Die perfekte Fälschung eines Topmodels

Von Simone Matthieu. Aktualisiert am 11.05.2009

Heidi Klum hat alles, was sich ein Mensch wünscht: Sie ist schön, berühmt, reich und immer guter Laune. Sie hat einen Mann, der sie und die Kinder vergöttert. Nur eines hat sie nicht: Die Karriere als Topmodel, auf der ihr ganzes Imperium fusst.

1/22 Ein Küsschen für die Kameras – so zeigten sich Heidi Klum und Seal gerne.
Bild: Keystone

   

Beim Blick an die Fassade des Klum'schen Familienlebens muss man vor Neid erblassen. Hier scheint alles zu stimmen, scheinen alle glücklich und ausgefüllt zu sein.

Ehemann Seal ist ein erfolgreicher britischer Sänger und leidenschaftlicher Papa für die bald vier Kinder, die er mit Heidi Klum hat. Wovon das älteste, Tochter Leni, von Formel-1-Boss Flavio Briatore gezeugt, aber nicht anerkannt wurde. Seal adoptierte das Mädchen bei der Heirat mit Klum 2005. Mama Heidi ist ein international erfolgreiches Topmodel. Und alle zusammen scheinen sie ein Jet-Set-Leben ohne Schattenseiten zu führen.

Hinter der Fassade

Alles perfekt, solange Mama Klum der Welt noch weismachen kann, dass sie zu den Topmodels ihrer Zeit gehört. Was nicht der Fall ist. Klum ist, um es mit dem Worten von Stardesigner Wolfgang Joop zu sagen, «ein Werbegirl, kein Modell». Trotzdem darf Klum am TV, in ihrer Show «Germany's next Topmodel» (GNTM) Nachwuchsmodels drillen, ihnen Dinge abverlangen, die sie selber oft nur vom Hörensagen kennt. «Mädchen, die laut Body-Mass-Index untergewichtig sind, sind für eine Modellkarriere dennoch zu dick – das sind die Ansprüche, die heutzutage an euch gestellt werden», trichtert Klum den Mädchen ein. Sie selber würde in ihrer Show nicht einmal in die enge Auswahl kommen, sind Joop und dessen Kollege Karl Lagerfeld überzeugt. «Ein gutes Model hat keine Haar-Extensions, keine falschen Fingernägel, keinen falschen Busen, keine aufgespritzten Lippen. Ich weiss nicht, was an Heidi echt ist», so Joops Analyse. «Heidi ist ein Typ, der sich anpasst, ohne jegliche Individualität.»

Abgesehen von der jährlichen, hochgejubelten Dessous-Glamour-Glitzer-Schau von Victoria's Secret, ist Klum nämlich nicht als Mannequin im Einsatz. Für Dessous-Models gelten allerdings bekanntlich auch andere körperliche Voraussetzungen, sie dürfen mehr Rundungen haben, als die normalen Runway-Models.

Zufall, dass der Trend, als frisch gebackene Mutter innert zwei Monaten wieder einen Body zum Unterwäsche-Präsentieren zu haben, ausgerechnet von Klum gesetzt wurde?

Geschäft über alles

Heidi Klum ist vor allem eins: clever. Als sie gemerkt hat, dass es mit der grossen Modelkarriere wohl nichts wird, hat sie umdisponiert und die Welt auf andere Art erobert. Warum nicht als Werbegirl? Ihr gewinnendes Lachen, ihre natürliche Erotik, ihr scheinbar unerschütterlich aufgestelltes Wesen – das kommt an. Keine Fluchwörter, kein schlechtes Benehmen, keine Drogen, keine Exzesse. Bei Heidi Klum ist alles propper und wie aus dem Ei gepellt. Das weiss die gewiefte Geschäftsfrau sehr wohl. Und sie weiss, daraus Kapital zu schlagen. Die Amerikaner lieben das Girl aus Deutschland. Und in Deutschland wird sie wegen ihres Erfolgs im Ausland vergöttert.

Heute hat Klum sich einen Status erarbeitet, der ihr erlaubt, zu tun und zu lassen, was sie will. Was sie anfasst, wird zu Gold. Sie hat eine eigene Firma, ist unabhängig. Ihre unzähligen Mode-, Schmuck-, oder Beauty-Kollektionen gehen weg wie warme Semmeln. Ihre TV-Shows brechen Quotenrekorde. Sie ist Aushängeschild für dutzende Marken und Produkte, lächelt ihr gewinnendes Lächeln von unzähligen Werbeplakaten und in unzähligen Werbespots. Sogar als sie erstmals einen Versuch als Sängerin wagte, schnellte ihre CD auf den beachtlichen Platz 13 der deutschen Hitparade.

Kritik erreicht die Klum nicht mehr

Doch nicht alle mögen, was die 35-Jährige tut: Experten, Eltern und Ernährungsberater kritisieren GNTM regelmässig. Sie befürchteten, das gezeigte Körper-Ideal habe einen verheerenden Einfluss auf junge Mädchen und fördere Essstörungen. Ausserdem klagen immer wieder ehemalige Kandidatinnen über die «Knebelverträge», welche sie mit der «Heidi Klum GmbH», deren Vorsitzender Heidis Vater Günther ist, unterschreiben müssen. Auch das Gerücht, die Heidi Klum GmbH würde 40 Prozent aller Gagen der Kandidatinnen kassieren, kommt immer wieder auf.

Die Tierorganisation PETA hat Klum ebenfalls ins Visier genommen. Weil sie gerne Pelz trägt, wurde sie 2008 zur «Worst Dressed German» gewählt. Und die feministische Zeitschrift «Emma» kürte Klum in der Ausgabe Mai/Juni 2009 zum «Pascha des Monats», wegen ihres harschen Umgangs mit den GNTM-Kandidatinnen.

GNTM läuft nichtsdestotrotz weiter, zurzeit in der vierten Staffel. Klum ist immer noch harsch zu den GNTM-Kandidatinnen, Emma hin oder her. Kritik scheint an diesem ewig strahlenden Wesen abzugleiten wie an einer Teflonpfanne. Würde sich Klum von Gegenwind bremsen lassen, wäre sie auch nie dahin gekommen, wo sie heute ist. Ganz oben auf dem Olymp der internationalen Topmodels – ohne je Topmodel gewesen zu sein. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.05.2009, 15:24 Uhr

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