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Vierfachmord: Bombenexperten verlassen Haus

Aktualisiert am 10.09.2012

Die Londoner Polizei gibt Entwarnung, nachdem sie im Haus der in Frankreich getöteten Familie verdächtige Gegenstände gefunden hatte. Weiter wurde bekannt, dass alle Opfer durch die selbe Waffe starben.

1/23 Der Tatort wird erneut untersucht: Beweismarkierung auf dem Waldparkplatz bei Annecy. (8. September 2012)
Bild: Keystone

   

Neues Rätsel im Falle der in Frankreich in der vergangenen Woche getöteten Familie: Die britische Polizei hat in der englischen Grafschaft Surrey das Gebiet um das Haus der Familie räumen lassen. (Video: Reuters )

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Entwarnung im Fall des mysteriösen Vierfachmordes in den französischen Alpen: Die auf dem Grundstück der getöteten britischen Familie gefundenen Substanzen seien ungefährlich, erklärte die Polizei der Grafschaft Surrey. Heute Morgen waren nach dem Fund von «möglicherweise explosiven Substanzen» Bombenexperten an dem Haus der Familie in Claygate bei London angerückt.

Mehrere Nachbargebäude wurden evakuiert und die Strasse weiträumig abgesperrt. Die Polizei sprach von einer Vorsichtsmassnahme, nähere Angaben machte sie nicht.

Nur eine Waffe

Der Vierfachmord in den französischen Alpen ist offenbar mit nur einer Waffe verübt worden. Das verlautete aus Ermittlerkreisen, nachdem Spezialisten der französischen Polizei die rund 25 am Tatort gefundenen Patronenhülsen und die Kugeln untersucht hatten, mit denen die Opfer getötet wurden. Abgegeben wurden die Schüsse aus einer Automatikpistole vom Kaliber 7,65 Millimeter.

Wegen der Vielzahl der abgegebenen Schüsse hatten die Ermittler zunächst vermutet, dass mehrere Waffen benutzt worden seien. Dass offenbar nur ein Täter schoss, lässt die Hypothese eines Profikillers noch wahrscheinlicher erscheinen.

7-Jährige aus Koma erwacht – noch keine Befragung

Die siebenjährige Tochter der in Frankreich ermordeten britischen Familie al-Hilli, Zainab, ist erst gestern aus dem künstlichen Koma geholt worden. Das Mädchen stehe noch unter dem Einfluss von Medikamenten und könne daher noch nicht befragt werden, teilte Staatsanwalt Eric Maillaud an einer Medienkonferenz in Annecy mit.

Ihr Überleben sei ein Wunder, zitiert ihn die britische Zeitung «Guardian». Sie wurde von zwei Kugeln getroffen – eine durchdrang ihre Schulter, die andere verursachte eine Schädelfraktur. Das Mädchen sei vor den Füssen eines britischen Velofahrers kollabiert, der kurz nach der Tötung am Tatort erschien. Dieser platzierte es in die Bewusstlosenlagerung, ehe er den Notruf aufbot.

Für die Ermittler sei klar, dass Zainab erst umfassend befragt werden könne, wenn ihr Gesundheitszustand dies zulasse. «Sie tut uns sehr leid. Es ist schrecklich, dass ein traumatisiertes Opfer – vor allem ein Kind – Schlüsselzeuge sein und Fragen beantworten muss, die sein Leid womöglich vergrössern.» Er hoffe, dass sie der Polizei etwas erzählen könne – ihre Befragung sei jedoch ein schwieriges Unterfangen, sagte Maillaud.

Kleine Schwester ist wieder in London

Die Siebenjährige gilt als Schlüsselzeugin des Vierfachmords in Frankreich. Ihre vierjährige Schwester Zeena, die körperlich unverletzt geblieben war, weil sie sich in dem Auto unter dem Rock ihrer getöteten Mutter versteckt hatte, traf gestern wieder in Grossbritannien ein, wie Staatsanwalt Maillaud weiter mitteilte. Sie reiste in Begleitung eines Onkels und einer Tante, verlautete aus Ermittlerkreisen. Die beiden Verwandten waren am Samstag aus Grossbritannien in Frankreich eingetroffen. Begleitet wurde Zeena auch von einem britischen Sozialarbeiter und einem Polizisten, präzisiert der «Guardian». In Frankreich war sie demnach seit der Tötung ihrer Familie rund um die Uhr von einer Krankenschwester, einem Kinderpsychologen und einem Team der britischen Botschaft betreut worden. Dabei sei sie behutsam befragt worden, habe allerdings nichts zum Vorfall erzählen können – ausser, dass sie Schreie und Lärm gehört habe.

