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Sogar die Gerichtspräsidentin musste weinen
Von Bruno Kaufmann. Aktualisiert am 08.05.2012 16 Kommentare
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Seit drei Wochen steht in der norwegischen Hauptstadt Oslo der 33 Jahre alte Anders Behring Breivik vor Gericht. Der Rechtsextremist ist geständig, am 22. Juli des letzten Jahres insgesamt 77 Menschen umgebracht und über 150 schwer verletzt zu haben. Als Grund hat Breivik den Kampf gegen die multikulturelle Gesellschaft angegeben. Am gestrigen 13. Prozesstag wurden die ersten 12 der insgesamt 69 Morde auf der Ferieninsel Utöya behandelt, wo jeden Sommer ein Kinder- und Jugendlager der sozialdemokratischen Arbeiterpartei stattfindet.
Akribisch berichteten dabei zwei Gerichtsmediziner über die Verletzungen und Todesursachen jedes einzelnen Opfers. Zudem wurden schreckliche Bilder gezeigt, wie sie von Polizeifotografen nach der Verhaftung Breiviks gemacht wurden. Die einzelnen Schussverletzungen wurden anhand einer im Gerichtssaal aufgestellten Puppe visualisiert, die nur gerade ein paar Meter vor dem Angeklagten steht: Wie schon während des gesamten bisherigen Prozesses liessen die Berichte der Gerichtsmediziner, die von den Anwälten der Angehörigen der Opfer mit kurzen Lebensbeschrieben jedes einzelnen ergänzt wurden, den Massenmörder anscheinend unberührt.
Breivik wollte alle töten
Umso stärker fühlte der gesamte Gerichtssaal am Montag mit: Sogar Gerichtspräsidentin Wenche Elisabeth Arntzen musste sich im Verlauf der Verhandlungen immer wieder eine Träne aus den Augen wischen. Viele Angehörige und Überlebende brachen wiederholt in lautes Heulen aus, und selbst die bislang sehr souverän und abgeklärt auftretende Staatsanwältin Inga Bejer Engh zeigte gestern erstmals offen Gefühle: «Das alles ist schwer zu ertragen», sagte sie zum Abschluss des Tages an einer Medienorientierung.
Die Obduktionsberichte zu den einzelnen Opfern machten einmal mehr deutlich, wie unglaublich kaltblütig und rücksichtslos der Massenmörder Breivik am 22. Juli vorging. So liess er sich im Kaffeehaus auf Utöya die Zeit, 7 Kinder, die sich in ihrer Todesangst in einer Ecke als Gruppe zusammengekauert hatten, nacheinander mit mehreren gezielten Kopfschüssen zu ermorden. «Sie haben wegen ihres politischen Engagements alle den Tod verdient», erklärte der Täter, der nach eigenen Aussagen den Plan hatte, «sämtliche 600 Teilnehmer des Sommerlagers» umzubringen.
Das Trauma aufschlüsseln
Im bislang grössten Prozess der norwegischen Geschichte geht es immer weniger darum, den Motiven des Täters oder seiner Schuld auf den Grund zu gehen, und immer mehr darum, dieses norwegische Trauma in allen Details aufzuschlüsseln: Dabei sollen alle Opfer gebührend berücksichtigt und gewürdigt werden. Die Frage, ob der Schuldige nach diesem Prozess für immer in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik verwahrt wird oder in ein Gefängnis muss, wird erst ganz am Ende des Prozesses Mitte Juni vom Gericht entschieden werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.05.2012, 06:55 Uhr
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