Panorama
Selbstverbrennungen, Suizide, Verstümmelungen
Prekäre Sicherheitslage in Waadtländer Gefängnissen
Die schwierigen Bedingungen in den Waadtländer Gefängnissen sorgen schon seit mehreren Jahren für Aufsehen. Am 11. März 2010 zündete der 30-jährige Häftling Skander Vogt in Orbe VD die Matratze in seiner Zelle an. Vogt starb an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Am 24. Juli dieses Jahres nahm sich in Lonay VD ein Häftling das Leben. Eine Woche später gelingt fünf Häftlingen die Flucht aus der Strafanstalt La Croisée.
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In den Waadtländer Gefängnissen läuft nicht alles rund: während sich der Kantonsrat Massnahmen zur Verbesserung des kantonalen Sicherheitssystems überlegt, äussern sich drei Gefängniswärter gegenüber der Lausanner Zeitung «24 Heures» und berichten von ihrem nicht immer einfachen Alltag. Die Gefängnisangestellten André, David und Michel gehören der Gewerkschaft AVAP an, die sich für die Interessen ihrer Berufsgruppe einsetzt. Aus Sicherheitsgründen wollten André und Michel ihre Familiennamen nicht preisgeben.
Ausbruchsversuche und Übergriffe auf Gefängnispersonal
«Die Selbstverbrennungen und Selbstmorde, die wir mit ansehen mussten, waren traumatische Erlebnisse (siehe Box) – genauso wie der fünffache Ausbruch vom 30. Juli aus dem Gefängnis von La Croisée in Orbe VD. Nach solchen Ereignissen stellt man sich selbst infrage. Dennoch kommen auf einen Selbstmord mindestens zehn Versuche, die vereitelt werden können. Beschimpfungen, seelische und körperliche Übergriffe auf das Personal sowie Selbstverstümmelungen durch die Häftlinge sind in den Strafanstalten an der Tagesordnung. Wir haben oftmals den Eindruck, dass unser Umfeld nicht anerkennt, wie viel Mut und Gelassenheit unser Beruf von uns abverlangt.»
«Seit dem Tod des 30-jährigen Häftlings Skander Vogt in Orbe VD haben sich zahlreiche Vorfälle ereignet, von denen in den Medien nie berichtet wurde: kollektives Verweigern der Rückkehr in die Gefängniszellen, Selbstmordversuche, Feueralarm, Übergriffe auf das Gefängnispersonal, Ausbruchsversuche. Wir hatten die Lage jedoch stets im Griff.»
Häftlinge bemerken Lücken im System
«Probleme mit der Sicherheitsinfrastruktur gibt es seit 2002 (siehe Box). Zur gleichen Zeit musste das Gefängnis von La Croisée vergrössert werden. Weil bei einem Betrag von über 20 Millionen Franken das Volk über die Ausgaben abstimmen muss, wurde das Budget auf diesen Höchstbetrag festgelegt. Es blieb nicht genug Geld, um das Gefängnis ausreichend zu sanieren: Wir haben versucht, so gut wie möglich damit umzugehen, bis die Häftlinge die Lücken im System bemerkten. Die Auswirkungen haben wir dann diesen Sommer zu spüren bekommen. Dabei war es während der Bauarbeiten 2003 bereits zu Ausbrüchen gekommen. Die Medien wurden aber nicht informiert.»
«Es wäre zu einfach, dem Nachtpersonal die Schuld für den Ausbruch aus La Croisée in die Schuhe zu schieben, auch wenn man brisanterweise zugeben muss, dass der technische Leiter nach seiner Pensionierung nicht ersetzt wurde. Die Verantwortlichen muss man auch beim Kanton suchen, weil das Zusammenspiel mehrerer Abteilungen zu Verzögerungen führt. Es musste schon ein paar Mal zu Ausbrüchen kommen, bevor konkrete Vorschläge in die Praxis umgesetzt wurden.»
Drei Häftlinge in einer Einzelzelle
«Auch die Überbesetzung der Gefängnisse trägt zu den Problemen bei. So verfügt das Gefängnis von Bois-Mermet bei Lausanne über 100 Plätze, wird aber von 170 Häftlingen belegt, während La Croisée 250 Insassen bei offiziell 172 Plätzen zählt.»
«Zellen, welche für eine einzelne Person konzipiert wurden, werden oftmals von zwei bis drei Personen belegt. In Zellen für drei Personen leben teils bis zu fünf Häftlinge. Auch an den Esstischen gibt es ein Platzproblem: hier musste ein Turnus geschaffen werden. Matratzen werden nachts auf den Boden gelegt und tagsüber wieder weggeräumt.»
