Der Charme der Vergänglichkeit

Cagliari, die Hauptstadt Sardiniens, ist ein Symbol für Nostalgie – und verspricht Italianità pur.

Stadt am Meer: Panoramablick über Cagliari. Foto: Alamy

Stadt am Meer: Panoramablick über Cagliari. Foto: Alamy

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Vom Hafen, in dem neben der täglichen Tirrenia-Fähre aus Civitavecchia momentan auch ein monströses Kreuzfahrtschiff vor Anker liegt, schauen wir hinauf zum Castello. Gerade verleiht die untergehende Sonne den mächtigen Mauern und Zinnen scharfe Konturen, und eben ziehen riesige schwarze Vogelschwärme über die markante Silhouette hinweg. Sind wir noch in Europa? Oder schon in Afrika?

Die Frage stellt sich mehr als einmal während unseres Aufenthalts. Schwarze sind hier im Strassenbild üppiger vertreten als anderswo. Zweimal im Jahr, beim Her- und beim Rückflug, versammeln sich die Flamingos in den Salinen, welche die Stadt umgeben. Die Autochassis sind mit gelblichem Schmutz überzogen; das ist Saharasand, vom Wind hergetragen. Cagliari liegt von der afrikanischen Küste nicht weiter entfernt als vom Festland, das die Sarden bezeichnenderweise nicht Italien nennen, sondern «il continente».

Das Castello, der zentrale Punkt der Stadt, der über allem wacht, wird eingefasst von einer grossräumigen Altstadt. Sie besteht aus den Quartieren Castello, Villanova, Marina und Stampace, alle mit engen, zum Teil ringförmig angelegten Gassen. Die gehen wir einzeln ab, Haus um Haus sozusagen. Die meisten Gebäude sind zwei Fenster breit und drei Stockwerke hoch. Trotzdem ist da nichts von Gleichförmigkeit. Im Gegenteil: Jedes Haus präsentiert sich anders, nämlich in einem unterschiedlichen Zustand baulicher Befindlichkeit. Jedes zeigt ein eigenes Gesicht. Nicht selten unterscheiden sich sogar die Stockwerke: Das unterste wirkt vielleicht unauffällig und bewohnt, das zweite, mit zugemauerten Fensteröffnungen, verlassen, das oberste, samt Dachterrasse, renoviert und aufgemöbelt.

Über allem flattert an langen Leinen bunte Wäsche

Nicht wenige Häuser befinden sich in einem fortschreitenden Prozess des Zerfalls, manche sind nur noch Ruinen. Sehen zwei Bauten einmal fast identisch aus, unterscheiden sie sich garantiert durch Art, Grösse und Dichte der Grünpflanzen, die – zum Beispiel in der malerischen Via Piccioni im Quartier Villanova – auf beiden Seiten der Gasse wuchern: Gummibäume, Fici, Rhododendren, Yuccas und Geranien, die von den Anwohnern liebevoll betreut und begossen werden, wovon dann mitunter auch die Passanten etwas abkriegen. Über allem flattert, an langen Leinen, die sich die Fassaden entlangziehen, bunte Wäsche. Italianità pur.

Und so geraten wir denn, zwischen der Ruine am Anfang der Gasse und dem überrenovierten kleinen Prunkstück mit Sonnenterrasse an ihrem Ende, unweigerlich arg ins Meditieren – über den Lauf der Zeit, über Glanz und Elend, über Werden und Vergehen. Cagliari lässt uns auf Schritt und Tritt fast körperlich spüren, was das heisst: der Zahn der Zeit.

