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Fidel Castro und die rätselhafte Banknote
Von Sandro Benini. Aktualisiert am 07.04.2012
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Seit dem 17. November 2006 ist in Kolumbien die 1000-Peso-Note im Umlauf, doch erst jetzt hat man bemerkt, welch subversives Potenzial sie birgt – trotz ihres geringen Wertes von umgerechnet 50 Rappen. Auf dem Geldschein sieht man im Vordergrund den kolumbianischen Helden Jorge Eliécer Gaitán, der in den 1940er-Jahren die Hoffnung auf ein besseres Kolumbien verkörperte und am 9. April 1948 in Bogotá erschossen wurde. Er hält in triumphierender Geste den Arm hoch. Hinter ihm ist eine Menschenmenge abgebildet und inmitten dieser Menschenmenge, gleich rechts neben der Unterschrift von Gaitán – die ist auf der Note nämlich auch drauf –, der Kopf eines Mannes mit feinem Schnäuzchen.
Dieser Mann, so vermuten in Kolumbien viele, ist niemand anderer als Fidel Castro. Nicht der bärtige Revolutionsführer, als den ihn die Welt später kennen lernen sollte, sondern Fidel als 22-jähriger Student. Darauf aufmerksam gemacht hat vor einigen Tagen der Wirtschaftsjournalist Carlos Gustavo Álvarez. Der Chef der kolumbianischen Nationalbank kommentierte, es sei «möglich», dass der Kubaner auf der Note abgebildet sei. Zieht man damalige Aufnahmen zu vergleichender Betrachtung heran, muss man sagen: Es ist fast sicher Fidel Castro. Das findet ein Teil der Öffentlichkeit ziemlich skandalös, denn Kolumbien ist ein traditionell konservatives Land. Und es dürfte wenige andere konservative Länder geben, auf deren Banknoten ausländische Revolutionäre – um nicht zu sagen kommunistische Diktatoren – abgebildet sind.
Fidel Castro war bei den Unruhen dabei
Die Präsenz Fidel Castros auf einer Banknote mit Jorge Eliécer Gaitán als Hauptmotiv wäre historisch sogar plausibel. Denn im Frühjahr 1948 hielt sich der Kubaner als Mitglied einer Studentendelegation tatsächlich in Bogotá auf. Zu jener Zeit war Gaitán Vorsitzender der Liberalen Partei und der mit Abstand aussichtsreichste Kandidat für die Präsidentschaftswahlen, die zwei Jahre später stattfinden sollten. Der Anwalt und Politologe hatte sich als Verfechter einer dringend notwendigen Landreform profiliert und sich in seinen Ämtern als Bürgermeister von Bogotá, als Kulturminister und später als Arbeitsminister für soziale Reformen eingesetzt. Im Volk war er ungeheuer beliebt – ein Hoffnungsträger, dem man es zutraute, mit der Korruption, der Armut, der himmelschreienden sozialen Ungerechtigkeit, dem politischen Autoritarismus und der polizeilichen Brutalität aufzuräumen. Wenn der blendende Redner Gaitán zu einer Demonstration gegen die konservative Regierung aufrief, dann strömten Hunderttausende zusammen.
Am 9. April verliess der 45-jährige Präsidentschaftsanwärter um ein Uhr nachmittags gemeinsam mit einigen Freunden sein Anwaltsbüro, um im Hotel Continental essen zu gehen. Als er aus dem Lift trat, durchsiebten ihn drei Pistolenkugeln. Gaitán starb kurz darauf im Spital. Der Mörder war ein junger Mann namens Juan Roa Sierra. Von einer aufgebrachten Menschenmenge gehetzt, flüchtete er sich in eine Apotheke. Einem Zeugen zufolge stammelte er immer wieder «O du heilige Jungfrau», ehe er gelyncht wurde und der Mob die nackte Leiche durch die Strassen zog.
Bogotás Zentrum geht in Flammen auf
Für die Anhänger Gaitáns gab es keinen Zweifel, wer die Drahtzieher des Meuchelmordes an ihrem Idol waren: Staatspräsident Mariano Ospina Pérez und dessen Spiessgesellen von der Konservativen Partei. Die Menge versuchte, den Präsidentenpalast zu stürmen, in dem sich der Regierungschef mit seiner Familie verschanzt hatte. Die Demonstranten steckten Gebäude in Brand, lieferten sich Strassenschlachten mit der Polizei, fackelten schliesslich fast das ganze Zentrum von Bogotá ab. Es kam zu Plünderungen, Mord und Totschlag, und am Ende der Gewaltexzesse, die als «Bogotazo» in die Geschichte Kolumbiens eingehen sollten, lagen mehr als 3000 Bürger tot auf der Strasse. Doch dies war erst der Anfang – denn der Bogotazo setzte die Lunte zu einem Bürgerkrieg zwischen Liberalen und Konservativen in Brand, der zehn Jahre dauern und über 200'000 Menschen das Leben kosten sollte.
Und inmitten der ganzen Wirren befand sich an jenem schicksalhaften 9. April 1948 auch ein kleiner, unbekannter kubanischer Student namens Fidel Castro.
Aber was sagt eigentlich José Antonio Suárez, der Zeichner der 1000-Peso-Note, zum ganzen Skandal? Er behauptet, irgendeinen Herrn gezeichnet zu haben, der per Zufall ähnlich geraten sei wie der kubanische Revolutionär. «Während der letzten Jahre hat man mir auch schon gesagt, auf der Banknote sei ich selber versteckt, ausserdem Angelina Jolie, der Papst, die Beatles und sogar meine Grossmutter.» Dieser José Antonio Suárez ist offensichtlich ein Witzbold – neben der frappierenden Ähnlichkeit mit historischen Fotos ein weiteres Indiz, dass es sich bei dem Mann mit Schnäuzchen eben doch um Fidel handelt. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.04.2012, 12:50 Uhr
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