Letzte Ausfahrt Interlaken
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 26.09.2009
Ungewisse Zukunft
Am 1. November schliesst der Mystery Park vorläufig seine Tore. Was danach geschieht, ist ungewiss. Erich von Däniken glaubt nicht, dass dies sein letzter Vortrag im Mystery Park gewesen sein könnte: «Das wäre sehr bitter. Aber ich kann mir das nicht vorstellen.» Er sei zuversichtlich: «Der Sommer war überraschend gut. Erweiterungen und Änderungen wären aber sicher fällig».
«Der Entscheid wird Mitte Oktober fallen», sagt Marcel Meier, der Geschäftsführer des Mystery Parks, auf Anfrage. «Wir haben verschiedene Optionen, von einem Totalverkauf bis zu unterschiedlichen Adaptionen ist alles möglich.» Bis zum Ende der Saison am 1. November wird der Park diese Saison um die 90'000 Zuschauer angezogen haben. «Die Chance, dass der Park in irgendeiner Weise weiterbesteht, ist nach diesem Sommer sicher grösser als zuvor.» Der Mattener Gemeindepräsident Andres Grossniklaus hofft, dass der Park auch in Zukunft geöffnet sein wird. «Es ist auf jeden Fall besser, wenn er offen ist.» (tik)
«Good evening ladies and gentlemen.» Mit diesen Worten begrüsst Erich von Däniken die vielleicht hundert Zuschauer im Saal Pegasus im Mystery-Park. Das Wort «gentlemen» spricht er so aus, wie es geschrieben wird, das l vor dem e. «Ich war nie ganz normal», sagt er darauf, die Leute schmunzeln. Sie freuen sich auf den vorläufig letzten Vortrag des geistigen Vaters der Anlage. Von Dänikens Zuhörer sind die einzigen Gäste, die an diesem Nachmittag um vier Uhr noch in den weitläufigen Räumen des Mystery-Parks weilen. Die Flure sind bis auf einige Angestellte verwaist – ein wirtschaftliches Erfolgsmodell sieht anders aus.
Es sei durchaus möglich, dass es «da draussen von menschenähnlichen Wesen wimmelt», ruft Erich von Däniken, kurz EvD, in Erinnerung, bevor er mit dem Modell «Panspermia» erklärt, wie das Leben die Erde erreicht habe: Irgendeine erste intelligente Lebensform habe vor Jahrmillionen begonnen, im ganzen Universum Lebensbausteine zu verteilen, wohl wissend, dass der grösste Teil in Sonnen verglühen oder auf unwirtlichen Planeten landen werde. Ein kleiner Bruchteil aber habe auf der Erde, und sicher auch auf anderen Planeten, eine Evolution angestossen. Eine Entwicklung geprägt von zwingenden Formen: Das Gehirn sei bei jedem Lebewesen in der Nähe der Augen, die Nase oder der Rüssel in der Nähe des Mundes: Es gebe keine Lebensform, die das Gehirn am Hintern habe. Wobei EvD nicht das Wort «Hintern» benutzt, sondern die mit «A» beginnende Variante. Ein Ausrutscher ist das nicht, doch der Abstecher in die Vulgärsprache erzielt die gewünschte Wirkung. Im Saal ist es still, die Zuhörer hängen EvD an den Lippen. Und der kommt jetzt richtig in Fahrt. Freier Wille? Eine Illusion! «Sie denken, sie haben einen freien Willen? Tun sie mal was gegen ihren Sexualtrieb oder gegen ihre Neugierde.» Die Menschheit als Spitze der Evolution, als Krone der Schöpfung: Pure Egozentrik, die reinste Nabelschau sei das: «Wir sollten bescheiden werden.»
«Ich rauche immer noch und saufe immer noch»
Eine halbe Stunde redet Erich von Däniken auf die Leute ein. Mehr Zeit kostet es ihn danach, alle Autogrammwünsche zu erfüllen. Er scheint es zu geniessen, dass die Leute Schlange stehen für eine seiner Widmungen. Auch jetzt noch, nach angeblich 62 Millionen verkauften Büchern. Und dann sind da auch noch die Fragen des Journalisten: «Herr von Däniken» – «Yes, my darling» – «sind Sie ein bescheidener Mensch?» – «Ja, ich glaube schon, ich bin sehr bescheiden. Ich bin einer der wenigen, die jeden Abend noch beten. Normale Menschen haben heute keinen Glauben mehr. Ich bete, aber nicht zu Jesus oder zur Mutter Gottes, sondern zum grandiosen Geist der Schöpfung.» Beim Beten werde man sich bewusst, wie mikroskopisch und winzig man sei, eine Ameise im Universum. «Wenn wir auf der Erde begreifen, dass es da draussen jemanden gibt, der wiederkommt, dann werden wir plötzlich bescheiden, dann hört die ganze verdammte Rechthaberei auf.» – «Aber ist das überhaupt ein taugliches Rezept für ein glückliches Leben, sich als so klein zu sehen, wie man tatsächlich ist?» – «Also ich lebe ganz zufrieden, ich bin bald 75 und merke nichts, ich rauche immer noch und saufe immer noch und finde das absolut vernünftig. Und irgendwann kommt der Gong zur nächsten Runde, und dann geht man halt. Ciao, danke schön.»