Probleme bei der fachgerechten Betreuung psychisch kranker Häftlinge
«Neben den Platzproblemen kommen Schwierigkeiten in der fachgerechten Behandlung der Häftlinge, welche sich aus psychiatrischen Gründen in den Haftanstalten aufhalten. Da die Infrastruktur den speziellen Anforderungen nicht gerecht wird, müssen wir uns um sie kümmern. Im Gefängnis von Bochuz VD sind rund 70 Personen davon betroffen.»
«Diese Personen nehmen sehr viel Aufmerksamkeit in Anspruch. Manchmal ruft uns ein einziger Häftling bis zu zehnmal täglich aus seiner Zelle an. Andere müssen intensiv betreut werden, man muss ihnen beim Essen, Waschen und Sauberhalten der Zelle helfen.»
Probleme mit Nordafrikanern
«Wenn eine Bevölkerungsgruppe in der Mehrheit ist, versucht sie, die anderen zu dominieren und die eigenen Regeln durchzusetzen. Daraus entstehen Spannungen mit den anderen Insassen und dem Gefängnispersonal. Dieser Kulturschock wird durch die Überbevölkerung der Gefängnisse noch verstärkt. Ereignisse, welche man normalerweise nicht akzeptieren würde, sind bei uns Alltag. Auch wenn wir darauf vorbereitet sind: Wir müssen das jeden Tag mitmachen.»
«Zurzeit sind vor allem die Nordafrikaner problematisch. Gleichzeitig bringt es aber auch nichts, sie zu brandmarken. Was hat ein Afrikaner, der sein Leben riskiert hat, um den Atlantik zu überqueren, schon gemeinsam mit jemandem, der in Frankreich aufgewachsen ist und sein Heimatland nie kennengelernt hat?»
Absenzen und Burn-outs
«Das Gefängnispersonal muss mit einer immer grösser werdenden Arbeitsbelastung umgehen. Daraus entstehen vermehrt Absenzen, immer mehr Angestellte sind längere Zeit krank oder erleiden ein Burn-out. Darunter leidet die Sicherheit. Früher wurde jede einzelne Zelle täglich durchsucht, heute ist dies nicht mehr möglich, weil wir nicht genügend Personal haben. Durchsuchungen sind allgemein komplizierter geworden, weil immer mehr Insassen in der gleichen Zelle wohnen und dementsprechend mehr persönliche Gegenstände anhäufen. Den Ausbruch aus La Croisée kann man teilweise durch diese Umstände erklären.»
«Das Waadtländer Gefängnissystem wurde lange sich selbst überlassen. Bis heute hat sich nicht viel bewegt, keine grossen Reformen wurden unternommen. Es gibt jedoch keine andere Lösung, als in die Renovierung und die Erweiterung der Gefängnisse zu investieren. Unsere Regierungsrätin Béatrice Métreaux kündigte die Schaffung von rund 180 zusätzlichen Plätzen an – wir sind der Ansicht, dass in den kommenden Jahren rund 400 zusätzliche Gefängnisplätze nötig sein werden.»
«Dementsprechend muss auch die Anzahl der Angestellten erhöht werden. Da die Sicherheit einer Haftanstalt 24 Stunden am Tag gewährleistet werden muss, entspricht dies zwei Angestellten für jeden Insassen. Wir denken, dass das Personal um 250 Personen aufgestockt werden muss – ein grosser, aber notwendiger Schritt. »
Tiefe Löhne trotz hohen Anforderungen
«Bei der Einstellung neuer Mitarbeiter wird darauf geachtet, dass sie eine abgeschlossene Berufslehre vorweisen können. Weil auch Lebenserfahrung von den Kandidaten erwartet wird, werden selten unter 25-Jährige eingestellt. Dabei sind die Löhne in der ersten Karrierehälfte tief, weshalb es nicht nur schwierig ist, geeignete Fachkräfte einzustellen, sondern auch bereits vorhandene und ausgebildete Angestellte zu behalten. Unser Beruf muss dringend aufgewertet werden, denn er verlangt viel Einfühlungsvermögen und befindet sich an der Schnittstelle zwischen intellektueller und manueller Arbeit.»
«Dank der Einführung eines eidgenössischen Fachausweises hat die theoretische Ausbildung ein sehr hohes Niveau erreicht. Aber in der Praxis muss sie noch verbessert werden. Zurzeit wendet jeder Ausbilder seine eigenen Methoden an, aufgrund persönlicher Erfahrungen. Hier braucht es klare und einheitliche Richtlinien.»
(Übersetzung und Bearbeitung: cor) (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.09.2012, 16:04 Uhr
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