Wo die Piratenromantik untergeht

Auf dem italienischen Kreuzfahrtschiff Costa Favolosa steuert man eine karibische Insel nach der anderen an. Und erkennt dabei, dass der Massentourismus tiefe Spuren hinterlässt

Ausguck: Im Hafen von Philipsburg, Sint Maarten.

Ausguck: Im Hafen von Philipsburg, Sint Maarten.

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Kurz vor sieben Uhr abends sind wir nach einem langen Flug mit Air France ab Paris Orly in Point-à-Pitre auf Guadeloupe angekommen. Guadeloupe liegt in der Karibik, ist aber ein französisches Departement, und das Kreuzfahrtschiff Costa Favolosa, auf dem wir eine halbe Stunde später einschiffen, gehört der Costa Crociere mit Sitz in Genua. Fast hätte sich an diesem Abend das Vorurteil vom fehlenden französischen Organisationstalent und der italienischen Unpünktlichkeit definitiv zementiert.

Immerhin bietet der italienische Hintergrund Gewähr für eine exzellente Küche – nicht selbstverständlich, wenn täglich rund 3000 Passagiere und die 1150 Angestellten verköstigt werden müssen. Dafür ist um halb elf der Koffer noch nicht an Bord, der Reisende todmüde, weil es für ihn mit der Zeitverschiebung gefühlte halb vier Uhr morgens ist.

Die Queen als Oberhaupt und Jefferson, der Sklavenbesitzer

Um 23 Uhr findet der obligatorische Sicherheitsdrill statt; ein älterer Mann schläft im Stehen ein und kippt um. Danach telefoniert man ergebnislos mit der Rezeption, eine halbe Stunde später nochmals, wobei man in eine Endlosschleife gerät. «Der Camion ist erst gerade angekommen», sagt die Rezeptionistin. Wir brauchten zehn Minuten vom Flughafen zum Schiff. Wieso braucht der Lastwagen fünf Stunden?

Gegen Mitternacht verdichtet sich die Vorstellung einer einwöchigen Seereise ohne Ersatzunterwäsche, frische Hemden und Ladegeräte für den Laptop, das Handy und die Kameras. Die Costa Favolosa sticht in See Richtung Saint Kitts – vom Gepäck keine Spur. Am Mittag des nächsten Tages kommen wir in Saint Kitts an. Man fährt links. Es ist heiss. Die Federation of Saint Kitts and Nevis besteht aus zwei kleinen Inseln mit 55'000 Einwohnern, seit 1983 ein unabhängiger Kleinststaat mit der Queen als Oberhaupt. Die Kolonialgeschichte ist dick aufgetragen: Samuel Jefferson, angeblich der Urgrossvater des dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson, war hier Grossgrund- und Sklavenbesitzer. Man baute Tabak und Zuckerrohr an und wurde damit und mit dem Sklavenhandel reich. Fairview, ein weisses, koloniales Prachtshaus, heute umgeben von einem botanischen Garten, zeugt davon. Britische Ingenieure und schwarze Sklaven bauten im 17. und 18. Jahrhundert auf einem Hügel das Fort Brimstone als Bollwerk gegen die Franzosen. Das düstere Gemäuer figuriert heute im Unesco-Verzeichnis des Welterbes.

Festung Brimstone auf Saint Kitts.

Wer sein Karibikbild aus den Piratenfilmen mit Johnny Depp bezogen hat, wird dieses spätestens bei der Ankunft an der nächsten Destination revidieren. Romana, Dominikanische Republik: Die Passagiere der Costa Favolosa werden zuerst durch einen riesigen Duty Free Shop geschleust; erst dahinter warten die Busse. Heute steht Farniente auf dem Programm: ein Nachmittag am Sandstrand unter Palmen, all inclusive, inmitten sich in der Sonne röstender Leiber. Immer noch Strand, immer noch Sand, immer noch eingeölte Körper, einer neben dem andern, das bietet Catalina Island, unmittelbar vor der Küste der Dominikanischen Republik gelegen, wo wir am dritten Tag anlegen.

