Panorama
Schweizerinnen sind die Schlanksten
Von Felix Straumann. Aktualisiert am 04.02.2011 11 Kommentare
Schlank wie viele ihrer Landsfrauen: Miss-Schweiz-Kandidatin Jennifer Hurscheler. (Bild: Keystone )
Übergewicht und hoher Blutdruck machen den armen Ländern zunehmend zu schaffen
Legende zu den Grafiken unten
Pro-Kopf-Einkommen der Staaten:
grün = hoch, rot = mittel, blau = tief
Durchschnittswerte der Bevölkerung von 199 Staaten
(Bild: StaatenTA-Grafik kmh/Quelle: «The Lancet»)
Dossiers
Artikel zum Thema
Stichworte
Mehr als jeder zehnte Erwachsene auf der Erde hat einen Body-Mass-Index (BMI) über 30 und gilt damit als fettleibig. Das entspricht rund einer halben Milliarde Menschen, wobei Frauen anderthalbmal häufiger betroffen sind als Männer. Damit hat sich der prozentuale Anteil seit 1980 verdoppelt. Für Fachleute überraschend: Im gleichen Zeitraum konnten die reichen Länder, die den grössten Anteil an Übergewichtigen haben, Blutdruck und Cholesterinspiegel ihrer Bevölkerung teilweise massiv senken.
«Fettleibigkeits-Pandemie»
Dies sind die auffälligsten Resultate von drei umfangreichen Studien, die das Fachblatt «Lancet» heute veröffentlicht hat. Finanziert wurden sie durch die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung. Das internationale Forscherteam um Majid Ezzati vom Imperial College London rekonstruierte darin den Verlauf von drei wichtigen Einflussfaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Erwachsenen während der letzten dreissig Jahre weltweit: BMI, Blutdruck und Gesamtcholesterin.Die Forscher verwendeten dafür Zahlen von zahlreichen Untersuchungen aus 199 Ländern mit zusammen mehreren Millionen Teilnehmern. Fehlende Daten errechneten sie mithilfe mathematischer Modelle.
«Die Veröffentlichungen zeigen, dass die Fettleibigkeits-Pandemie da ist», sagt Pedro Marques-Vidal vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin in Lausanne, der einen Teil der Schweizer Daten für die «Lancet»-Studien zur Verfügung gestellt hat. Er ist vor allem von dem hohen Anstieg in verschiedenen Drittweltländern überrascht.
Ein Drittel ist übergewichtig
Dabei hat nicht nur die Fettleibigkeit (Adipositas) zugenommen – weltweit ist der durchschnittliche BMI gestiegen. Vor allem in Staaten mit mittlerem Einkommen ist dies zu beobachten. Inzwischen gilt jeder Dritte als übergewichtig(BMI über 25). «In Ländern wie China und Indien bedeutet selbst ein anteilmässig kleiner Anstieg beim Übergewicht, dass Millionen von Menschen zusätzlich betroffen sind», so Marques-Vidal.
Den weltweit höchsten BMI haben die Bewohner der Inselstaaten im Pazifik, etwa von Tonga, den Cook-Inseln oder Nauru, wo bei den Frauen der BMI-Durchschnitt gegen 35 geht. Ab diesem Wert zahlt in der Schweiz die Krankenkasse eine Magenbandoperation. Unter den reichen Ländern sind wie erwartet die US-Amerikaner die Schwersten (BMI 28). Die Leichtesten in dieser Gruppe sind die Japaner (BMI 23).
Schweizerinnen haben tiefen BMI
Die Schweizer Bevölkerung kann sich im internationalen Vergleich sehen lassen, zumindest was das Gewicht betrifft. Sie gehört zu den wenigen westeuropäischen Ländern, die gemäss Studie seit 1980 mit einem nur geringen Anstieg des BMI auffallen. Die Schweizerinnen haben zudem europaweit den tiefsten BMI der Frauen (BMI 24), bei den Männern übernehmen diese Rolle die Franzosen (BMI 25). Die Schwersten auf dem Kontinent sind auf der anderen Seite die türkischen Frauen und die tschechischen Männer.
