Die Radikal-Meditation
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 27.10.2011 1 Kommentar
Album
Das Album (Vinyl): Pendulum Nisum (www.hinterzimmer-records.com). Mike Reber tritt am Samstag, 29. Oktober, mit seiner Herpes ö Deluxe im Rahmen des Festivals Zoom in im Berner Münster auf.
Zuweilen geht die Musik andere Wege, als jene, die wir – sagen wir mal – von Radio Energy her kennen. Und fast immer kommt etwas Gewohnheitswidriges heraus, wenn der Berner Mike Reber am Regiepult sitzt. Heute sitzt er im Aussenbereich der Berner Gastwirtschaft «Drei Eidgenossen», sich trotzig gegen die Kälte sperrend, mit ernsten Gesichtszügen und kantigem Bart. Mike Reber ist ein stämmiges Stück Mann. Seine Stimme ist tief, seine Aussagen bestimmt, selten spricht er ein Wort zu viel, und doch bleibt er stets präzise.
Zum Beispiel dann, wenn er seine künstlerische Unfassbarkeit erklären soll: «Schon das Wort Künstler schmeckt mir nicht», sagt er mit ernster Stimme. «Ich habe mich nie als Künstler verstanden. Ich war stets der Macher. Und ich hatte immer das Glück, mit inspirierenden Leuten arbeiten zu können.»
Meret Matter oder Lukas Bärfuss haben ihn als Schauspieler eingesetzt, mit Norbert Klassen hat er Performances ersonnen und aufgeführt, er hat mit Beat-Man musiziert, hat Sprengungen des Künstlers Pavel Schmidt vertont, Theatermusik geschrieben, und er produziert seit fast dreissig Jahren Musik im weiten Felde des Bruitismus. Mit seiner Stammband Herpes ö Deluxe hat er kürzlich eine kleine Europatournee unternommen, die Gruppe ist unter Klangkunst-Freunden und Interessenten experimenteller elektronischer Musik weltweit geachtet. Und unlängst hat die 19-jährige Filmerin Lisa Gertsch einen Dok-Film über ihn gedreht. Er trägt den hübschen Titel «M. R. – Nachts träumte er von enormer Lautstärke».
Majestätische Schönheit
Soeben hat Mike Reber unter dem Bandnamen Pendulum Nisum ein neues Klangwerk fertiggestellt, eine Gemeinschaftsarbeit mit dem Berner Tonkünstler Reto Mäder . Es ist beinahe aufschlussreicher zu notieren, was sich in der Musik der beiden nicht findet, als deren Bestandteile auszubreiten. Einen Rhythmus sucht man auf diesem Album beispielsweise vergeblich, Strophen und Refrains freilich ebenso. Es gibt keine Fugen und keine Themen, keine Soli, keine Poesie, und letztlich gibt es auch kaum Struktur in dieser Musik. Was bleibt sind schier meditative aber durchaus ereignisreiche Klangflächen, in denen sich rätselhafte Alltagsgeräusche, raffiniert verfremdete Instrumente und Subbässe aus alten Synthesizern zu einem grossen Ganzen zusammenfügen. In der Summe ergibt das eine Art musikalische Ganzkörpermassage, selbstredend meilenweit weg von esoterischem Wellness-Ambient-Geschalle. Nennen wir es Radikal-Meditation.
Es ist eine mulmige, fast schon majestätische Schönheit, die Mike Reber und Reto Mäder hier geschaffen haben – keine Musik, die sich im Vorbeigehen erschliesst, nichts für leichte Wesen, die es nach heiterer Unterhaltung dürstet – ein Werk von schauriger Düsterheit.
Melancholisch-geisterhaft
«Ich habe vor etwa 15 Jahren damit begonnen, auf Reisen oder Spaziergängen, Tonaufnahmen zu machen – wo andere ihren Fotoapparat zücken, stelle ich mein Mikrofon auf», sagt Mike Reber. In den Jahren ist ein gewaltiges Ton-Archiv entstanden, das nun als Grundlage für dieses Album diente. Mit Reto Mäder hat Reber einen klanglich Gleichgesinnten gefunden, der sich bereit erklärte, seine «Field Recordings» mit eigenen Aufnahmen zu kreuzen und in einen neuen Kontext zu bugsieren. Gemeinsam arbeitete man an einem Layout für die Tracks, addierte akustische und elektronische Instrumente, und fand zu einem Klang, der sich durch das Album zieht. «Es ist der Soundtrack für einen Film, der noch nicht existiert, jeder kreiert dabei seine eigenen Bilder», erklärt Reber.
Er selber bezeichnet das Ergebnis als «melancholisch-geisterhaft», dazu passen die sonnenlosen Bilder, die der Fotograf Reto Camenisch für das Projekt zur Verfügung stellte und die nun das Cover des Albums zieren. Acht Positionen enthält das Werk, acht Orte, in die man fast schon räumlich eintaucht, bloss um jeden aufkommenden Orientierungssinn alsbald wieder sabotiert zu bekommen.
«Das Stück ‹The Aesthetics of Imperfection› spielt beispielsweise in der Rathausgasse, alle Geräusche stammen von hier. Einmal hat es geregnet, ich begann aufzunehmen, dann kam plötzlich eine wunderschöne Frau vorbei und pfiff eine Melodie – es hatte etwas Traumhaftes.» Unnötig zu erwähnen, dass es Mike Reber gefallen hat, diese aufkommende Anmut mit einem sonoren Donnerschlag aus dem MS-20-Synthesizer zu ramponieren. «Vermutlich ist dieses Album dem Black Metal näher als der Ambient Music», wirft Mike Reber ein und meint damit eine Form der hypnotischen Schwarzmalermusik, wie sie etwa von der Band Sunn O))) etabliert hat. «Dieses Album ist eine Art Soundtrack meines Lebens, jedenfalls ein Ausschnitt davon», sagt Mike Reber und nimmt einen letzten Schluck Eisenkraut-Tee. «Ich höre diese Musik oft zum Einschlafen.» Wie war noch mal der Titel seines filmischen Porträts? «M. R. – Nachts träumte er von enormer Lautstärke». (Der Bund)
Erstellt: 27.10.2011, 17:26 Uhr
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