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«Ein Bohrloch in die Hölle»

Aktualisiert am 29.03.2012 28 Kommentare

Der Energiekonzern Total hat die undichte Stelle an der Förderplattform Elgin lokalisiert. Sie liege vier Kilometer unter dem Meeresgrund. Die EU-Kommission fordert nun, der Vorfall müsse Konsequenzen haben.

Gefährliches Leck: Die Förderplattform Elgin vor Schottland.

Gefährliches Leck: Die Förderplattform Elgin vor Schottland.
Bild: TA-Grafik ib, str / Quelle: Total

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Leck an der Gasplattform Elgin

Leck an der Gasplattform Elgin
Sämtliche Arbeiter der Total-Plattform vor Aberdeen mussten evakuiert werden.

Gasförderung unter extremen Bedingungen

Die enormen Untergrundgasreservoirs des Elgin-Feldes wurden 1991 entdeckt. Hier, mitten in der auch an Fischen sehr reichen Nordsee, wurde bis zur Jahrtausendwende eine der grössten Gasförderplattformen der Welt gebaut: Bis zu 400 Mitarbeiter leben auf der aus zwei Konstruktionen bestehenden und über eine Brücke verbundenen Anlage. Sie betreiben eine Gasförderung unter extremen Bedingungen: Das Reservoir liegt sechs Kilometer im Untergrund, dort beträgt der Druck über 1100 bar, was einem Gewicht von mehr als einer Tonne auf einem Fingernagel entspricht. Die Temperaturen an der Schnittstelle zwischen Förderrohren und Gasvorkommen liegen bei über 200 Grad. (B.K.)

Total: Frankreichs Topwert

Keine französische Firma setzt mehr Geld um, keine wiegt schwerer an der Pariser Börse als der private Ölkonzern Total, gegründet 1924: Seine Marktkapitalisierung beläuft sich auf knapp 100 Milliarden Euro.

Total gehört zu den grossen Playern auf dem Weltmarkt. Er fördert Öl und Gas, raffiniert, verkauft. Im letzten Jahr machte die Firma mit ihren rund 100'000 Mitarbeitern und einem Hauptquartier im Pariser Geschäftsviertel La Défense einen Gewinn von 12 Milliarden Euro, ihr bestes Resultat seit 2008. Der hohe Benzinpreis half.

In den letzten 48 Stunden verlor der Titel markant an Boden, zwischenzeitlich um 6 Prozent, bevor er sich am Mittwoch stabilisierte. Der Kurssturz bekümmerte die Firmenleitung wohl ähnlich stark wie die Sorge um die Umwelt. Das teure Desaster von BP ist noch in allen Köpfen. Und sollte es Total nicht schnell gelingen, das Leck zu stopfen, dann rechnen die Analysten mit hohen Kosten. Ganz zu schweigen von der Katastrophe, die eine Explosion der Plattform auslösen würde.

Für diesen Fall rechnen die Experten mit einem Verlust von mindestens 10 Milliarden Dollar. Der Kommunikationschef von Total gab sich bei seinen Auftritten denn auch besorgt: Der Vorfall sei Totals gravierendster in der Nordsee seit zehn Jahren, sagte er. (om)

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Im Zusammenhang mit der leckgeschlagenen Förderplattform Elgin in der Nordsee gibt es offenbar erste positive Nachrichten zu vermelden: «Wir glauben, wir wissen, wo das Leck ist», sagte David Hainsworth, Sicherheitschef des französischen Energiekonzerns, gegenüber der BBC.

Das Leck befinde sich an einer Gasquelle, die bereits vor einem Jahr stillgelegt worden sei, 4000 Meter unter dem Meeresboden. Auslöser des Unfalls könnte laut Berichten der Nachrichtenplattform Süddeutsche.de möglicherweise Rost sein. Weil aus dieser Quelle seit einem Jahr kein Gas mehr gefördert wurde, könnte das Innere von zwei ineinander verlaufenden Stahlrohren korrodiert sein. Das fast 200 Grad heisse und mit einem Druck von mehr als 1100 Bar austretende Erdgas sei dann wahrscheinlich in den Ringraum zwischen den beiden Rohren gelangt und nach oben zur Plattform geschossen – wo möglicherweise ein Verschluss versagte, sodass Gas ins Freie trat. Wie das Leck geschlossen werden könnte, ist nach wie vor unklar. Wie der «Spiegel online» berichtet, könnte ein Unterwasser-Roboter das Loch mit einer Kamera untersuchen. Wann dieser zum Einsatz kommen könnte, stehe aber noch nicht fest.

Gefahr einer Explosion besteht weiter

Die Situation rund um die Förderplattform vor der schottischen Küste ist aber noch lange nicht unter Kontrolle. In den Abendnachrichten der BBC erklärte Jack Molloy, Sprecher der Ölarbeitergewerkschaft RMT, dass «die Gefahr einer Explosion sehr, sehr gross ist». Denn der hochgefährliche Gasmix tritt nur gerade hundert Meter unter einer lodernden Flamme an die Oberfläche, die dem Abfackeln von überschüssigem Gas dient. Die RMT rechnet mit einer «katastrophalen Verwüstung», wenn Flamme und austretendes Gas zusammenkommen.