Für ihn wäre es das Allerschlimmste, wenn jemand mit seinen Ideen eine Sekte gründen würde. Nur ja kein Kult, geschweige denn eine Religion solle um ihn herum entstehen. Er wolle keine Antworten liefern, sondern Fragen aufwerfen. Er sei getrieben von der Neugierde, sagt von Däniken. Der Eindruck, den er hinterlässt, korreliert nicht wirklich mit diesen Aussagen. Ein Getriebener ist er ganz bestimmt. Ist er aber nicht eher von der Verpflichtung getrieben, die Menschen aufklären zu müssen, über all das, was eine Selbstverständlichkeit sein und in der Grundschule unterrichtet werden sollte, Gemeingut? Ein Suchender ist er sicher auch, vor allem aber ist er überzeugt, mehr zu wissen.
«Ich kenne die Namen der Ausserirdischen»
Zurück zum Vortrag: Von Däniken ist nun bei Henoch angelangt, dem biblischen Henoch, seines Zeichens siebter Patriarch vor der Flut. In einem erhaltenen Buch Henochs beschreibe dieser, was er vor Jahrtausenden erlebt habe. Von «Himmelfahrt» sei da die Rede. «Er wurde also in ein Raumschiff geholt.» In der Bibel sei von «Heiland» die Rede, EvD sagt: «Kommandant». In einem «feurigen Wagen» sei er über die Erde getragen worden. Ein Ketzer, wer jetzt noch zweifelt. Henoch nenne im Buch gar die Namen der Besucher. «Ich kenne die Namen der Ausserirdischen», ruft von Däniken in den Saal. Henoch lebe noch, ist er überzeugt, in einer anderen Zeitrechnung. Bald werde er auf die Erde zurückkehren, und gerne möchte er ihn dann als Erster interviewen. «Wie war das vor Jahrtausenden?», würde EvD Henoch gerne fragen. Was in der Zwischenzeit geschehen sei, findet er weniger interessant: «Das wissen wir eigentlich. Ich gehe davon aus, dass sie ein sehr schnelles Raumschiff haben, da treten Zeitverschiebungseffekte auf. Henoch ist mittlerweile vielleicht vier Jahre gealtert.»
Nur wenige Minuten spricht von Däniken zum eigentlichen Thema seiner Rede: den Mayas und ihrem Kalender. Am 13. August 3114 vor Christus beginnt deren Zeitrechnung, mit der «Ankunft der Götter». Und diese Götter werden von ihrer grossen Reise zurückkehren, am 23. Dezember 2012. Vom genauen Datum ist von Däniken jedoch nicht überzeugt: Er vertraue zwar dem Maya-Kalender, nicht aber dem unsrigen, der weniger exakt sei. Bei der Umrechnung könnte deshalb ein falscher Zeitpunkt herausgekommen sein, aber «sie werden kommen. Ganz sicher!» Verglichen mit diesem Götterschock sei der gegenwärtige Finanzschock geradezu lächerlich.
«Eines Tages macht es WUMM»
Er wisse genau, wie dieser Schock aussehen werde, sagt von Däniken nach dem Vortrag. Wie ein gesetzter Lokalpolitiker wechselt von Däniken nun ins Schriftdeutsche, um den folgenden Worten Gewicht zu verleihen: «Die Menschen verlieren den Boden unter den Füssen. Sie halten so etwas einfach nicht für möglich. Die Menschen sind so erzogen worden, gerade in unseren Breitengraden: mit beiden Füssen am Boden, keine Fantasterei. Und jetzt wird die Fantasterei wahr. Da kommt was auf uns zu.» – «Aber was?» – «Sie werden kommen! Eines Tages macht es WUMM. Dann werden unsere Astronomen irgendwo ein Riesenobjekt feststellen, und dann kann man es nicht mehr verschweigen. Für die Unvorbereiteten wird das ein grosser Schock sein. Ich bin auf jeden Fall froh, zu wissen, dass sie kommen.»
Von Däniken erwartet sie sehnlichst, wäre bereit, sie gleich zu begrüssen, das zumindest ist zum Ende der Begegnung gewiss. Und begäben sich die Extraterrestrischen tatsächlich genau jetzt und hier in irdische Gefilde – die Landung würde ihnen einfach gemacht. Der flugpistengrosse Parkplatz vor dem Mystery-Park ist praktisch autoleer. (Der Bund)
Erstellt: 26.09.2009, 15:53 Uhr
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