Wie dünnhäutig Christen sind. Wie zerbrechlich ihr Glaube. Ihre Gefühle würden verletzt, wenn Andersdenkende öffentlich postulieren sollten, es gebe wahrscheinlich keinen Gott. Der Zuger Stadtrat verbietet «Atheisten-Plakate», die schon in England und anderen Ländern nicht nur fromme Gemüter erhitzten. «Eine Provokation», lamentiert die Exekutive der katholischen Stadt, «ein Affront.» Wo, mit Verlaub, bleibt da die Meinungsäusserungsfreiheit?
Wo die (Religions-)Freiheit,bekennend religionslos zu sein?
Die Freidenker, die hinter der Kampagne stehen, sind ein loser Bund von Agnostikern und Atheisten. Sie sind so etwas wie die Stimme der Konfessionslosen, immerhin 11 Prozent der Bevölkerung und eine ständig wachsende Gruppe, die dennoch kaum gehört wird.
Es ist paradox: In einer säkularen Gesellschaft, in der die Kirchen lautstark über Glaubensschwund klagen, ist Religion noch immer salonfähiger als der Unglaube. Für Politiker und öffentliche Personen schickt es sich, sich zu Gott oder zumindest zu christlichen Werten zu bekennen. Der Rat der Religionen oder interreligiöse Gesprächsgruppen gehören zu den Meinungsführern dieser Gesellschaft. Die Rückkehr der Religion ist in aller Munde. Die Agentur C, seinerzeit vom inzwischen verstorbenen Sipuro-Fabrikanten Heinrich Rohrer gegründet, hängt jahrein, jahraus fromme Plakate auf, ohne Anstoss zu erregen.
Freidenker sind keine Ignoranten und Indifferente. Sie befassen sich, gewiss manchmal verbissen und ideologisch, mit Religion und besorgen das notwendige Geschäft der Religionskritik. Sie kritisieren religiös legitimierte Kriege und Machtansprüche, geisseln den Reichtum der «Kirche der Armen», die Doppelbödigkeit von Moralaposteln, aber auch Esoterik, Astrologie und sonstigen Aberglauben.
Die Freidenker-Kampagne ist kein Affront, wie das der Zuger Stadtrat sieht. Warum aber sollte sie nicht Provokation sein? Eine läuternde Provokation, die Christen anspornt, die Menschenfreundlichkeit des Gottes vorzuleben, an den sie glauben. Eine Herausforderung für Gläubige zu zeigen, dass ihr Glaube sie zu kühnen Visionen beflügelt, jenseits der stumpfen Endlichkeit.>
(Der Bund)