Panorama

So wird das Jahr 2010

Von Beat Metzler. Aktualisiert am 18.12.2009 1 Kommentar

Das Bellevue-Team hat die drei wichtigsten Futurologen der Schweiz ins Restaurant Büsi geladen. Wir wollten herausfinden, was das Jahr 2010 für Zürich bringt.

Unsere Experten sehen auch ohne Kristallkugel kristallklar in die Zukunft.

Unsere Experten sehen auch ohne Kristallkugel kristallklar in die Zukunft.
Bild: Keystone

<b>Claude Longchamp</b>: Der Politikwissenschaftler ist Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts GfS Bern. Sein Markenzeichen ist die Fliege.

Claude Longchamp: Der Politikwissenschaftler ist Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts GfS Bern. Sein Markenzeichen ist die Fliege. (Bild: Keystone)

<b>Mike Shiva</b>: Ein Anruf beim Hellseher, Unternehmer und Fernsehmoderator kostet 4.50 Franken pro Minute. Sein Markenzeichen sind bunte Kopftücher.

Mike Shiva: Ein Anruf beim Hellseher, Unternehmer und Fernsehmoderator kostet 4.50 Franken pro Minute. Sein Markenzeichen sind bunte Kopftücher.

<b>Elisabeth Teissier</b>: Die Astrologin war früher Model und Schauspielerin. 2001 erhielt sie einen Doktortitel in Soziologie. Ihr Markenzeichen ist schwerer Schmuck.

Elisabeth Teissier: Die Astrologin war früher Model und Schauspielerin. 2001 erhielt sie einen Doktortitel in Soziologie. Ihr Markenzeichen ist schwerer Schmuck.

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Was bringt das nächste Jahr? Eine Frage, die uns im momentanen Rückblick-Gestrüpp schaurig unter den Nägeln brennt. Vor allem, da es sich beim 2010 um ein Initialjahr handelt - ein Trampolin sozusagen, das uns nach den lahmen Nullerjahren ins euphorische, neue Jahrzehnt spicken soll. Zur Klärung haben wir die drei bedeutendsten Schweizer Futurologen Dr. Elisabeth Teissier, Mike Shiva und Claude Longchamp zu einem Treffen im Restaurant Büsi beim Katzensee eingeladen. Das Büsi haben wir ausgesucht, weil es hier die besten Käseschnitten weit und breit geben soll. Und Käseschnitten bestens zu Begriffen wie «Natürlichkeit» und «Tradition» passen, die als momentane Megatrends gelten, denen wir auf keinen Fall hinterherhinken wollen.

Frau Teissier hatte sich zuerst gegen den Ort gesträubt, da sie sonst nur in 5-Sterne-Hotels diniere. Die Aussicht auf eine 5-Sterne-Käseschnitte stimmte sie um. Claude Longchamp passte das Büsi wegen seiner Nähe zum Leutschenbach hervorragend. Mike Shiva war begeistert, bietet doch der benachbarte Katzensee - trotz des Namens - Auslauf für sein Hündchen Wanchai.

Während Herr Longchamp seine Blätter ordnet und Frau Teissier - im Leopardenkleid - über der Speisekarte pendelt, stellen wir Herrn Shiva die erste Frage.

Herr Shiva, bitte sagen Sie uns, für welches Menü sich Frau Teissier entscheidet?
Shiva: Nicht alles steht zum Vorhinein fest. Die Zukunft hängt auch von den Menschen ab. Nur Scharlatane sagen Ihnen, dann passiert etwas. Das Leben hat eine Richtung, in die wir uns bewegen. Dafür müssen wir aktiv etwas tun. Ich habe aber schon vor 20 Jahren gewusst, wo ich heute stehen werde.

Das Pendel hat kaum merkbar ausgeschlagen, Frau Teissier bestellt die Käseschnitte Hawaii mit Ananasscheiben und Herzkirschen. Shiva und Longchamp nehmen das Gleiche.

Herr Longchamp, Ihre Prognose zur Minarettabstimmung war ähnlich präzis wie Mike Shivas Ankündigung, dass Ghana 2006 Weltmeister wird.
Longchamp: Zwischen Umfrage und Abstimmung lagen 18 Tage. Hätten wir diese Zahlen aufgrund einer Umfrage publiziert, die am Abstimmungssonntag selber oder unmittelbar davor gemacht worden wäre . . .
Shiva (unterbricht): Ich habe davon gewusst, als eine Uhr stehen blieb. Aber man soll nicht immer von der Vergangenheit reden.

Elisabeth Teissier kichert. Wanchai bellt und reisst an seiner Leine. Mike Shiva füttert ihm einen Teil seiner Käseschnitte, die soeben serviert worden ist.

Frau Teissier, Sie haben letztes Jahr Europa Überschwemmungen und darauf folgende verheerende Epidemien vorausgesagt. Davon haben wir wenig gespürt.
Teissier (wieder ernst geworden): Leider macht man sich selten die Mühe, ein Jahr später auf die richtigen Prognosen hinzuweisen. Das Image der Schweiz im Ausland litt 2009 sehr. Das habe ich vorausgesagt. Natürlich gibt es aber auch Momente, wo ich als Astrologin erstaunt bin. Dann frage ich mich: Habe ich einen Fehler gemacht? Etwas nicht genau analysiert?

Werden wir konkreter: Zürich wählt 2010. Bleibt Corine Mauch im Amt, oder verliert sie gegen die Aussenseiterin Susi Gut?
Teissier: Als Grundlage bräuchte ich das Geburtsdatum. Deshalb kann ich auch nicht voraussagen, ob Ghadhafi die beiden Schweizer Geiseln freilassen wird. Sein Geburtsdatum gibt es nicht.