Selbst das stolze Burgviertel Castello, das sich über einem gewaltigen Felssporn erhebt, bleibt vom allgegenwärtigen Zerfall nicht verschont. Die mächtige Bastione San Remy samt majestätischer Marmortreppe: Wegen Renovation gesperrt. Einer der drei Personenlifte, welche die Menschen aus der Unterstadt hochhieven: Momentan ausser Betrieb. Auch hier oben muss mancher Palazzo mit Stahlpfeilern und Holzbalken gestützt werden, mehrere sind längst verlassen. Der schönste Rundblick über die Stadt, die Bucht von Cagliari und halb Südsardinien bietet sich vom Torre di San Pancrazio aus, der höchsten Erhebung der Altstadt, die man nur über 200 steile Treppenstufen erreicht. Die immerhin sind intakt.

Ganz gleich, wie lange man bei dieser wechselvollen, spannenden Topografie der Fassaden, Hinterhöfe und Dachlandschaften verweilt – wer in Cagliari nach unten geht, landet unweigerlich am Wasser. Doch auch da, wo die Inselhauptstadt die Ankommenden mit prachtvollen Palazzi und einladenden Arkaden begrüsst, nagt an mancher Fassade die Zeit, ebenso an zahlreichen Denkmälern und Monumenten. Schaut man genau hin, blättert so mancher Verputz, lottert so manches Scharnier. Cagliari, das ist der Charme der Vergänglichkeit.

Umso fröhlicher pulsiert das südliche Leben. Im Hafen liegt alles vertäut, was sich so im Meer bewegt, von den verlotterten Fischerkähnen über die protzigen Touristenjachten bis zu den riesigen Kreuzfahrtschiffen, aus denen sich ein unaufhaltsamer Menschenstrom für eine zweistündige Stadtrundfahrt in Busse ergiesst. Auf der Quaimauer stehen die Angler und stopfen einen kapitalen Fang in einen Rucksack. Ankunft und Abschied, Werden und Vergehen auch da.

Alte Römer und heutige Kreuzfahrer

Die Altstadt, das Centro Storico mit seinen ausladenden historischen Quartieren, ist uns bald vertraut. Wer war nicht alles da über die Jahrhunderte: Phönizier und Karthager, Römer und Byzantiner, Katalanen und Araber und gerade heute 2000 Kreuzfahrer überwiegend deutscher Nationalität noch dazu. So wird hier jeder Rundgang zu einem Gang durch Zeiten und Kulturen. Vom römischen Amphitheater bummeln wir über das Burgviertel zur Galleria Comunale d’Arte mit Kunst des 20. Jahrhunderts und zurück durch die Via San Saturnino, deren Betonwände beidseitig grossflächig mit Graffiti besprayt sind, der plakativen Kunstform der Gegenwart.

Hat man die Anlage der Gassen und ihrer Querverbindungen einmal intus, fühlt man sich bald sehr heimisch hier und mag es ohne Not gar nicht mehr verlassen. Höchstens, um einmal in den schicken Cafés unter den Arkaden der Via Roma an der repräsentativen Hafenfront zu sitzen oder um ein paar Stunden am sieben Kilometer langen Sandstrand Poetto, mit dem städtischen Bus leicht zu erreichen, zu liegen. Auch der Mercato Comunale di San Benedetto lohnt einen Besuch. Hier ist alles zu besten Preisen zu haben – Fleisch und Fisch, Blumen und Gemüse, Kleider und Schuhe und Haushaltartikel obendrein.

Cagliari ist ein Synonym für Nostalgie. Der Stadtplan, den wir, zwecks Vorbereitung unseres Aufenthalts, nach längerer intensiver Suche in einer Reisebuchhandlung ausgegraben hatten, stammt aus dem Jahre 1999 und wurde uns mit einem Altersrabatt überlassen. Etwas Neueres war nicht aufzutreiben. Das hatte, wissen wir heute, stark symbolischen Charakter.


Anreise Edelweiss fliegt bis Oktober ab Zürich nach Cagliari, Easyjet ab Genf und Basel

Essen www.sartidelgusto.it

Allg. Infos www.sardegna.com www.cagliariturismo.it (SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.07.2017, 17:16 Uhr

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