Panorama

Vincenzo Capodici
Reporter


«Ich habe Menschen verarscht»

Aktualisiert am 09.06.2011 63 Kommentare

Jörg Kachelmann hat der «Zeit» das erste Interview nach dem Freispruch gegeben. Er spricht über seine Wut, seine Fehler, seine Pläne. Und er macht klar, dass er mit allen rechtlichen Mitteln um seine Ehre kämpft.

«Ich habe heute ein wunderbar geordnetes Berufs- und Privatleben. Ich weiss, was richtig und was falsch ist»: Jörg Kachelmann. (Ausriss: «Die Zeit»)

«Ich habe heute ein wunderbar geordnetes Berufs- und Privatleben. Ich weiss, was richtig und was falsch ist»: Jörg Kachelmann. (Ausriss: «Die Zeit»)

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Fall Kachelmann

Die «Zeit» im Pro-Kachelmann-Lager

Jörg Kachelmann ist am vorletzten Dienstag am Landgericht Mannheim vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden – gemäss dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten». In der renommierten Wochenzeitung «Zeit» meldet er sich erstmals öffentlich zu Wort. Und das ist wohl kein Zufall. Sabine Rückert, Gerichtsreporterin der «Zeit», die auch am heute erschienenen Interview beteiligt war, gehörte von Anfang an dem Pro-Kachelmann-Lager an. Und Rückert spielte auch eine zentrale Rolle, als Kachelmann Ende November 2010 seinen Verteidiger auswechselte. Der Hamburger Anwalt Johann Schwenn, der Reinhard Birkenstock ersetzte, ist ein guter Bekannter der «Zeit»-Journalistin Sabine Rückert. (vin)

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Der Kachelmann-Prozess in Mannheim

Der Kachelmann-Prozess in Mannheim
Die Gerichtsverhandlung am Landgericht Mannheim lief seit September. Jörg Kachelmann wurde am 31. Mai 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen.

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«Ich habe nicht unbedingt an einen Freispruch geglaubt», sagt Jörg Kachelmann in einem grossen Interview mit der deutschen Wochenzeitung «Zeit» (Artikel online nicht verfügbar). Denn im Laufe des Prozesses, der Ende Mai nach über 40 Verhandlungstagen zu Ende ging, habe er den Glauben an die deutsche Justiz verloren. «Ich habe im Gerichtssaal so viel Irrationalität kennengelernt, vor allem auch von den Mannheimer Staatsanwälten, dass ich bis zum Schluss mit der menschlichen Irrationalität rechnen musste.» Er wisse nicht, ob er eine Verurteilung persönlich verkraftet hätte. Er habe jedoch viele zuvor noch unvorstellbare Dinge verkraftet. So habe er 132 Tage in Untersuchungshaft gesessen. «Unschuldig im Knast», wie er betont.

Für das «Zeit»-Interview, das sich über ganze drei Seiten erstreckt, hat sich Kachelmann auf einer Wiese fotografieren lassen. Er trägt ein offenes, rotes Holzfällerhemd, darunter ein weisses T-Shirt, und Jeans. Die Hände stecken lässig in den Hosentaschen. Kachelmann ist ein Medienprofi, der die Wirkung von Bildern kennt. Er weiss, wie er sich in der Öffentlichkeit präsentieren muss. Die Fotos erinnern an den netten und sympathischen Kachelmann, der er vor dem Mannheimer Prozess war.

«Das, was die Nebenklägerin mit mir gemacht hat – das ist kriminell»

Der 52-jährige TV-Moderator beteuert erneut seine Unschuld. Und er erklärt, weshalb er im Gerichtssaal geschwiegen habe. «Was sollte ich auch mehr sagen als die kurze Wahrheit: ‹Ich habe keinem Menschen Gewalt angetan!›» An diesem «Schwachsinn», der über ihn erzählt worden sei, habe er sich nicht beteiligen wollen. «Ich hätte an jedem Prozesstag hundertmal aufstehen und sagen müssen: ‹Das ist gelogen›.»

