Kachelmann macht Gegenwind
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 03.08.2010 16 Kommentare
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Seit Jörg Kachelmann der bekannteste Ex-Untersuchungshäftling Deutschlands ist, tut er, was er am besten kann: Er stellt sich vor die Fernsehkameras und macht ein Gesicht, das auf viele sympathisch wirkt. Dann sagt er Dinge, die andere kompliziert sagen, einfach. Fast wie früher, als er meteorologisch unkorrekt ankündigte: «Es flöckelt Zucker auf unsere Flachlandtannen.»
Doch nichts flöckelt mehr. Alles ist anders. Denn Deutschland und die Schweizer Heimat wissen: Hier spricht entweder ein Vergewaltiger oder das Opfer eines Rufmordes seiner ExPartnerin. Der begnadete Wettererklärer stellt sich nicht mehr freiwillig vor die Kameras. Vielmehr haben ihm seine Anwälte dazu geraten. Obwohl jedes Wort aus seinem Mund gegen ihn ausgelegt werden kann im Strafprozess in einem Monat. Kaum in Freiheit, noch am Donnerstag, steckte Kachelmann mit seinen Beratern einen intensiven Interview-Parcours aus, der beim Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» endete. Dort beteuert der TV-Moderator, er habe «keine Fehler gemacht, jedenfalls keine von juristischer Relevanz». Postwendend räumt er aber ein, er habe seine Freundin «in einer Weise gekränkt, die ich in der Nachschau nur im höchsten Masse bedauern kann». Er erzählt die eine und die andere Anekdote vom KakerlakenKnast, den Kumpeln, Gefangenen, die sich in seinen Armen ausweinten. Mit Understatement bezeichnet sich Kachelmann als «viertklassigen TVPromi». Während des «Spiegel»-Interviews bricht er mehrmals in Tränen aus. Und erzählt herzzerreissend, dass seine Mutter mit 80 Jahren erleben musste, wie sie «zur Mutter eines messerstechenden, gewalttätigen, promisken Vergewaltigers wurde». Stolz sei er, «dass sie stark geblieben ist». «Die Heimatfront», sagt Kachelmann, «stand.»
Promi-Malus, Reichen-Bonus
Der Medienprofi aus der Schweiz hat die ersten Tage in Freiheit zur allgemeinen Zufriedenheit seiner bezahlten Unterstützer genutzt. Er hat Wind gemacht in eigener Sache. Besser gesagt Gegenwind.
Während der 132 Tage Untersuchungshaft war Kachelmann publizistisch vorverurteilt worden (TA vom Freitag). Viele Titel berichteten anfangs so intensiv, detailliert und einseitig über die Vorwürfe gegen den Inhaftierten, dass es einem medialen Schuldspruch gleichkam. Kachelmann wehrte sich aus dem Gefängnis mit Dutzenden juristischen Eingaben, wenn seine Privatsphäre verletzt wurde. Trotz Teilerfolgen kam er gegen den Promi-Malus nicht an.
Als der Wind sich drehte
Auf die Vorverurteilungen folgten aber Vorfreisprüche durch renommierte deutsche Gerichtsreporterinnen. Der Wochentitel «Die Zeit» schlug sich deutlich auf die Seite des Angeklagten, «Der Spiegel» tendenziell. Der Wind begann sich zu drehen.
