Panorama

Der Kontakt mit der Zivilisation kann tödlich sein

Von Sandro Benini. Aktualisiert am 27.03.2012 11 Kommentare

In jüngster Zeit wurden mehrmals Stämme von Ureinwohnern gesichtet, die in völliger Isolation leben – vor kurzem in Paraguay. Die meisten wollen in Ruhe gelassen werden. Mit gutem Grund.

1/5 Auf einem Flug über den brasilianischen Bundesstaat Acre im Amazonasbecken entdeckt: Mitglieder eines isolierten Stammes, die mit Pfeilen das Flugzeug abzuschiessen versuchen. (2008)
Bild: Reuters

   

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Als zu Beginn des vergangenen Jahres ein Flugzeug der brasilianischen Behörde für indigene Angelegenheiten (Funai) ein dicht bewaldetes Amazonasgebiet überflog, kam es zu einem aussergewöhnlichen Zusammentreffen. In der Luft die Beamten, am Boden die halb nackten Angehörigen eines Eingeborenenvolkes, die wohl zum ersten Mal überhaupt ein Flugzeug sahen. Erschrocken starrten sie nach oben, ungläubig auf das rätselhafte Ding über ihren Köpfen zeigend, einige schossen Pfeile darauf ab. Die vom Flugzeug aus gemachten Aufnahmen gingen um den Globus – und riefen der Weltöffentlichkeit die Existenz sogenannt «unkontaktierter Völker» in Erinnerung. Für die einen sind deren Angehörige schlicht «Nackte» oder «Wilde», andere verehren sie als «Freie» oder «Mutige» oder betrachten sie romantisierend als «Steinzeitmenschen», die den korrumpierenden Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation widerstehen. In Wirklichkeit ist die Isolation der unkontaktierten Indianer nichts anderes als eine Überlebensstrategie.

Wie viele ausserhalb der modernen Zivilisation lebende indigene Gruppen es noch gibt, weiss man nicht genau – Schätzungen zufolge sind es rund 200. Die meisten leben in dicht bewaldeten Gebieten Lateinamerikas sowie in Neuguinea. Laut der Organisation Survival International beheimatet das Javari-Tal im brasilianisch-peruanischen Grenzgebiet am meisten unkontaktierte Indianer weltweit – Schätzungen zufolge rund 2000 Personen. Insgesamt dürften in Brasilien etwa 70 Gruppen leben, davon mindestens 15 allein im Bundesstaat Amazonas. Im ganzen Land sind ihnen sieben Reservate vorbehalten.

Bis zu neunzig Prozent sterben an Krankheiten

Einige Gruppen sind noch überhaupt nie mit der modernen Zivilisation in Kontakt gekommen, andere haben in der Vergangenheit derart verheerende Erfahrungen gemacht, dass sie sich freiwillig in die Isolation des Urwaldes zurückgezogen haben und in Ruhe gelassen werden möchten. Weil das Immunsystem der Ureinwohner gegen alltägliche Krankheiten wie Grippe oder Masern keine oder nur schwache Abwehrkräfte besitzt, sind bei früheren Kontakten oft zwischen 30 und 90 Prozent der Stammesangehörigen gestorben. Anthropologen und Religionswissenschaftlern zufolge haben die Seuchen das traditionelle Weltbild der wenigen Überlebenden ins Wanken gebracht. Wahrscheinlich deuteten sie das schnelle und massenweise Sterben ihres Volkes als einen bösen Zauber, oder sie schrieben es eigenen Verfehlungen zu, welche die Götter erzürnt hatten.

«Unkontaktierte Indianer sind zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt», sagt Fabricio Amorim, ein Verantwortlicher für die Überwachungs- und Erkundungsflüge der brasilianischen Indianerbehörde Funai, «beispielsweise illegaler Fischerei, Jagd, Abholzung, Brandrodung, Bergbau, Viehzucht, Erdgas- und Erdölförderprojekten transnationaler Unternehmen und Aktivitäten von Goldsuchern und Drogenhändlern.» Nicht zuletzt unter dem Druck internationaler Organisationen hat sich zwar in jüngster Zeit bei lateinamerikanischen Regierungen das Bewusstsein um die gefährdeten Volksgruppen verbessert. Aber die dicht bewaldeten, entlegenen und grossflächigen Amazonasgebiete, in denen die unkontaktierten Völker leben, wirksam und dauerhaft vor Eindringlingen zu schützen, ist nahezu unmöglich.