Im Interview gibt sich Kachelmann auch selbstkritisch und räumt Fehler ein. «Ich habe Frauen belogen und ihnen Räubergeschichten erzählt. (...) Ich habe Menschen verarscht. Es gibt keine Entschuldigung dafür.» In die Reue mischt sich aber auch Wut – Wut auf seine frühere Geliebte Sabine W. «Das, was die Nebenklägerin mit mir gemacht hat, als sie sich den Vorwurf der Vergewaltigung ausdachte – das ist keine Verarsche. Das ist kriminell.»

Kachelmann schreibt ein Buch mit dem Titel «Mannheim»

Trotz allem: Kachelmann möchte nicht resignieren und nicht auswandern. Er bleibt in der Schweiz und in Deutschland: «Ich will was unternehmen.» Neben der Arbeit in seiner Firma Meteomedia und den Engagements bei Radio Basel und Radio Primavera hat er ein konkretes Projekt. So schreibt er an einem Buch, das bald herauskommt. «Es soll den Titel ‹Mannheim› tragen. Mannheim als Sinnbild des Elends.»

Kachelmann macht klar, dass er mit allen Mitteln um seine Ehre kämpft. «Ich werde die Behauptung nicht auf mir sitzen lassen, dass ich gewalttätig gewesen sein soll.» Zivil- und strafrechtlich werde er versuchen, alle Leute zu belangen, die das behauptet haben. «Alles, was deutschen, schweizerischen und amerikanischen Anwälten einfällt, möchte ich in die Schlacht werfen.» Kachelmann klagt, dass seine über 80-jährige Mutter gelitten habe wegen der Vorwürfe von Sabine W. und dass seine Kinder in die Sache hineingezogen worden seien. Auf allzu private Fragen über die Ehe mit der jungen Frau, die er noch während des Prozesses heiratete, reagiert Kachelmann gereizt: «Das geht Sie einen Scheiss an!» Er sagt lediglich, dass sie ihm in der schwierigen Zeit sehr geholfen habe.

«Finanziell hat mich das komplett fertiggemacht»

Im Alltag bewegt sich Kachelmann sehr vorsichtig, und er hat neue Gewohnheiten entwickelt. Er fliege zum Beispiel nicht mehr mit der Lufthansa, weil er vor seiner Festnahme am Frankfurter Flughafen mit dieser Airline geflogen war – und weil die Passagiere der Lufthansa unter anderem die «Bunte» zu lesen bekommen. Kachelmann vermeidet auch Situationen, in denen er mit einer unbekannten Frau allein ist – weil jemand noch einmal derartige Vorwürfe gegen ihn erheben könnte. Und er lässt sich in Baden-Württemberg, wo Schwetzingen und Mannheim liegen, nicht mehr blicken.

Der TV-Moderator lässt durchblicken, dass er dringend Geld braucht. «Finanziell hat mich das alles komplett fertiggemacht.» Scherzend ruft er im Interview die Leserinnen und Leser der «Zeit» auf, ihm ein Seegrundstück in Kanada für eine knappe Million Euro abzukaufen. Den letzten 15 Monaten kann Kachelmann auch Positives abgewinnen. Er habe viel Zeit zum Nachdenken gehabt. «Ich habe heute ein wunderbar geordnetes Berufs- und Privatleben. Ich weiss, was richtig und was falsch ist.» Und er weiss jetzt, wer seine wahren Freunde sind, nachdem er 97 Prozent seines Bekanntenkreises verloren habe. «Es taugen nur ganz wenige, aber die taugen tierisch viel.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.06.2011, 10:59 Uhr

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63 Kommentare

Pius Tschirky

09.06.2011, 12:00 Uhr
Melden 49 Empfehlung 0

Wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein! Antworten


clara wenger

09.06.2011, 12:03 Uhr
Melden 46 Empfehlung 0

er war mir bereits vor den bekannten vorfällen extrem unsympatisch. wer gleichzeitig mehrere "beziehungen" führt, heiratsversprechen macht, menschen absichtlich verarscht und gewalttätig ist, muss sich nicht wundern, wenn der pendel irgendwann in die andere richtung schlägt! warum ihm die medien jetzt wieder eine plattform bieten, kann ich nicht verstehen. werde um-/abschalten sollte er moderieren Antworten



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