Panorama

Wenn die Nacht am WEF erst richtig losgeht

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 29.01.2010

Die Pianobar im Davoser Hotel Europe ist der Ort, wo die Nacht durchgefeiert wird. Und der Patron weiss die Wünsche seiner Gäste zu bedienen.

Ein bisschen Spass muss sein: Blick in die Piano-Bar im Davoser Hotel Europe.

Ein bisschen Spass muss sein: Blick in die Piano-Bar im Davoser Hotel Europe.

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Wenn die Nächte am WEF in Davos lang werden und der Alkohol bei den zahlreichen Partys im Hotel Belvedere längst versiegt ist, pilgern die Feierwütigen in die Pianobar des Hotel Europe. Hier treffen sich jene, die das nächtliche Feiern genauso ernsthaft betreiben wie das tägliche Networking. Hier hängen Millionäre in den schweren Chesterfield Ledersofas herum, nehmen die Mitarbeiter des WEF einen letzten Schlummertrunk, suchen schöne Frauen nach Gönnern für eine Nacht, unterwandern WEF-Gegner den Feind subversiv, fordern Journalisten einen letzten Sondereinsatz von ihrer Leber, machen sich betrunkene Missen und Ex-Missen mit gewagten Gesangs- oder Tanzeinlagen an jenem Piano zum Narren, das der Bar den Namen gab. Und oft endet die Nacht erst, wenn der Morgen schon über die Berggipfel hereingebrochen ist.

Der Patron der Pianobar heisst Erich Schmid. Er ist ein hochgewachsener Mann mit dünnem, glattgekämmtem Haar und einem freundlichen Gesicht, in dem vierzig Jahre Davoser Nachtleben ihre Spuren hinterlassen haben. Gern steht der Lebemann mit einer dicken Zigarre an seiner Bar aus dunklem Holz, unterhält sich mit den Gästen und schaut zu, dass sich alle wohlfühlen.

Von Bono bis zu Prinz Hakan von Norwegen

Und das tun sie. Seit Jahren ist die Pianobar das Auge im Partysturm rund um Davos. Das dürfte am schönen Jugendstilbau liegen, daran, dass es hier erlaubt ist zu rauchen und sich gehen zu lassen, entscheidend aber dürfte Schmids Philosophie als Gastgeber sein. «Mich interessiert nicht so sehr, wie viele Millionen einer auf dem Konto hat, solange er anständig ist. Ein Gast ist Gast», sagt er. Um Schmid kommt man nicht herum, die WEF-Veteranen kennen ihn alle. Die Liste prominenter Besucher ist lang: Prinz Hakan von Norwegen war schon da, Bono von U2, alle möglichen Dotcom-Millionäre. Saudische Ölscheiche sollen in den Boomjahren in der Pianobar gar mit Tausendernoten um sich geworfen und Chefredaktoren grosser Tageszeitungen bis zum Interviewtermin am nächsten Morgen durchgetrunken haben.

Doch diese Zeiten seien vorbei, heisst es im Dorf. Auf die Frage, wie er die Krise in seiner Pianobar erlebe, ob die Stimmung ernster geworden sei, antwortet Schmid: «Ernst? Das Leben ist immer ernst. Aber alles, was ernst ist, kann man ja nicht wirklich so ernst nehmen.» Besser kann man das ganze WEF wohl nicht auf den Punkt bringen. «Wissen Sie, ich sehe hier vieles. Viele verschiedene Menschen in vielen verschiedenen Zuständen. Aber wir sind ja alle gleich. Jeder hat Stärken, jeder hat Schwächen. Hier ist der Ort, wo man die auch zulassen kann.»

«Immerhin jammert er nicht»

Seit er Anfang der Siebzigerjahre ins Bergdorf kam, hat er sich hier ein kleines Imperium erarbeitet. 1988 kaufte er das zwar wunderschöne aber marode Europe, das 1872 als erstes Sanatorium in Davos erbaut worden war und dem in den Achtzigern der Niedergang drohte. Schmid passte den mondänen Bau sanft an die modernen Bedürfnisse an und hatte damit Erfolg. Im Europe betreibt er heute einige Bars und Restaurants und besitzt zusammen mit Pius App die Schatzalp, wo die Basler Architekten Herzog und de Meuron ein neues Prstige-Objekt planen.

Im Dorf ist Schmid berühmt, auch berüchtigt, hört man. Wofür, will aber niemand verraten. Die Einheimischen schätzen ihn: «Immerhin jammert er nicht, er ist ein Macher. Ohne ihn gäbe es das Hotel Europe nicht mehr», verrät mir eine Frau. Es wäre schade um die legendären Nächte in der Pianobar. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.01.2010, 14:55 Uhr

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