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In seinen Ohren klingt Vaters Sozialkritik wie ein Hohn
Wohnt in einem Berliner Plattenbau: Richard Sarrazin.
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Sein Vater ist der Schrecken der deutschen Unterschicht, hält Armut für selbstverschuldet und findet, von Sozialhilfe lasse sich formidabel leben. Dabei bezieht Richard Sarrazin, 30 Jahre alt, selber Hartz IV. Die Zeitschrift «Bunte» hat den Spross von Thilo Sarrazin, 66 Jahre alt, in einem Berliner Plattenbau aufgespürt.
Bilder zeigen einen hageren jungen Mann. Den Kopf rasiert, die Augen traurig. Gesund sieht er nicht aus. Einiges scheint denn auch schiefgegangen zu sein im Leben von Richard Sarrazin. Eine Bürolehre hat er abgebrochen, ein Informatikstudium ebenfalls. Stattdessen genoss er das Nachtleben, zog durch Discos. Irgendwann drehte der strenge Papa den Geldhahn zu. Seither schlägt sich Sarrazin junior mit Gelegenheitsjobs und Sozialgeld durch.
Lebenstempo selber bestimmen
Das Verhältnis zu den Eltern ist immer noch schwer zerrüttet. «Die sagen selten etwas Gutes. Ja, ich bin für meinen Vater der Sündenbock, das schwarze Schaf der Familie», gibt Richard zu Protokoll. An Weihnachten sei er bei der Familie gewesen. Wie es gewesen sei. Kein Kommentar.
Der junge Mann lässt es sich freilich auch nicht nehmen, seine Eltern zu reizen. So erklärte er, es sei eigentlich ganz gut, einfach nur arbeitslos zu sein und nicht gebraucht zu werden. «Weil man dann sein Lebenstempo selber bestimmen kann.»
4 Euro pro Tag
Die Geschichte des Sarrazin-Sohnes lässt die Tiraden seines Vaters in einem anderen Licht erscheinen. Bevor sich Thilo Sarrazin mit dem Buch «Deutschland schafft sich ab» dem Thema Islam zuwandte, nahm der ehemalige SPD-Politiker regelmässig Sozialhilfebezüger ins Visier. Legendär etwa ist sein Ratschlag, statt die Wohnung übermässig zu heizen, sollten Hartz-IV-Empfänger besser einen Wollpullover anziehen. Für Aufsehen sorgte Sarrazin auch, als er einen Menüplan zusammenstellte, um zu beweisen, wie köstlich man sich mit 4 Euro pro Tag verpflegen könne.
Der Ex-Bundesbanker erweckte dabei stets den Eindruck, soziale Not sei die Folge von Faulheit und mangelnder Leistungsbereitschaft. Jetzt zeigt sich an seinem eigenen Sohn: Selbst ein gutbürgerliches, wohlhabendes Elternhaus schützt vor Absturz nicht.
«Mutter ist gern zu streng »
Für Richard Sarrazin muss des Vaters Sozialkritik denn auch wie ein Hohn klingen. Er lebt sehr bescheiden. Seine Zweizimmerwohnung ist spartanisch eingerichtet, er muss jeden Cent umdrehen. Eben war er wieder bei den Behörden, um einen Vorschuss zu verlangen. An die Eltern will er sich nicht wenden — obwohl Papa Thilo es mit seinem Bestseller zum Millionär gebracht hat. Er wisse gar nicht, ob die ihn unterstützen würden, sagt der Sohn. Fragen mag er sie nicht.
Die Erinnerungen ans Elternhaus scheinen ohnehin nicht die besten zu sein. «Eng» sei es gewesen, schildert Richard. Mutter Ursula Sarrazin führte daheim offenbar ein strenges Regime. «Sie hat mich viel ermahnt. Sie ist gern zu streng und übertreibt es mit Verboten und Aufsicht. Das ging mir tierisch auf die Nerven.»
Die Ironie dabei ist: Gegen Frau Sarrazin, die in Berlin als Lehrerin arbeitet, wurden zuletzt Klagen laut, sie unterrichte autoritär, beleidige und erniedrige Schüler. Prompt brach eine Debatte über Sinn und Unsinn von autoritärer Erziehung aus, wobei der Boulevard die Sarrazin-Gattin als Vorzeigepädagogin feierte und sie selber von Talkshow zu Talkshow zog. Sohn Richard mochte sich Mamas Auftritte nicht anschauen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.02.2011, 07:54 Uhr
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