtbesichtigung von St. Louis besteigt. Das Schiff alleine lohnt die Fahrt, die sich auf eine Woche ausdehnen lässt. Essen, Kabinen, Bar auf dem Deck, Besatzung – alles gleichermassen toll. Die Landschaft an den Ufern gestaltet sich im unteren Teil eintönig, halt flach und grün, aber es gibt ein schönes Vogelreservat zu sehen, ausserdem mehren sich die Dörfer auf dem zweiten Teil der Reise.

Das ziemliche Gegenteil einer Flussfahrt ist eine Nacht in der Wüste, mehr noch: im Wüstenzelt mit Petrollicht und dem riesigen Sternenhimmel. Das Wüstencamp an einer Oase bei Lompoul, auf halbem Weg zwischen Dakar und St.Louis, besteht aus Berberzelten aus Kamelhaar, und man bekommt Wüste light serviert, ohne dass man deswegen durch die Sahara muss. Dromedarritte möglich, Sonnenuntergang empfohlen, ein Dünenspaziergang ebenfalls.

Und dann, am äussersten westlichen Ende des Lands, am Rand der Insel Gorée vor dem Hafen von Dakar, stehen ein Gefängnis und das Tor zur Reise ohne Wiederkehr, durch das so viele afrikanische Sklaven in die Welt verkauft wurden – nach Amerika, Kolumbien, Brasilien und anderen Orten. Das Sklaverei-Museum ist karg, und das Vokabular der Führung beschwörend, aber es ist historisch höchst umstritten, wie viele Sklaven wirklich von hier aus ins Elend verschifft wurden. Ironischer­weise gehört die Insel selbst mit ihren farbig bemalten Häusern zu den schönsten Orten.

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