Hart am Wind

Eine Woche auf einem kleinen Segelboot von Venedig über die Adria nach Kroatien: An Bord kann es sehr eng werden – Auszüge aus dem Logbuch.

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Segeln also. Das erste Mal so richtig. Sieben Tage lang auf dem Mittelmeer, als vierköpfige Familie ­zusammen mit einem jungen Paar und einem Skipper. Erfahrene Freunde hatten zuvor die grössten Erwartungen geweckt und von einsamen Buchten geschwärmt. Oder die gruseligsten Schauergeschichten erzählt von einer komplett seekranken Belegschaft. Die Gefühle sind gemischt, als wir im kleinen Hafen auf der Insel San Giorgio Maggiore in Venedig abends an Bord der Franzi gehen.

Tag 1
Kaum geschlafen. Die Kajüte ist eng, die Luft feucht, die Mücken sind aggressiv. Dafür bietet der Hafen einen spektakulären Blick auf Venedigs Wahrzeichen, den Campanile, den Glockenturm der Kirche San Marco.

Appell ist um 8 Uhr. Die Kinder kommen sieben Minuten zu spät. Der Skipper, Helmut, gibt den Kurs durch: «Wenn ihr Teil der Mannschaft sein wollt, dann haltet euch an meine Anweisungen. Sie gelten für alle. Wenn ich sage 8 Uhr, dann meine ich 8 Uhr.» Die sechsköpfige Crew sitzt kerzengerade und folgt angespannt der einstündigen Sicherheitseinweisung und der Führung durchs Boot: Leucht­bojen, Verhalten an Bord, Lenzpumpe, Feuerlöscher, Notpinne . . .

Der erste Törn ist weit. Wir überqueren sieben Stunden lang die Adria. Das Ziel ist die Halbinsel Istrien in Kroatien. Erst tuckert der Motor, dann trimmt Helmut die Segel. Der 63-jährige Deutsche hat 20 000 Seemeilen und fast 20 Jahre Erfahrung auf verschiedenen Booten und Meeren gesammelt. Wir fahren mit halbem Wind. Der Sohn steht am Steuerrad. Kurs Südost. «Mama, willst du auch mal steuern?» – «Nee, jetzt bleibst du da erst mal so eine Stunde auf deinem Posten», weist der Skipper den 15-jährigen Nils ins Segeln ein. «Das ist hier nicht nur Spass.» Wenig später zeigen sich kurz zwei scheue Delfine.

Tag 2
«Klar zur Wende!», schreit der 13-jährige Finn am lautesten als Antwort auf die Frage von Helmut: «Klar zur Wende?» Der lacht und ruft: «Das gibt ne Extraportion Rum.» Die Stimmung ist gelöst und doch konzentriert. Die Nacht haben wir im Hafen von Pore? verbracht, einer hübschen Kleinstadt, die vom 15. bis 17. Jahrhundert von Genuesern, Türken und Seeräubern gepeinigt und heute von rund fünf Millionen Touristen pro Jahr überrannt wird. Auch unsere Füsse haben die Kopfsteine in den engen Gassen noch etwas blanker gescheuert.

Die Wende üben wir südlich vor der Küste von Funtana. Der Skipper sagt nun «Ree» und schlägt das Steuerrad ein, sodass sich das Boot in den Wind stellt. Beim Kommando «über die Fock» wird es hektisch. Finn lässt die Schot los, mit dem er die Fock, das Vorsegel, festgehalten hat. Bei «hol dicht die Fock» beginnt der Vater wie wild an der anderen Schot das Segel auf die entgegengesetzte Seite vom Mast zu ziehen, erst mit den Händen, dann legt er es über die Winsch, eine Winde, und kurbelt schweisstreibend, bis sich das Vorsegel bläht. Der Wind drückt nun auch das Grosssegel rüber, und das Boot fährt in die andere Richtung gegen den Wind. «Gut», sagt Helmut, als die Schoten von Gross- und Vorsegel fixiert sind. Finn holt dem Skipper eine Cola und wird damit zum «besten Mann an Bord» befördert. Seine extra ­Portion Rum kippt der eifrige ­Matrose ebenfalls in Form von schwarzer Brause in die Kehle.

Tag 3
Es sei normal, dass es nach einigen Tagen an Bord knallt, gibt Helmut bei Tintenfisch und Cola am Abend in Rovinj zum Besten. In der Altstadt schmiegen sich leuchtende Häuser in Gelb, Orange und Rot an den Hügel, auf dem die Euphemia-Kirche mit ihrer Kopie des Markuskirchen-Glockenturms Besucher anlockt. Bei klarer Sicht soll man von oben die Alpen sehen können.

«Irgendwann gehen sich alle auf die Nerven», sagt Helmut, «dann wird gestritten.» Aber danach habe man eine harmonische Crew.

