«Es war zu viel für eine Seele»
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Chronik
11. April 2009: Die damals 26-jährige Sängerin wird vor einem Soloauftritt in einer Diskothek in Frankfurt am Main festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hatte Haftbefehl wegen des Vorwurfs der schweren Körperverletzung erwirkt.
14. April 2009: Die Staatsanwaltschaft Darmstadt teilt mit, dass Benaissa vor Jahren trotz ihrer HIV-Infektion mit drei Männern ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt haben soll. Mindestens einer der nichtsahnenden Sexualpartner sei nun auch HIV-positiv. Nach Angaben des Pressesprechers Ger Neuber hatte einer der Männer im Jahr 2008 Strafanzeige erstattet. Die Deutsche Aids-Hilfe kritisiert die Verhaftung. Damit werde die Verantwortung für ungeschützten Verkehr allein Benaissa zugeschoben.
21. April 2009: Nach zehn Tagen Untersuchungshaft ist Benaissa wieder auf freiem Fuss. Wegen der Veröffentlichung der Vorwürfe aus dem Intimleben der Sängerin gerät die Staatsanwaltschaft zunehmend in die Kritik.
29. April 2009: Der Fall wird zum Politikum: Der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) verteidigt vor dem Rechtsausschuss des Wiesbadener Landtags gegenüber der Opposition das Vorgehen der Ermittler.
1. Juli 2009: Benaissa spricht in der RTL-Sendung «Stern TV» erstmals öffentlich über ihre HIV-Infektion.
15. Juli 2009: Bei der verspäteten Präsentation des neuen No-Angels-Albums in Berlin stellen sich die Bandkolleginnen demonstrativ hinter Nadja Benaissa.
8. November 2009: Benaissa hält eine viel beachtete Rede auf der Berliner Aids-Gala. Sie habe unter enormem Druck gestanden, ihre Infektion geheim zu halten: «Es gab Erpressungen, Drohungen.»
12. Februar 2010: Die Staatsanwaltschaft Darmstadt erhebt gegen Benaissa Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter gefährlicher Körperverletzung. Bei den Vernehmungen habe sie eingeräumt, bereits seit 1999 von ihrer HIV-Infektion zu wissen.
18. Mai 2010: Das Amtsgericht Darmstadt lässt die Anklage der Staatsanwaltschaft zur Hauptverhandlung zu. Der Prozess vor dem Jugendschöffengericht wird auf fünf Verhandlungstage angesetzt.
16. August 2010: Prozessbeginn in Darmstadt.
Vor ein paar Jahren soll sie sich noch ganz anders angehört haben. Das berichtet der Zeuge, den sie angesteckt haben soll, vor Gericht. Nadja hatte demnach für ihn nur einen kurzen Kommentar übrig. «Er wird lernen, damit umzugehen», soll sie zu ihrer Tante gesagt haben.
Die Anklage wiegt schwer: gefährliche Körperverletzung. Dafür droht ihr eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zehn Jahren. In den Fällen, bei denen es nicht zur Ansteckung kam, wird ihr versuchte Körperverletzung vorgeworfen.
Für den 34-jährigen Künstlerbetreuer, den Benaissa 2004 bei Studio-Aufnahmen kennenlernte, ist seit seinem Aids-Test im Jahr 2007 nichts mehr, wie es war, nicht nur weil er beruflich kürzertreten musste. Die Immunschwäche-Krankheit kann jederzeit ausbrechen, die Lebenserwartung ist signifikant gesunken.
«Du hast mir so viel Leid zugetragen»
Damals hatten sie sich geliebt, fünf bis sieben Mal körperlich, so das Vernehmungsprotokoll. Nun begegnen sie sich vor Gericht wieder. «Ich wollte das hier nicht», sagt der Exfreund. Trotzdem hat er mit seiner 2008 erstatteten Anzeige den Prozess ins Rollen gebracht und tritt darin als Nebenkläger auf. Die Liebschaft der beiden währte nur kurz. Sie nahm ein jähes Ende, als Benaissa für die MTV-Sendung «Dismissed» in die Karibik flog. Und sich in der Dominikanischen Republik mit einem anderen Mann, so die Anklage, am Strand vergnügte. Wiederum ungeschützt.
«Du hast mir so viel Leid zugetragen», sagt der 34-Jährige direkt an Benaissa gewandt. In seiner Stimme scheint eine tiefe Wut mitzuschwingen. Mit jeder Bettpartnerin nach seiner Ansteckung habe er zum Arzt gehen müssen. «Über die Zeit hat sich mein Brechreiz erhöht», erklärt er dem Richter. Schliesslich will er der Sängerin ein Ultimatum gestellt haben: entweder öffentlich zur HIV-Infektion bekennen und 100.000 Euro an eine Aids-Stiftung überweisen oder der Rechtsweg. Benaissa hatte zu diesem Zeitpunkt wegen massiver Schulden gerade eine Eidesstattliche Versicherung abgegeben und somit gar keine Wahl.
Outing von Staats wegen
So kam es am 11. April 2009 zur spektakulären Verhaftung der Sängerin unmittelbar vor einem Soloauftritt in einer Frankfurter Diskothek. Das Outing nahm ihr die Staatsanwaltschaft in einer viel kritisierten Pressemitteilung ab. Zehn Tage blieb Benaissa in Untersuchungshaft. Später sprach sie im Fernsehen über ihre Krankheit. Dem Richter erklärt sie nun, dass das Verfahren ihr vor Augen geführt habe, dass ihr Umgang mit der Krankheit falsch war.
Der Druck aber sei enorm gewesen. Die Karriere, das ganze Projekt No Angels habe auf dem Spiel gestanden. Wie deutlich der Druck vonseiten ihres Managements war, liess sie offen. «Ich kann nur sagen, dass ich es nicht gewollt habe, dass Umstände dazu geführt haben, dass ich die Kontrolle verloren habe», sagt sie und Kämpft dabei sichtlich mit den Tränen.
Tante wurde als Zeugin vernommen
Gerüchte über die HIV-Infizierung Benaissas kursierten in der Musikbranche schon viele Jahre vor dem Zwangs-Outing. Sie selbst sei daher davon ausgegangen, dass der Künstlerbetreuer davon gewusst haben musste. Dieser hingegen erklärt, erst drei Jahre später von einer Tante der Sängerin davon erfahren zu haben. Über Verhütung sei damals jedenfalls nie gesprochen worden, darin sind sich beide einig.
Ob der 34-Jährige tatsächlich von Benaissa angesteckt wurde, bleibt zu klären. Denn erst nach dem Gespräch mit der Tante liess er sich selbst testen. Die Tante wurde am Nachmittag unter Ausschluss der Öffentlichkeit als Zeugin vernommen.
Radikaler Lebenswandel
Wie Benaissa selbst zu ihrer Infektion gekommen ist, weiss sie nach eigenen Angaben nicht. Erfahren habe sie es, nachdem sie mit 16 Jahren schwanger geworden war - also 1998. Im Jahr 2000 nahm sie am Casting für die Band No Angels teil und wurde über Nacht zum Pop-Star. Von da an ging alles sehr schnell. Das alte Leben war vorbei. Das neue war in weiten Teilen öffentlich. In den Boulevard-Medien war schon bald auch ihr Drogen-Konsum als Jugendliche zum Thema. Vor einer offenen Debatte über HIV habe sie daher «tierische Angst» gehabt. «Ich musste die Rolle bewahren», sagt Benaissa. «Ich konnte nicht alles richtig machen. Es war zu viel für eine Seele.» (bru/dapd (Benjamin Wünsch))
Erstellt: 16.08.2010, 18:00 Uhr
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