«Warum hat niemand den Mann zurückgehalten?»

Von Mirjam Messerli. Aktualisiert am 25.11.2009

Bevor letzten Samstag ein Mann ins Gehege des Berner Bärenparks gelangte, hatte er lange auf der Mauer gesessen. Dass in diesem Moment keiner reagierte, schockiert eine Zeugin.

«Das Schockierenste war, dass zahlreiche andere Bärenpark-Besucher am Mann vorbeigegangen sind, als er noch auf der Mauer kauerte»: Rettungskräfte bergen nach der Bären-Attacke von letztem Samstag den schwer verletzten Mann.

«Das Schockierenste war, dass zahlreiche andere Bärenpark-Besucher am Mann vorbeigegangen sind, als er noch auf der Mauer kauerte»: Rettungskräfte bergen nach der Bären-Attacke von letztem Samstag den schwer verletzten Mann.
Bild: Keystone

Das Unglück im Bärenpark hat auch eine Debatte über Eigenverantwortung und die Verantwortung gegenüber anderen Menschen ausgelöst. Auf Grund der Berichterstattung hat sich eine Augenzeugin gemeldet. Sie möchte anonym bleiben.

«Das Schockierendste an diesem Unfall ist, dass zahlreiche andere Bärenpark-Besucher einfach an dem Mann vorbeigegangen sind, als dieser noch auf der Mauer kauerte», erzählt die Frau. Sie selber sei nicht unten an der Aare gewesen, sondern habe den Zwischenfall vom oberen Eingang beim alten Bärengraben aus beobachtet. Ob der Mann ins Gehege gefallen oder gesprungen sei, habe sie nicht erkennen können. «Erst als ich das Geschrei der anderen Besucher hörte, habe ich realisiert, dass der Mann im Gehege war.» Die Auswertung der Überwachungsbilder hat ergeben, dass der Mann selbstständig auf die Mauer kletterte und dort zwischen einer halben und einer Minute verweilt haben muss. Etliche Passanten gingen in dieser Zeit an ihm vorbei.

Mehr auf andere achten

«Wäre ich selber in der Nähe gewesen, hätte ich den Mann angesprochen oder mindestens einen Securitas-Wächter alarmiert», sagt die Frau. Das habe für sie nicht einmal mit Zivilcourage zu tun. Denn: «Dadurch bringt man sich ja selber nicht in Gefahr.» Würden die Menschen mehr aufeinander achten und Verantwortung übernehmen, brächte das mehr als höhere Zäune und andere bauliche Massnahmen, ist sie überzeugt. «Warum hat keiner den Mann zurückgeholt?»

Die Bilder, die sie danach sah, beschäftigen die Augenzeugin noch immer: wie der Bär den Mann angriff und umherschleifte und sich der angeschossene Bär schliesslich schwer verletzt zurück in den Stall schleppte. Beeindruckt war sie vom Einsatz des Polizisten. «Er rannte in einem unglaublichen Tempo vom oberen Eingang über die Treppe zum anderen Ende des Parks. Dort musste er innerhalb von Sekunden entscheiden.» Dass der Polizist geschossen habe, würde niemand kritisieren, der den Unfall mitansehen musste, sagt sie. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.11.2009, 10:29 Uhr

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