Der Energiekonzern hat sein Vorgehen in diesem Zusammenhang verteidigt. Das Abfackeln von Gas sei Teil der Sicherheitsstrategie und habe sich absolut bewährt, sagte eine Total-Sprecherin heute in Aberdeen. Die Gasförderung sei abgestellt und die Ventile an Bord der Plattform seien geöffnet worden. So könne das im System verbliebene, überschüssige Gas kontrolliert abgefackelt werden. Die Flamme werde in den nächsten Tagen vermutlich von selbst ausgehen, sobald nicht mehr genügend Gas in den Rohren ist, um sie zu speisen, sagte die Sprecherin. Alternativ werde aber nach Wegen gesucht, sie zu löschen, sollte sie noch länger brennen.

Die EU-Kommission forderte unterdessen, dass der Vorfall Konsequenzen haben müsse. Möglicherweise müssten die Sicherheitsregeln verschärft werden, sagte die Sprecherin von Energiekommissar Günther Oettinger heute in Brüssel. Zwar werde die Brüsseler Behörde vom Betreiber der Plattform regelmässig informiert. Die EU müsse jedoch aus dem Vorfall lernen und die EU-Regeln prüfen. Oettinger hatte 2011 neue Kontrollen und Haftungsregeln vorgeschlagen. Sie sind noch nicht in Kraft getreten, könnten aber abermals verschärft werden, sagte die Sprecherin.

Warnung vor «Todeszone»

Bis das Leck geschlossen ist, könnte es bis zu einem halben Jahr dauern, räumte die Betreiberfirma Total (TOTF 39 1.17%) ein. Ihr Sprecher Jacques Emmanuel Saulnier versuchte die Öffentlichkeit gestern wiederholt mit Medienmitteilungen zu beruhigen: «Die Lage ist ernst, aber stabil», hiess es zunächst. Später wurde verlautet, dass es «momentan keine signifikanten Beeinträchtigungen der Umwelt» gebe.

Zweifellos muss die Bevölkerung an den Küsten der Anrainerstaaten Schottland und Norwegen bis auf weiteres nicht mit direkten Auswirkungen auf ihr Leben rechnen: Das ausgetretene Gas schadet, so der WWF-Meeresumweltexperte Stephan Lutter, vor allem dem Umfeld der Förderplattform. «Die Gaswolke beinhaltet Schwefelwasserstoff und tötet alles Leben in der Umgebung», sagt Lutter. Er bezeichnet die betroffene Region als «Todeszone».

Frederic Hauge von der Organisation Bellona, die sich als unabhängige Überwachungsstelle der Öl- und Gasindustrie versteht, bezeichnet die zur Verfügung stehenden Optionen zur Schliessung des Lecks als Wahl zwischen «Pest und Cholera»: «Entweder wird ein Entlastungsrohr gebaut, und das dauert sehr lange, oder es wird versucht, das ausgetretene Gas unter kontrollierten Bedingungen verbrennen zu lassen.»

«Ein Bohrloch in die Hölle»

In Norwegen hielten sich Behörden und Medien am Mittwoch betont zurück: Die eigene Öl- und Gasindustrie kämpft seit Jahren mit Lecks. In Schottland zeigte Umweltminister Richard Lochhead jedoch Nerven und kritisierte sowohl den Betreiberkonzern Total wie auch die britische Regierung scharf. In London hatte zuvor der konservative Energieminister Charles Hendry erklärt, er habe «vollstes Vertrauen in das Krisenmanagement von Total».

In der schottischen Hauptstadt wünsche man jedoch – so Lochhead – «nicht nur Risikoanalysen, sondern Angaben dazu, wie diese Analysen berechnet werden». Ganz offensichtlich sind mit dem Leck in den Tiefen der Nordsee Kräfte ausgelöst worden, die sich gegenwärtig weder mit modernster Technik noch mit beschwichtigenden Communiqués oder politischen Machtworten zügeln lassen. In einer schottischen Zeitung brachte es ein Umweltaktivist wie folgt auf den Punkt: «Wir haben ein Bohrloch in die Hölle gebohrt.»

WWF befürchtet Ölpest in der Nordsee

Die Umweltschutzorganisation WWF befürchtet angesichts der leckgeschlagenen Förderplattform eine Ölpest. Der Direktor des WWF in Schottland, Richard Dixon, erklärte, der Betreiber Total müsse handeln, bevor es zu einer Ölpest mit möglicherweise katastrophalen Folgen für die Umwelt komme. Total hat erklärt, es habe einen dünnen Film kondensierten Gases auf der Wasseroberfläche entdeckt. Diese Substanz enthält auch Öl.

Das Gasleck auf der Förderplattform «Elgin» war am Sonntag bemerkt worden. In der Folge wurden alle 238 Mitarbeiter von der Förderplattform in Sicherheit gebracht. (B.K./fko/sda/dapd)

Erstellt: 29.03.2012, 11:10 Uhr

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28 Kommentare

Ernst Rietmann

29.03.2012, 11:40 Uhr
Melden 154 Empfehlung 0

Wie hiess es in Fukushima? Alles stabil, wir haben alles im Griff, alles ist im Normalbereich. Dasselbe geschah bei der Förderplattform in den USA. Resultat war immer dasselbe: überhaupt nichts davon stimmte, die Wahrheit kam Stück für Stück an den Tag. Nun fährt Total genau dieselbe Strategie. Vermutlich werden wir dann orientiert, wenn im besagten Gebiet alles Leben ausgestorben ist. Antworten


Hanspeter Kruesi

29.03.2012, 11:49 Uhr
Melden 136 Empfehlung 0

Na super - schon wieder. Fangt doch endlich mal mit den erneuerbaren Energien an ! Antworten



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