Die beiden Kandidatinnen sind etwas zugänglicher als Libyens Staatschef. Susi Gut wurde am 28. Januar 1961 geboren und damit Wassermann der 1. Dekade. Corine Mauch hat am 28. Mai 1960 Geburtstag und ist ein Zwilling der 1. Dekade.
Teissier: Viele Zwillinge ruhen sich 2010 auf ihren Lorbeeren aus. Mai-Zwillinge haben aber zwischen Mitte Januar und Ende Februar einen schweren Stand. Auch Wassermänner ruhen sich 2010 auf ihren Lorbeeren aus. Diejenigen der 1. Dekade haben nach ersten Bemühungen zwischen Januar und April aber exzellente Karten und kommen ihren Zielen näher.

Dann sagen die Sterne, dass Frau Gut am 7. März gewinnt? Obwohl ihre Partei nur 90 Mitglieder zählt? Herr Longchamp, ist das nicht eine Ungeheuerlichkeit?
Longchamp: Methodisch gibt es keine stichhaltigen Einwände.

Und Sie, Herr Shiva, was prognostizieren Sie für dieses Datum?
Shiva (deckt ein paar Tarotkarten auf): Die Grundkonstellation des Datums ist gut. Da hat nichts einen negativen Touch. Es wird eine lustige, positive Sache. In den Karten ist die Partnerschaft drin, das gibt eine gute Verbindung. Man ist mit viel Liebe dahinter.

Solche Anspielungen gehen uns nun aber zu weit. Kommen wir zur nächsten Frage: In Zürich herrscht Wohnungsnot. Nimmt diese weiter zu, oder wird eine unerwartete Landflucht die Stadt entlasten?
Teissier: Die Krise ist mit Sicherheit noch nicht vorbei - trotz vielen positiven Aussagen. Vor allem Schützen und Zwillinge sollten im kommenden Jahr ihren Kopf einziehen. Shiva: Wenn man im Wohnwagen lebt wie ich, hat man einen anderen Fokus. Man macht die Tür auf und steht mitten im Gras.

Herr Shiva, diesen Sommer komponierten Sie die Street-Parade-Hymne, sind aber wegen Drohungen nicht erschienen. Wie wird die Street Parade nächstes Jahr?
Shiva (summt die Melodie seines Liedes): DJ Energy und ich hätten bestimmt positive Energie versprüht.

Leider sind wir schon am Ende unseres Gesprächs: Was sagen Sie generell zur Zukunft?
Shiva: Ich sehe eine grundsätzliche Unfähigkeit, die Liebe zu schätzen. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, die mit grössten Gefühlen gerade so umgeht wie mit einem Stück Brot oder einer Jeans. Was nicht mehr frisch ist, wird entsorgt. (Shiva füttert den Rest der leicht pampig gewordenen Käseschnitte seinem Wanchai.)
Teissier (schaut angewidert): Ab März wirkt ein positiver Neptun-Einfluss, der symbolisch für Kreativität, mehr Solidarität sowie erfolgreiche kulturelle oder künstlerische Ereignisse und Erfolge im Sport steht.
Longchamp (schüttelt den Kopf): Meinungsbildung ist bis am Schluss etwas Dynamisches. Die sogenannte Fehlprognose kann kaum auf ein Problem mit der Umfrage selber zurückgeführt werden, ist aber eine Folge der Fehlerwahrnehmung, die daraus entsteht . . .

Die Türe des Büsi wird aufgerissen. Mehrere Männer stürmen in den Raum und protestieren, dass sie nicht zum Interview eingeladen wurden. Auch sie seien wichtige Zukunftsforscher. «Am 1. August 2010 gibts ein Feuerwerksverbot. Schuld ist die Trockenheit im Juli. Die Feuerwehr soll auf Sommerferien verzichten», schreit Rudolf Luterbacher, ein Meteorologe, der mit dem Siebenjahresturnus von Dr. Mauritius Knauer (1613-1664) arbeitet. «2029 schenken wir uns selbst designte Pflanzen und Haustiere aus dem Biotechbaukasten», hält ein Vertreter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts dagegen. Drei Wirtschaftswissenschaftler streiten leidenschaftlich darüber, ob die Arbeitslosenquote die 5-Prozent-Grenze durchschlägt oder nicht. Das Geschrei wird immer lauter. Wanchai beginnt zu heulen. Frau Teissier hält sich die Ohren zu, Mike Shiva klappt die Sonnenbrille hinunter, Claude Longchamp blättert in seinen Unterlagen. Der Interviewer schnappt sein Aufnahmegerät und schleicht aus dem Büsi.

Alle verwendeten Zitate stammen aus folgenden Quellen: Schweizer Illustrierte, Blick, Solothurner Zeitung, Aargauer Zeitung, NZZ am Sonntag, Berner Zeitung, Basler Zeitung, kleinreport.ch, Youtube.com.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2009, 09:39 Uhr

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1 Kommentar

René Werren

29.12.2009, 18:30 Uhr
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Lieber Tagi, was fragt Ihr so unbedeutende Personen über die Zukunft? Geht auf die Strasse oder aufs Land und befragt eher die Menschen die stinken von der Arbeit oder mit einem tiefen Lohn die bessere Arbeit verrichten als ein Longchamp. Für mich ist ein Longchamp (SP), der bei der Minarett-Abstimmung um 155% daneben informierte und trotzdem für diese lausige Arbeit bezahlt wurde, ein Abzocker. Antworten




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