Tag 4
Die Stimmung ist tatsächlich gereizt. Kein Wunder. Privatsphäre gibt es auf der Bavaria 44 nicht. Auf dem knapp 14 Meter langen und gut 4 Meter breiten Sportboot sind wir fast 24 Stunden am Tag zusammen, schlafen wegen der Hitze mit offenen Kajütentüren. Die Mannschaft tuschelt vorn am Mast: Der Skipper sei «zu ruppig», «zu dominant», «zu aufbrausend», wenn wir etwas falsch machen. Zu einem Knall kommt es dennoch nicht. Helmut besänftigt uns mit dem Höhepunkt der Reise: einer Übernachtung in einer Bucht südlich von Pula. Das entspannte Schnorcheln und Tauchen nach Pfahlmuscheln, Seegurken und knallroten Seesternen in türkisblauem Wasser kühlt die Gemüter. Wir ankern als einziges Segelboot zwischen kleinen mit Pinien bewachsenen Inseln, bestaunen einen vortrefflichen Sonnenuntergang, der alle Farben eines warmen Feuers am Abendhimmel explodieren lässt, und zählen nachts an Deck die flitzenden Sternschnuppen über uns.

Tag 5
Weit entfernt ist die Zivilisation nicht. Etwa zweimal 300 Meter lang ist die Strecke, welche die Eltern am Morgen «Einkaufen schwimmen». Beim kleinen Shop auf dem Campingplatz Indije gibt es Brot, das sie in einem (fast) wasserdichten Rucksack zum Schiff bringen. Helmut, der normalerweise von der Crew bekocht wird, revanchiert sich mit einem Skipper-Frühstück: Eier, Tomaten, Zwiebeln, Käse.

Zurück gen Norden kreuzen wir mit einer Wende nach der anderen. Die Arme brennen vom Winschen. Plötzlich kommt uns ein Schiff entgegen. Wie immer fragt Helmut die Regeln ab: «Wer hat Vorfahrt?» Wir! Das ist einfach: Unser Boot ist unter Segel, das ­andere fährt mit Motor. Offenbar kennt die Besatzung des anderen Schiffs die Vorschriften nicht. Es hält den Kurs und kommt gefährlich näher. Wir müssen fix ausweichen. Helmut schreit zum kroatischen Boot rüber: «Sag mal, seid ihr blöd?» Die entspannte Crew – in Badekleidern beim Picknicken – winkt freundlich herüber.

Tag 6
Wir starten vom Fischerdorf Vrsar, wo am Abend am Pier den Feriengästen ein bizarres Schauspiel geboten wird. Eisverkäufer Ali Baba vom Laguna lockt seine Kunden, indem er ihnen aus rund 20 Metern Entfernung Eiskugeln in den Mund schmeisst.

Während wir am Tag zuvor mit Windstärke 3 bis 4 laut Helmut «gemütlich Spazieren segelten», geht es heute zur Sache: Windstärke 6. Vorsorglich haben einige eine Tablette gegen Seekrankheit geschluckt. Die Luken sind dicht. Das Boot hat so viel Krängung, dass die eine Hälfte der Mannschaft auf der seitlichen Sitzbank fast nasse ­Haare bekommt, während die andere gegen­über hoch über ihren Köpfen schwebt. Der Wind faucht dunkel grollend wie ein Löwe in die prallen Segel. Tintenblaue Wolken hängen tief über der Küste. Helmut am Steuerrad ist in seinem Element. Er sucht einen Gegner für eine Regatta oder mit seinen Worten «einen Torfkopp zum Einholen». Wir hängen ein Segelboot nach dem anderen ab, erreichen den Hafen von Novigrad sogar vor einem deutschen Segelschulschiff. Helmuts wasserblaue Augen strahlen vor Stolz.

Am Tag drauf, zurück im Hafen von Venedig, nimmt der Skipper beim Abschied jeden von uns in den Arm. Zum Sohn Nils sagt er: «Bei dir habe ich gemerkt, dass du richtig Spass am Segeln hast.»


Die Reise wurde unterstützt von Eurotrek. (SonntagsZeitung)

(Erstellt: 09.05.2017, 10:07 Uhr)

Eine Woche auf dem Boot

Segeln Der einwöchige Segeltörn führt von Venedig über die Adria zur kroatischen Halbinsel Istrien und zurück.
Arrangement Bei Eurotrek kostet die Reise pro Erwachsener ab 565 Fr., Kinder 10 bis 15 Jahre 465 Fr., 4 bis 9 Jahre 349 Fr. Hinzu kommen vor Ort ca. 235 Fr. pro Person für die Bordkasse. Davon werden Verpflegung, Diesel und Hafengebühren bezahlt. Die Crew hilft mit, kauft ein und kocht. Beim Essengehen wird der Skipper eingeladen. Die Endreinigung des Bootes geschieht durch die Belegschaft oder für 85 Fr. durch eine Putzkraft.
Buchen www.eurotrek.ch, Telefon 044 316 10 00
Allg. Info www.croatia.hr

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