Olympia 2012
«Eine Geisterstadt? Das ist Blödsinn!»
Von Christian Lüscher, London. Aktualisiert am 05.08.2012 5 Kommentare
Michelle Wade und ihr Ehemann im Maison Bertaux, dem ältesten Café Londons. (5. August 2012) (Bild: Christian Lüscher)
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«Das ist neuer Rekord. Nachmittags habe ich noch nie so schnell einen Fahrgast von Farrington zum Piccadilly gefahren», sagt Taxifahrer Steven mit einem Lächeln. Er spielt auf die leeren Strassen an. Wie englische Medien berichten, habe der Verkehr in der City um einen Fünftel abgenommen. London ist ruhig. Ähnliches berichten Michelle und Tania Wade. Die beiden betreiben das älteste Café in London an der Greek Street. Seit 1871 gibt es das Maison Bertaux im Quartier Soho. «Das Geschäft mit Olympiatouristen läuft schlecht. Selbst die lokalen Kunden bleiben fern», sagt Michelle Wade. Sie sei nicht gegen Olympia, ganz im Gegenteil. «Wir haben uns extra herausgeputzt für die Spiele, aber die Party findet wo anders statt», sagt Wade mit einem Seufzer.
Dass das Geschäft schlecht läuft, sieht Londons Spitze total anders. In den britischen Zeitungen sagen sie dieser Tage, dass das Klagen in den Medien aufhören müsse. «Das ist doch absoluter Blödsinn, was ich täglich höre», sagt Kulturchef Jeremy Hunt. Im «Evening Standard» dementiert er die allgemeine Meinung, Londons Stadtviertel im Westen gleiche einer Geisterstadt. Der Stadt gehe es prächtig und es laufe alles nach Plan. Hunt gibt den Unternehmern Schuld für das harzende Geschäft. Es sei die Konsequenz schlechter Planung. «Sieben Jahre konnten sich die Leute auf diesen Event vorbereiten. Man hatte genug Zeit, entsprechend ins Marketing zu investieren», sagt Hunt und verweist auf jüngst erhobene Zahlen: 10,5 Prozent mehr Fahrgäste würde die U-Bahn befördern. Die Anzahl Besucher im West End sei unverändert. Im Osten, wo der gigantische Olympiapark steht, sei die Anzahl der Besucher um 40'000 gestiegen.
«In einem Jahr wird sich keiner mehr beklagen»
«Über alles gesehen sind die Spiele wirtschaftlich ein Erfolg», sagt Hunt der Zeitung. Er prognostiziert gar eine Langzeitwirkung. Die olympischen Spiele würden London in den nächsten Wochen künftig noch mehr Touristen bringen, und zwar 4,5 Millionen. Als Botschaft für die angeschlagene Theater- und Musicalbranche sagt Hunt: «Die Eröffnungszeremonie war beste Werbung für die britische Kreativität. Ich bin überzeugt, dass die Touristen nach Olympia vermehrt ins Theater kommen werden. In einem Jahr wird sich keiner mehr beklagen.»
Auch Londons Bürgermeister Boris Johnson, der von der Presse für seine U-Bahn-Warnung kritisiert wird, will von einer Besucherkrise nichts wissen. Er habe keine Besucher verscheucht, als er die Londoner aufforderte, zu Hause zu bleiben, um einen Verkehrskollaps zu verhindern. Dass sich viele Musicalveranstalter und Restaurantbesitzer über schlechte Auslastung beklagen, kann Johnson nicht verstehen. «Jeder macht mich für das schlechte Geschäft verantwortlich. Aber eigentlich mache ich in meinen TV-Interviews laufend Werbung für ganz London», sagt Johnson in den Medien. Die Angst sei unbegründet. In London laufe alles hervorragend gut.
Leere U-Bahn Richtung Stratford
Derweil haben Londons Organisatoren die Botschaft angepasst: «Vergesst nicht, ganz London und seine Vorteile zu geniessen.» Und Englands Premier David Cameron fordert seine Landleute im Fernsehen auf, ins West End Londons zurückzukommen. Die Probleme mit der U-Bahn seien in den letzten Tagen übertrieben dargestellt worden. Tatsächlich kann man keineswegs von Problemen im öffentlichen Verkehr sprechen. Die Befürchtungen, das Einkaufszentrum Westfield in Stratford würde am Wochenende von Olympiabesuchern überrannt, haben sich nicht bewahrheitet. Die U-Bahn war am frühen Abend Richtung Stratford teilweise leer. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.08.2012, 17:11 Uhr
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5 Kommentare
Als "Nicht-Olympia-Tourist" hätte ich auch keine Lust, einen City-Trip nach London zu machen, wenn die Hotelübernachtungen besonders teuer sind. Dazu kommt, dass Sportfans eher spartanisch sind und im Ausgang eher nicht der Brüller (mit Ausnahme von mir natürlich). Es wird aber bestimmt auch einfach zu viel gejammert. Ich wäre überglücklich, wenn die Olympia in der Schweiz wäre. Antworten
Der Bürgermeister und der Kulturchef sagen den Kleinunternehmern, wie man geschäften müsste, um erfolgreich zu sein? Ein Schmunzeln wert. Die Tipps des Bürgermeisters eignen sich allenfalls für Banken, Finanzdienstleistungen und andere staatlich subventionierte Branchen. Antworten
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