Wie sozial sollten Erbschaften sein?
Von Marc Lettau. Aktualisiert am 14.09.2011 1 Kommentar
Infobox
• Gut 30 Milliarden Franken werden in der Schweiz Jahr für Jahr vererbt. Erbschaften sind somit ein wesentlicher Teil des Volkseinkommens. Aber die Erbschaftssummen sind sehr ungleich verteilt: Die fünf glücklichsten Prozent der Erben erben 60 Prozent des Kuchens. Begünstigt werden in aller Regel Familienangehörige. Ein Drittel aller Schweizerinnen und Schweizer erbt nichts.
• Die steigende Lebenserwartung stellt die existenzsichernde Bedeutung des Erbes zunehmend infrage: Nicht nur die Erblasser, sondern auch die Erben werden immer älter. Sie sind häufig selber bereits im Pensionsalter. Die anstehende Revision des nationalen Erbrechts dürfte deshalb in die Lockerung der Pflichtteilregelung münden.
• Der Verein «My Happy End» wird derzeit getragen von Amnesty International, Fairmed, Fastenopfer, Greenpeace, Heilsarmee, Médecins sans Frontiers, Miva, Pro Natura, Rheumaliga ZH, Schweizerischer Blindenbibliothek, SOS-Kinderdorf, Rega, Kinderdorf Pestalozzi, Terre des hommes, Welt ohne Minen, WWF.
Heute ist kein ordinärer Mittwoch. Es ist Tag der Tropenwälder. Und Schweizerischer Tag des Mathematikunterrichts. Neu und künftig wiederkehrend ist der 14. September auch Tag des Testaments. Er ist gegenwärtig noch recht erklärungsbedürftig.
Erklärungen liefern will der Verein My Happy End. Man wolle mit dem Tag «zur Enttabuisierung des Themas Sterben und Vererben» beitragen, sagte gestern My-Happy-End-Geschäftsführerin Beatrice Gallin. Der alles illustrierende Ort der Erklärung: der Tierpark Dählhölzli. Ohne das beachtliche Legat des 1901 verstorbenen Uhrmachers Louis William Gabus gäbe es den unbestrittenermassen erbaulichen Park nicht. Und er sähe nicht so aus wie heute, kämen nicht laufend weitere Zuwendungen aus Nachlassen dazu.
My Happy End sensibilisiert also für den Umstand, dass mit dem Letzten Willen nicht nur Lebensbilanz gezogen wird, sondern auch «Bleibendes» geschaffen werden kann. Wer bewusst vererbe, bewirke «das Gefühl, meine Existenz immerhin auf Erden zu verewigen». Und so appelliert My Happy End ans off enbar verbreitete Verlangen nach individueller Selbstverwirklichung und gleichzeitigem Ewigkeitsanspruch: «Bleiben Sie in bester Erinnerung.»
«Amerikanisches Selbstverständnis»
Den sechzehn sozialen oder gemeinnützigen Organisationen, die sich ihre Mitgliedschaft bei My Happy End jährlich je 40'000 Franken kosten lassen, geht es also nicht alleine darum, dass Schweizerinnen und Schweizer – einem korrekten Testament sei Dank – glücklicher enden. Sie möchten am Ende auch mehr Geld in der eigenen Kasse wissen. Diese Botschaft ist zugegebenermassen recht schwierig zu verklickern, denn damit stochern auch die Edelmütigsten in der Grauzone von Geld, Macht, Sinn, Glaube – ja, und auch von Rachegefühlen, Neid und Missgunst.
My Happy End liebäugelt mit dem amerikanische Selbstverständnis: dem Staat möglichst wenig zu überlassen und sich im Gegenzug möglichst karitativ zu verhalten. Dafür gebe es gute Argumente, sagt WWF-Vertreter und My-Happy-End-Präsident Samy Darwish. Die unterstützten Organisationen «haben ja einen durchaus positiven Einfl uss auf die Gesamtgesellschaft». Nur werde dies kaum honoriert. Heute werden von der gesamten, jährlichen Erbschaftssumme von gut 30 Milliarden nur rund anderthalb Prozent gemeinnützigen Organisationen vermacht.
Will My Happy End auf die möglichst NGO-freundliche Revision des Erbrechts hinwirken? Beatrice Gallin winkt ab. Sie sehe sich nicht als Lobbyistin in der Wandelhalle und stehe «neutral» zur Forderung von EVP, SP und Grünen nach einer nationalen Erbschaftssteuer. Die Kampagne ist aber womöglich politischer, als sie zu sein vorgibt, denn sie wirkt wie ein konzeptioneller Gegenentwurf zur Erbschaftssteuer: Wenn Schweizerinnen und Schweizer NGOs grosszügig unterstützen, findet die angestrebte Reichtumsumlagerung zugunsten des Gemeinwohls ja auch statt! Ähnliches streben nämlich die Verfechter der Erbschaftssteuer an: Fürs Glück, in einer reichen Familie geboren zu sein, soll niemand bestraft werden. Sobalds dem Ego aber nicht mehr wehtut, soll der Reichtum besteuert werden, um etwa die Sozialwerke sichern zu helfen. My Happy End belebt diesen Diskurs. Das ist gut. Der Verein zivilisiert auch das Akquirieren von Legaten. Das ist noch besser. Mit dem Schulterschluss von sich konkurrierenden NGOs rücken nämlich gemeinsame, moralische Prinzipien in den Mittelpunkt. Das schliesst jene aus, die in aggressiver Manier ins Erbschleichen abzugleiten drohen.
Etwas Stirnrunzeln ist ob dem Lebensentwurf erlaubt, den My Happy End ins Zentrum rückt: Was tun, wenn einem Denkmalbau und Selbstverwirklichung übers Zeitliche hinaus einfach fremd ist? Droht dann das Unhappy End, ein modernes, gesellschaftlich ausgrenzendes Fegefeuer? Vertrösten wir doch solch notorische Zweifl er einfach auf morgen. Denn: Morgen ist der Internationale Tag der Delfine, der Tag der Schraubentechnik und der von der UNO proklamierte Tag der Demokratie. (Der Bund)
Erstellt: 14.09.2011, 13:35 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
1 Kommentar
Panorama
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Bitte warten