Unerwartet war die Entwicklung bei den beiden anderen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Obwohl die Ernährungsgewohnheiten vielerorts ungesünder werden, ist beim Cholesterin weltweit eine leichte Abnahme zu beobachten. In westlichen Ländern ist der Risikofaktor gar deutlich gesunken – trotz zunehmendem Übergewicht. In Ost- und Südostasien und in der Pazifikregion sind die Werte aber gestiegen.
Noch eindrücklicher ist die Entwicklung beim Bluthochdruck. Hier haben sich seit dem Jahr 1980 die Verhältnisse umgekehrt: Heute ist er ein Problem der armen Länder geworden. In Ost- und Westafrika sind die Durchschnittwerte inzwischen auf dem Niveau westeuropäischer Länder vor 1980. In reichen Ländern ist der Blutdruck hingegen stark und stetig gesunken. Weltweit am tiefsten sind die Zahlen in Ländern wie den USA, Australien und Kanada.
Tabletten statt gesundes Leben
Wie viele Forscher überrascht Pedro Marques-Vidal die Entwicklung: «Wenn die Fettleibigkeit zunimmt, würde man erwarten, dass auch Bluthochdruck und Cholesterin steigen», sagt er. Er gibt zu bedenken, dass insbesondere in Entwicklungsländern die Datenlage schwierig sei und die Forscher nur wenige Zahlen zur Verfügung hätten. Dennoch ist der Trend vor allem beim Bluthochdruck eindeutig. Der Anstieg in armen Ländern dürfte vor allem auf den steigenden Wohlstand und die Anpassung der Lebensgewohnheiten an den Westen zurückzuführen sein.
Bei der Abnahme in reichen Ländern vermuten die Autoren, dass weniger Salz und mehr Früchte und Gemüse in der Nahrung eine Rolle gespielt haben. Und der Einsatz von Blutdrucksenkern. Marques-Vidal glaubt, dass Medikamente der Hauptgrund für die Entwicklung in den meisten reichen Ländern seien.
Ansetzten bei aufstrebenden Ländern
Dieser Ansicht ist auch David Fäh vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin in Zürich. Er setzt aber einige Fragezeichen hinter die Zuverlässigkeit der umfangreichen Daten der drei Studien. «Selbst in der Schweiz sind repräsentative Untersuchungen zu den drei Risikofaktoren dünn gesät», sagt er. «Da mussten die Forscher viel hochrechnen.» Laut Fäh widersprechen beispielsweise verschiedene Studien der Aussage, dass der BMI in der Schweiz praktisch nicht zugenommen habe, wie dies aus den Daten der «Lancet»-Veröffentlichung hervorgeht. Allerdings geht er zurzeit von einer Stagnation aus – wie dies in einigen anderen westlichen Ländern ebenfalls vermutet wird.
Dennoch: «Die drei Studien geben wahre globale Trends wieder», sagt Fäh. «Auch dass die Schweiz im internationalen Vergleich relativ gut dasteht, ist sicher richtig.» Die «Lancet»-Veröffentlichung zeige vor allem aber, «wo die Musik spielt», nämlich in den sich schnell entwickelnden Nationen. Dort müsste angesetzt werden. Fäh ist jedoch pessimistisch: «Viele dieser Länder haben schnell wachsende Bevölkerungen und kaum Ressourcen, sich um Herz-Kreislauf-Risikofaktoren zu kümmern.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.02.2011, 20:54 Uhr
Kommentar schreiben
11 Kommentare
Auch der Skistar Hermann Maier hatte einen BMI von 29. Der 7-fache Radsprint-Weltmeister Michael Hübner einen von 32. Super-Schwinger Christian Stucki hat einen BMI von etwa 37. Der BMI sagt nicht viel aus. Besonders bei Sportlern ist er irrelevant. Antworten
Panorama
Alles für Abonnenten und Abonnentinnen
Laden Sie sich Ihr ePaper auf Ihren Computer und blättern Sie gratis und ab 5 Uhr früh in Ihrem "Bund".
Jetzt wechseln und sparen
Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.



Sportbilder der Woche
