Die Eltern und die Grossmutter der Vierjährigen sowie ein zufällig vorbeikommender, 45-jähriger französischer Radfahrer waren am Mittwoch auf einem Waldparkplatz in Ostfrankreich erschossen worden. Sie weilten für ihre Ferien in dem bekannten Ort. Die Identität der Grossmutter mütterlicherseits ist heute bekannt gegeben worden. Die Ermittler hatten vermutet, dass es sich bei der Frau um eine Verwandte handelte. Der Vater war der 50-jährige irakischstämmige Aeronautik-Ingenieur Saad al-Hilli, die 47-jährige Mutter ebenfalls Irakerin, wie der «Guaridan» auf seiner Homepage berichtet. Die 77-jährige Grossmutter hat gemäss Behördenangaben einen schwedischen Pass. Wie die Autopsie ergeben hatte, wurden alle Opfer mit zwei Schüssen in den Kopf getötet, was gemäss Ermittlern eine gezielte Hinrichtung nahelegt. Insgesamt wurden am Tatort 25 Schüsse abgegeben. Die Hintergründe der Bluttat liegen allerdings noch im Dunkeln. Die Identifizierung der Leichen beruht in Teilen auf der Aussage der vierjährigen Tochter Zeena. Sie und ihre Schwester stehen seit der Bluttat unter ständiger Überwachung.

Hausdurchsuchung in London

Britische und französische Polizisten haben am Samstag in London die gemeinsame Durchsuchung des Hauses der in Frankreich ermordeten Familie vorbereitet. Fernsehaufnahmen zeigten, wie die Ermittler in dem Vorort Claygate Fotos von dem Haus der britisch-irakischen Familie machten. Beamte trugen Kisten mit Ausrüstung und Plastiksäcke für Beweismaterial in ein Zelt, das vor dem Haus errichtet worden war. Polizisten waren in weisse Anzüge gekleidet, wie sie bei der Spurensicherung getragen werden.

Die französischen Behörden haben bislang nur wenige Angaben zu den laufenden Ermittlungen zu dem Verbrechen in den französischen Alpen abgegeben. Die Polizei in der englischen Grafschaft Surrey teilte mit, die französischen Behörden bei ihren Ermittlungen zu unterstützen. Eine Spur, welche die Ermittler verfolgen, führt in die Familie des getöteten Ingenieurs: Die britische Polizei hatte über einen möglichen Geldstreit zwischen dem getöteten Familienvater und einem Bruder berichtet. Der Bruder habe jedoch am Freitag gegenüber den Behörden einen solchen Streit zurückgewiesen. Über das Bekanntwerden solcher Ermittlungsdetails ärgerte sich Staatsanwalt Maillaud: «Ich hätte mir gewünscht, dass sich die englische Polizei diskreter verhalten würde, », zitiert ihn die französische Zeitung «Le Monde» auf ihrer Homepage. Schliesslich wolle man verhindern, dass der oder die Täter ungestraft davonkäme(n), sagte er gemäss dem «Guaridan».

Möglicher Streit in Brief angedeutet

Eine Freundin der Brüder aus Kindheitstagen, Mae Faisal El-Wailly, beschrieb die Familie als wohlhabend. Der Vater der Brüder sei vor kurzem gestorben, sagte sie. In einem Brief, den ihr der getötete Familienvater im vergangenen Jahr geschrieben haben soll, finden sich Andeutungen auf einen möglichen Erbschaftsstreit.

So heisst es in dem von Saad al-Hilli im September letzten Jahres geschriebenen Brief, dass sein Bruder «ein Kontrollfreak ist, und hinterlistige Dinge versucht hat, selbst als mein Vater noch lebte». Und weiter heisst es: «Er hat versucht, die Kontrolle über das Vermögen von Vater zu erlangen.» Aus öffentlichen Unterlagen geht hervor, dass der Bruder vergangenes Jahr aus dem Unternehmen des Getöteten ausschied. El-Wailly sagte, sie glaube aber nicht, dass der Bruder des Opfers etwas mit dem Verbrechen in den Alpen zu tun habe.

Die nächste Pressekonferenz mit mehr Informationen zum Verbechen ist für Mitte dieser Woche angekündigt. (mw/rub/mrs/rbi/AFP/dapd)

Erstellt: 10.09.2012, 11:55 Uhr

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