Kachelmann gewinnt nun mit seinen Beteuerungen, seiner Demut und seinen Tränengeschichten die öffentliche Meinung zurück. Doch nicht nur die Eloquenz, sondern auch seine Solvenz helfen in diesem rechtsstaatlich fragwürdigen Verfahren. Den Promi-Malus kann der Vorverurteilte auch per Reichen-Bonus teilweise wettmachen. Mit viel Geld für seine Juristen- und Gutachterschar kann sich der Selfmade-Wetterunternehmer vielleicht ausgleichende Gerechtigkeit verschaffen. Vier Strafverteidiger und ebenso viele Medienanwälte haben Kachelmann geholfen, den vorzeitigen massenmedialen Revisionsprozess in eigener Sache zu gewinnen. Alles andere entscheidet das Gericht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.08.2010, 13:01 Uhr
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16 Kommentare
@Sandra Keller: Versprechungen hin und her! Lt. Gerichtspressemitteilung soll er aber mehr als 10 Damen im gleichen Zeitraum beglückt haben. Er nannte sie der Einfachheit halber in seinen persönlichen SMS alle Lausemädchen. Mit wem er (verheiratet) welche Sado/Maso-Spielchen gemacht hat, ist mir auch völlig gleich. Als Christ ist der Sex eines verheirateten Mannes mit anderen Partnern verwerflich Antworten
@Markus Weber, "Leere Gefässe tönen am lautesten" - genau das sollten sich jene hinter die Ohren schreiben welche mit dem Begriff UNSCHULDSVERMUTUNG nichts anfangen können! Wollen wir die Menschenrechte nun achten, oder gleich alle über Bord werfen? Antworten
. . . und sollte Kachelmann von Schuld und Sühne freigesprochen werden, wird es Forderungen nach Genugtuung und Schadenersatz nur so hageln. Und die Zeche bezahlt am Schluss der "News geile Michel" und nicht die Medienmeute, die mit dieser "story" während Monaten Aufmerksamkeit erheischten. Antworten
Inhaltlich ist der Beitrag sehr zutreffend. In der Schlussfolgerung muss ich allerdings widersprechen: Die PR-Kampagne von Herrn Kachelmann schadet ihm derzeit nur. Besser hätte er sich einmal den Journalisten gestellt und deren "Informationsdurst" gestillt. Nun bietet er selber häppchenweise neue Stories. Unabhängig von Schuld- oder Freispruch vor Gericht, leidet deshalb sein Image weiter. Antworten
Herr Kachelmann sollte einfach den Mund halten - damit wäre allen gedient. Eine kurze Pressemitteilung hätte gereicht! Die Verhandlung wird den Rest ans Licht bringen oder auch nicht aber es wird auf jeden Fall ein Urteil gefällt - denn dazu sind Gerichte da. Denn er hat Möglichkeiten, die ein Vergewaltigungsopfer, sollte sie es denn sein nicht hat - und bestimmt nicht gehen wird. Antworten
Ich schliesse mich gerne Andy an. Nur das Beste und viel Glück wünsch ich Dir Jörg. Und für die Medien ein Zitat von Friedrich Wilhelm Nietzsche: "Nicht gegen den, der uns zuwider ist, sind wir am unbilligsten, sondern gegen den, welcher uns gar nichts angeht." - Klappe, die nächste... Antworten
Ber Hermann: Sie wissen, dass er wirklich was versprochen hat, oder war das nur die Einbildung der Freundin? Wenn mich ein Mann ein mal pro Monat besucht, ohne dass er sonst was von sich mitteilt, nehme ich nicht an, dass ausser Sex sonst was los ist. Antworten
Da ist nichts besonderes an dem Fall. Auch ein EU-Bürger ohne festen CH-Wohnsitz würde bei Anzeige einer solchen Gewalttat in CH in U-Haft genommen. Ob gesetzlich schuldig oder nicht, entscheidet das Gericht. Allein die charakterliche Schuld, obwohl verheiratet, mit mehreren Frauen sexuelle Verhältnisse zu pflegen und jede im Glauben zu lassen, sie sei die einzige Liebe, ist bereits verwerflich. Antworten
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Dieter Jegelka
ich kann mich noch erinnern, als er im tenue auf einem spez. sender wetterberichtete. er hat ´was draus gemacht. jetzt kommen die neiderInnen. oder fehlt mir der schweizer im deutschen tv? Joerg, halt´die ohren steif!! Antworten