Die Costa Favolosa mit ihren 13 Passagierdecks, diversen Restaurants, Bars, Läden, einem Casino, einem Theater und einem Pool, ist ein schwimmendes Viersternhotel. Früher war Eleganz auf Kreuzfahrten unerlässlich. «Das kann man heute vergessen», sagt Giovanni Longo, der in Göttingen als Sohn von Italienern aufgewachsene Guest Relations Manager. Abends, wo früher Smoking und Abendkleid vorherrschten, ist «smart casual» angesagt, doch promenieren einige in Shorts, T-Shirts und Latschen. Wolfgang Zablatzky, ein Wiener mit klassischer Gastro-Ausbildung, ist als Hoteldirektor auf dem Schiff für alles zuständig, was nicht mit Navigation zu tun hat. Er hat sich mit den neuen Sitten abgefunden und bringt das Wesentliche auf den Punkt: «Die Gäste sollen sich wohlfühlen und Geld ausgeben.»

Geld ausgeben ist auf einem Kreuzfahrschiff einfach, wie ein französisches Pärchen feststellt, das sich die Reise dank einem Sonderangebot leisten konnte: Die Ausflüge müssen separat bezahlt werden – und zwar nicht zu knapp. Einen nur haben sie sich gegönnt und damit die Ferienkasse geleert: Schwimmen mit Rochen. «Sehr teuer, aber wunderbar», sagt sie. Unter den Gästen sind viele Franzosen, einige Italiener, Deutsche, Holländer, Schweizer. Ein Drittel sind Einheimische, welche die Kreuzfahrt nutzen, um auf den Inseln Verwandte und Freunde zu besuchen.

Nur zwei Bewohner überlebten den Vulkanausbruch

Endgültig im Reich des Massentourismus angekommen sind wir am vierten Tag. Eine kleine Insel, zwei Hauptstädte: Philipsburg und Marigot. Zwei Länder: Sint Maarten, einst holländisch, jetzt unabhängig, und Saint-Martin, französisch. Im Hafen ankert die Costa Favolosa zwischen einem kleineren und drei riesigen Kreuzfahrtschiffen. Fast gleichzeitig ergiessen sich 15'000 Touristen auf die Insel, die genau halb so gross ist wie Appenzell Innerrhoden und mit 70'000 Einwohnern ziemlich dicht besiedelt. Doch man ist auf den Ansturm vorbereitet: Laden reiht sich an Laden, Shopping Center an Shopping Center. Dazwischen Auto- und Bootsvermietungen, Hotels, Restaurants. Auf keiner anderen Karibikinsel hat sich die Erkenntnis mehr gefestigt als hier, dass der Massentourismus jene Grundlagen zerstört, die erst zu seinem Aufkommen geführt haben.

Shopping Center auf Sint Maarten.

Versöhnlicher stimmen die letzten zwei Ziele: Auf der Pirateninsel Antigua liess Admiral Horatio Nelson 1784 einen britischen Flottenstützpunkt bauen, der heute ein beliebter, relaxter Ausflugsort ist. Und auf Martinique, wie Guadeloupe ein französisches Übersee-Departement, wird hervorragender Rum gebrannt, wie wir bei einem Besuch der traditionsreichen Brennerei Saint-James feststellen.

Auch hier gibt es einen geschichtsträchtigen Ort: die Ruinenstadt Saint-Pierre im Nordwesten der Insel. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war SaintPierre Martiniques reichste und kulturell aktivste Stadt. Dass es im nahe gelegenen Vulkan Montagne Pelée verdächtig brodelte, kümmerte niemanden. Am 8. Mai 1902 ging eine gewaltige Magma- und Staublawine über Saint-Pierre nieder. Von seinen 30 000 Einwohnern überlebten ein Schuhmacher und ein Gefängnisinsasse. Seine Zelle kann man besuchen.

Der Koffer übrigens ist in der ersten Nacht, kurz nach Mitternacht, doch noch auf das Zimmer geliefert worden. Am Griff baumelte eine auffällige, gelbe Etikette: «Priority».

Die Reise wurde unterstützt von Costa Kreuzfahrten; www.costakreuzfahrten.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.09.2016, 17:35 Uhr

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