Der Schatten über Biel

Aktualisiert am 16.09.2010 6 Kommentare

Im Fall des flüchtigen Bieler Rentners wächst das Misstrauen gegenüber den zuständigen Behörden. Sitzungen und öffentliche Anlässe werden mittlerweile polizeilich überwacht.

1/28 Ein Kriminalfall prägt eine ganze Stadt: Bieler Zentrum am 13. März.
Bild: Keystone

   

Rechtfertigung vor der Öffentlickeit: Der Berner Polizeiverbandspräsident. (Video: Keystone )

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Der Bieler Stadtrat hat am Donnerstagabend unter Polizeischutz getagt. Beamte in Zivil positionierten sich um und im Gebäude. Eingangskontrollen gab es jedoch keine. Der Entscheid, die Sitzung des Stadtrates abzuhalten, sei nach Absprache mit der Kantonspolizei Bern gefallen, erklärte Stadtratspräsident Thomas Lachat den Parlamentariern.

In einer Stellungnahme würdigte der Bieler Stadtpräsident Hans Stöckli die Arbeit der Einsatzkräfte. Solche Ausnahmesituationen kenne man sonst nur aus Krimis. Man müsse jetzt «mit diesem Schatten über Biel» leben.

Dank an die Bevölkerung

Der Stadtpräsident erklärte ebenfalls, dass alle Massnahmen ergriffen werden müssten, damit sich ein solches Drama nicht wiederholen könne. Auch dankte er der Bevölkerung, insbesondere den Anwohnerinnen und Anwohnern des Lindenquartiers, für ihr Verhalten. Biel müsse normal weiterleben, sagte Stöckli zum Schluss.

Polizisten in Zivil haben am Donnerstagabend auch die Eröffnung des Festival du Film Français d'Helvétie (FFFH) überwacht.

Den zuständigen Justiz- und Sozialorganen wird vorgeworfen, sie seien schlecht vernetzt gewesen, hätten jahrelang Alarmsignale ignoriert und so die Eskalation des Falls begünstigt.

Die Polizei muss sich dafür rechtfertigen, dass sie den Mann trotz achttägigem Grosseinsatz bislang nicht fassen konnte. Ausserdem werden ihr Pannen zur Last gelegt. So war zunächst ein Fahndungsfoto mit dem Abbild des toten Vaters des Flüchtigen in Umlauf gebracht worden.

Rechtfertigung der Polizei

Der kantonale Polizeidirektor Hans-Jürg Käser wehrte sich am Donnerstag gegen die wachsende Kritik und stärkte der Polizei den Rücken. Inzwischen gebe es in diesem Fall landesweit «hunderttausende von Fachleuten», sagte Käser vor den Medien. Doch dies hier sei «kein TV-Krimi, der nach 50 Minuten gelöst ist».

Die Öffentlichkeit wundere sich zwar, dass mehrere Behördenstellen Informationen über den eigenbrötlerischen Rentner gehabt hätten und es trotzdem zur Eskalation gekommen sei. Doch «wir haben eine offene Gesellschaft, die grossen Wert auf den Datenschutz legt», betonte Käser. «Wir kennen den gläsernen Bürger nicht».

Die Informationen würden nicht automatisch ausgetauscht, und sie gelangten auch nicht automatisch an die Polizei. Deshalb sei das Dispositiv, das die Polizei letzte Woche zum Beginn des Einsatzes getroffen habe, nach derzeitiger Einschätzung angemessen gewesen.

Alarmsignale

Nach übereinstimmender Darstellung mehrerer Medien lagen schon 2006, als der Rentner mit seiner Schwester über das Erbe stritt, genügend alarmierende Hinweise über den labilen Zustand des Mannes vor. Jahrelang soll er kleinere Konflikte mit verschiedenen Amtsstellen ausgetragen haben.

Käser äusserte sich auch zum Umstand, dass der Rentner nach den Schüssen auf einen Polizisten flüchten konnte. Nach dem Zwischenfall habe die Kameradenhilfe Vorrang gehabt, und diese habe Kräfte gebunden.

Vom flüchtigen Rentner fehlte auch am Donnerstag jede Spur; die Polizei machte sich an die Räumung seines Hauses. Vor den Medien betonte Polizeikommandant Stefan Blättler, der Einsatz werde im bisherigen Ausmass fortgesetzt.

Seit 2007 wird gefahndet

Nach Informationen der Zeitung «Blick» ist der Rentner schon seit 2007 im Fahndungssystem Ripol ausgeschrieben mit dem Vermerk «Warnung - bewaffnet und gefährlich». Blättler widersprach, dass der Vermerk schon seit 2007 bestehe, wollte sich aber im übrigen nicht zu dem Thema äussern.

Auch die meisten anderen Fragen blockte Blättler unter Hinweis auf die Ermittlungen ab. Er und auch Regierungsrat Käser betonten aber, dass der Einsatz nach seinem Abschluss analysiert werden müsse. Laut Käser werden dabei fünf Bereiche untersucht: Führung, Organisation, Ablauf, Einsatz der Mittel und Kommunikation.

(mrs/sda)

Erstellt: 16.09.2010, 20:58 Uhr

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6 Kommentare

Kyrill Usnetsov

17.09.2010, 02:16 Uhr
Melden 1 Empfehlung 0

Auch wenn es polemisch klingt: Bei der Bestrafeung von Töfflibuben, dem Verteilen von Parkbussen, Razzien im ÖV und dem Einkauf von Radargeräten glänzt die Polizei. Allerdings kann man mit einem Motorboot eine junge Frau überfahren, im Kreis 5 vor einem Club einen Jugendlichen Abstechen oder in Biel halbe Armeen zum Narren halten, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Schweiz, quo vadis? Antworten


Walter Huber

17.09.2010, 05:46 Uhr
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Das versteht wohl keiner, dass es für Kameradenhilfe 99 Polizisten braucht! Auch sonst ist so ziemlich alles in diesem Fall faul genauso wie beim Bootsunfall auf dem Bielersee. Von den Kosten in der Höhe von Millionen Franken gar nicht zu sprechen. Kein Wunder, dass das Vertrauen in die Polizei und Behörden sinkt. Antworten



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