Zusammenstoss mit Drogenhändlern

Im vergangenen August muss es zwischen Drogenschmugglern und Ureinwohnern im brasilianisch-peruanischen Grenzgebiet zu einem Zusammenstoss gekommen sein, der für die Indianer möglicherweise tödlich endete. Zunächst überfielen die Kriminellen einen Wachtposten der Funai. Den Angestellten gelang die Flucht, doch fanden sie später einen Rucksack mit Kokain sowie einen Pfeil. Die Indianer indessen waren verschwunden, ihr Schicksal blieb ungeklärt. Darauf sandte die brasilianische Regierung Sicherheitskräfte in das Gebiet, um es gegen bewaffnete Verbrecherbanden militärisch zu schützen.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Weltbank kommt zum Schluss, dass Naturschutzgebiete, in denen Eingeborene leben, besser gegen Abholzung und Waldbrände geschützt sind als unbewohnte Reservate – möglicherweise, weil die Holzfäller vor den mit Pfeil und Bogen bewaffneten Indianern doch einen gewissen Respekt haben. Dem Wissenschaftler Daniel Nepstadt zufolge ist indigenes Land «die derzeit wichtigste Hürde bei der Abholzung des Amazonas-Regenwaldes».

Reisebüros bieten Menschen-Safari an

Im Manú-Nationalpark in Peru haben illegales Holzfällen sowie zwei in unmittelbarer Nähe begonnene Erdöl- und Gasförderprojekte den Lebensraum der Masco-Piro-Indianer eingeschränkt und sie aus dem Wald an ein Flussufer getrieben, wo sie mehrmals von faszinierten Touristen gesichtet wurden. Einige Reisende legten am Flussufer Kleider aus, um die Ureinwohner anzulocken – eine Gedankenlosigkeit, da Krankheitserreger auch über Kleider übertragen werden können. Ausserdem berichtete die britische Zeitung «The Observer» von Reiseveranstaltern, die eigentliche Menschen-Safaris angeboten hätten: Touren durch den Nationalpark, bei denen mit einigem Glück unkontaktierte Ureinwohner zu sehen und zu fotografieren seien. Um die Eindringlinge zu warnen, beschossen darauf die Indianer einen Parkwächter mit einem Pfeil – allerdings brachen sie zuvor dessen Spitze ab.

Die neuste Entdeckung eines bisher isolierten Stammes vermeldet die Indianer-Behörde in Paraguay. Auf einer Ranch im Chaco – dem Buschwald, der sich südlich des Amazonasbeckens ausdehnt – leben offensichtlich Angehörige des Ayoreo-Stammes. Indizien für ihre Anwesenheit sind Fussabdrücke, Fanggruben für Landschildkröten und abgebrochene Zweige. Die Ranch gehört einem brasilianischen Viehzuchtunternehmen. Satellitenfotos beweisen, dass in dem Gebiet illegalerweise 4000 Hektaren Wald abgeholzt worden sind. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.03.2012, 14:27 Uhr

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11 Kommentare

Tina Kuster

28.03.2012, 15:33 Uhr
Melden 65 Empfehlung 0

Man sollte diese Leute einfach in Ruhe lassen, man hat ja in Afrika gesehen, was es bringt, Leute "zivilisieren" zu wollen. Antworten


Ursi Brock

28.03.2012, 14:56 Uhr
Melden 35 Empfehlung 0

Bis eine Glen... kam, sah und siegte. Es kamen aber auch Holzfäller, Viehzüchter und andere Räuber die prinzipiell über Leichen gehen... Das Konzept der wundersamen Vermögensvermehrung hatten wir wirklich jemals im Griff.. auf einem endlichen Planeten? Antworten



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