Wie sich Visp nach dem Brand des Schutzwalds vor Steinschlag schützt
Von Richard Diethelm, Visp. Aktualisiert am 06.06.2011 1 Kommentar
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Der Geruch von verkohltem Holz ist noch da. Auch wenn mehr als ein Monat verstrichen ist, seit das Feuer im Schutzwald zwischen Visp und Eyholz wütete. Der Wald schützte die Hauptstrasse zwischen Visp und Brig sowie Gewerbebauten vor Steinschlag. Der Brand verwandelte ihn in eine gespenstige Mondlandschaft. Bäume und Sträucher recken ihre verkohlten Stämme und Äste wie Mahnfinger in den Himmel. Der Boden ist aschgrau.
Durch brandschwarze Stämme hindurch sind tief unten die Dächer der Autos zu sehen, die auf der Kantonsstrasse verkehren. Es sind im Durchschnitt 20'000 pro Tag. Die Karosserie-Werkstatt ist ebenfalls zu erkennen, wo das Feuer am 26. April um 16.30 Uhr ausbrach. Von dort griffen die Flammen rasch auf den angrenzenden Schutzwald über.An jenem Nachmittag blies ein starker Westwind – mit verheerenden Folgen bei der extremen Trockenheit, welche seit Anfang Jahr in dieser Gegend herrscht. «Es dauerte nur zwölf Minuten, da stand der ganze Wald vom Talboden bis zur Krete in Flammen», erinnert sich Kreisförster Alban Brigger. Visp liegt auf 650 Meter über Meer, der Schutzwald brannte bis auf eine Höhe von 1520 Meter ab.Die Flammen schossen 30 Meter hoch, 350 Feuerwehrleute standen im Einsatz, und 10 Helikopter schütteten Löschwasser über den Brandherden aus. Es dauerte dreieinhalb Wochen, bis die letzten Glutnester im Waldboden gelöscht waren.
Verkohlte Stämme als Barrieren
«Für uns hat nun erste Priorität, die Kantonsstrasse vor Steinschlag und möglichen Murgängen zu schützen», sagt Kreisförster Brigger. Zu diesem Zweck heben Arbeiter am Fuss des Schutzwaldes Löcher für Betonfundamente aus. Darin werden sie die Pfeiler und Spannseile für Schutznetze verankern. Forstarbeiter haben im unteren Bereich des zerstörten Waldes zudem begonnen, aus verkohlten Bäumen natürliche Barrieren zu errichten. Sie sägen die Bäume auf Hüfthöhe ab und legen die gefällten Stämme quer hinter die Strünke. «Solche Barrieren halten mindestens vier bis fünf Jahre», sagt Brigger.
Unterhalb der Krete ist das Gelände so steil, dass die Feuerwehrmänner nicht in den brennenden Schutzwald vordringen konnten. Hier mussten Bergführer und gebirgstaugliche Forstarbeiter das Feuer löschen. Im apokalyptisch anmutenden Wald schwarzer Stangen montieren nun zwei Bergführer provisorische Steinschlagnetze, um die Arbeiter in tiefer gelegenen Zonen zu schützen.Brigger klopft an die brandschwarze, zerfurchte Rinde einer Lärche. «Die Lärchen lassen wir stehen und hoffen, sie treiben nächstes Jahr wieder aus», sagt er. Föhren und Rottannen überleben einen Waldbrand dagegen nicht. Bei den Flaumeichen wiederum, die auch die Gluthitze eines Waldbrandes überstehen, macht Brigger sich das zunutze: «Wir fällen diese Eichen nicht und wollen in tieferen Lagen des Schutzwaldes ihre Eicheln pflanzen.»
Aus Waldbrand von Leuk gelernt
Solche Massnahmen sollen die natürliche Rückeroberung des Schutzwaldes beschleunigen. Für den in der Pflege von Bergwäldern erfahrenen Forstingenieur kommt es aber nicht infrage, die Schadenfläche mit Tausenden von Baumsetzlingen aufzuforsten. Schon gar nicht mit Bambus-Setzlingen, wie dies ein Zürcher Unternehmer der Gemeinde Visp nach dem Grossbrand allen Ernstes vorgeschlagen hatte.
Briggers Equipe profitiert von den Erfahrungen aus dem bisher grössten Waldbrand im Wallis. 2003 gingen oberhalb von Leuk 310 Hektaren Schutzwald in Flammen auf. «Von Leuk her wissen wir, dass die Vegetation ein Jahr nach dem Brand etwa 10 Prozent der Schadenfläche zurückerobert, nach zwei Jahren sind es 30 bis 40 Prozent, und nach drei Jahren 70 Prozent», sagt Brigger. Das stoppt immerhin die Erosion. Doch bis der Schutzwald wieder mit genügend starken Bäumen und dichten Sträuchern bewachsen ist, um Steinschlag und Schneerutsche ohne künstliche Barrieren aufzufangen, dauert es 20 Jahre. Brigger rechnet mit zwei bis drei Millionen Franken, welche die Sicherheitsvorkehren kosten werden. Hinzu kommt der Aufwand der Löscharbeiten von 1,5 bis 2 Millionen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.06.2011, 21:17 Uhr
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